Sonntagsgedanken

Licht in der Finsternis

von Oliver Baumgartner, Reformierter Pfarrer in Henggart
30. November 2018

Die erste Kerze auf dem Adventskranz ist eigentlich etwas Kleines, Schwaches, Harmloses. Sie trägt nur ganz wenig Feuer. Denn ein grosses Feuer ist ja etwas sehr ­Bedrohliches, Gefährliches, was uns durchaus verbrennen, verletzen und sogar töten kann. So eine Kerze aber ist ein domestiziertes, ein gebändigtes Feuer. Und damit ist sie uns Menschen ähnlich, auf zwei Arten: Sie ist ein Feuer, aber sie ist ein Feuer, das von Menschen gezähmt und kultiviert worden ist. Und sie ist dem Menschen ähnlich in seiner Hinfälligkeit: Die kleine Flamme einer Kerze löscht schnell aus; ein schwacher Windhauch genügt schon.

Zugleich ist das Licht der Kerze aber auch etwas Mächtiges und Starkes. Denn keine Finsternis ist so stark, dass sie das Licht einer Kerze überwinden könnte. Sobald das Licht der Kerze in die Finsternis fällt, ist die Finsternis besiegt. Und deshalb symbolisiert die Kerze Gottes Kraft, die in der Geburt Jesu offenbar wird: Gott kommt in die Welt wie das Licht in die Finsternis. Sie steht für das, was Menschen brauchen: Licht und Wärme. Und damit steht sie für das Gute und sogar für das Leben überhaupt. In der Kirche ist sie als Osterkerze das Symbol für die Gegenwart des Auferstandenen.

Eine Kerze ist aber auch etwas, das Licht gibt und sich dabei verbraucht, sich verzehrt. Sie ist damit zu einem Symbol geworden für das Opfer des eigenen Lebens, für Christus am Kreuz und auch für Menschen, die ihr Leben für andere geben, ihre Kraft, ihr Licht, ihre Wärme. Sie ist das Symbol für das gute Feuer, genau wie auch das Herdfeuer, das den Menschen hilft und Leben ermöglicht. Das böse Feuer, das unkon­trol­lier­te, der Waldbrand oder der Hausbrand ist dagegen das zerstörerische Feuer, das nur für seinen eigenen Zweck brennt.

Inzwischen ist für viele eine Kerze wieder etwas Faszinierendes, weil wir heute in einer sterilen Plastikwelt leben. Licht machen wir längst nicht mehr mit Kerzen, auch nicht mehr mit Glühlampen, sondern modern und digital mit LED-Lampen. Moderne Kinder wissen oft nicht mehr, wie Feuer sich anfühlt, wie Rauch riecht und die Haare sich kringeln, wenn man zu nahe kommt. So ist das frühere Kultursymbol Kerze inzwischen zu einem kleinen Bisschen Natur für Wohlstandskinder geworden, zu einem Zeichen auch für die erwachsene Sehnsucht nach altmodisch-analoger Ursprünglichkeit.

Eine Kerze sakralisiert den Raum und die Zeit: Sie macht etwas Besonderes daraus. Sie fasziniert als Symbol von Natur und Kultur, von menschlicher Schwäche und unserer Sehnsucht nach Leben, nach wärmender Liebe und Vollkommenheit. So viele Assoziationen treffen sich in dieser kleinen Adventskerze! Sie ist eine von vier und zeigt uns, dass da etwas kommt, das mit all dem etwas zu tun hat, was wir über die Kerze gesagt haben, die Erfüllung und Vollendung von dem, was uns durch die erste Kerze angedeutet wird: «Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern das Licht des Lebens haben.»

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