Sport

Frauenpower im Pferdesport

Im Springreiten treten Frauen mit den gleichen Chancen gegen Männer an. Und sie feiern Erfolge. So auch die beiden Weinländerinnen Tamara Schnyder und Deliah Oertli, die sich intensiv ihren Pferden widmen.

von Christine Seyffer
29. Mai 2018

Wenn Tamara Schnyder in den Sattel steigt, gibt sie alles, wendet atemberaubend eng und scheint mit ihrem zehnjährigen Oldenburger Hengst «Quinsten TS» über die Sprünge zu fliegen. In nationalen Turnieren ist die Draufgängerin ein sicherer Wert für einen Siegesritt, nun hat Tamara Schnyder ihr Können an internationalen Turnieren bewiesen: Beim CS15 in Hamburg ritt die 35-jährige dreimal aufs Podest, in Waldshut siegte sie. Ihr erstes Turnier gewann die Tochter von Springreiterin Cornelia Nievergelt mit zwölf Jahren.

Der Springsport ist auf regionaler Ebene mit 80 Prozent Anteil fest in Frauenhand. «Reiten hat wenig mit Krafteinwirkung zu tun», sagt Tamara Schnyder. «Gute körperliche Fitness ist wichtig, aber entscheidend ist ein guter Umgang mit dem Pferd.» Offensichtlich ist, dass weniger Frauen den Reitsport als Beruf wählen. Beim Besuch auf dem Elternhof in Gütighausen wird spürbar, wie gross der Aufwand ist. Sechs Pferde stehen im eigenen Stall, vier sind auswärts stationiert. In Irene Sturzenegger aus Humlikon hat Tamara Schnyder eine Sponsorin gefunden, die sie auf Turniere begleitet, sie tatkräftig unterstützt und ihr Pferde zur Verfügung stellt.

Kein Springtraining
Der Tag beginnt für die gelernte Kauffrau schon frühmorgens mit Stallarbeit. «Nach dem Frühstück mit meiner Tochter Belinda (10) widme ich mich den Pferden.» Sie bringt sie auf die Weide oder reitet der Thur entlang. Ein Laufband steht als Trainingshilfe zur Verfügung, ein Solarium für Pferde enspannt deren Muskeln nach dem Reiten. Springtraining gibt es für Tamara und ihre Pferde allerdings nicht. «Unter der Woche wird nur an der Kondition und der Motivation der Pferde gearbeitet.»

Tamara Schnyder feiert in der Schweiz Seriensiege. Sie will aber noch höher hinaus. Die lebensfrohe Reiterin geht ihren eigenen Weg, sie hat Biss ohne verbissen zu wirken. Innert Minuten hat sie einen Parcours erfasst. Auf dem Abreitplatz bleibt sie cool, erst wenn die Glocke erklingt, erwacht das Feuer, das sie oft zum Sieg trägt. Ihr Erfolgsrezept: «Gute, motivierte Pferde und ein starker Wille.»

Ein Weg, der oft im Sand verläuft
Gleich auf der anderen Seite der Thur lebt eine weitere erfolgreiche Reiterin. Deliah Oertli wohnt in Ossingen in einer Mühle aus dem 13. Jahrhundert. Hier führt sie mit ihrem Mann Christian eine Fohlenaufzucht, eine Sportpferdehaltung und einen Weinbau-Betrieb. Sie ist Pferdefrau von klein auf. «Ich war eher ein Cowboy als eine Springreiterin», erinnert sich die 33-Jährige. In der Bereiter-Lehre bei Hans­ueli Sprunger hat sie die Faszination des Springreitens entdeckt. Nach ihrer Lehrabschlussprüfung im Jahr 2005 ging sie erstmals regional an den Start. Ein normaler Weg einer pferdesportbegeisterten Frau, der meist irgendwo im Sand verläuft.

Denn der Beruf als Bereiterin beinhaltet viel anstrengende Stallarbeit mit knapper Entlöhnung und wenig Freizeit. Doch die junge Frau biss sich durch. Das Liebesglück stand auf ihrer Seite. 2009 lernte sie den Springreiter Christian Oertli kennen. Dank seiner Mäzenin Johanna Glanzmann aus Oerlingen konnte sie im Sattel der Wallache «Lionel de la ferme» und «KK Wanuck» ihre ersten Erfolge feiern.

Reflektierte Reiterin
Ihre reitsportliche Zukunft im Stall Oertli heisst «Heidefee», eine zierliche zehnjährige Schimmelstute, die perfekt zur Ossingerin passt. «Ein absolut grossartiges Gefühl», sagt Deliah Oertli. Umso mehr als die Bereiterin das  Pferd selber ausgebildet hat. 2018 ist sie mit ihm in der S-Klasse, der obersten Leistungsstufe, angekommen. «Heidefee braucht viel Verständnis und Feingefühl», sagt sie. Ihr Geheimrezept: «Täglicher Weidegang, abwechslungsreiche Arbeit mit Dressur und Springen.»

Die 33-Jährige reitet reflektiert. Sie geht auch mal einen Schritt zurück, wenn etwas noch nicht ganz sitzt. Unterstützt wird sie von ihrem Mann: «Ohne Christian wäre ich nie so weit gekommen», sagt sie. Zur mentalen Stärke verhilft ihr ein Buch des französischen Springreiters Michel Robert. «Ich habe keine Angst vor hohen Zielen», versichert sie. Und diese sind klar gesteckt: Erfolg mit Heidefee in der S-Klasse, mit Lionel wird sie an der Springkonkurrenz Andelfingen an den Start gehen. Sie freut sich: «Ich reite sehr gerne an diesem Turnier mit. Das ist immer etwas ganz Spezielles.».

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