Weinland

Besondere Rüebli retten

30 Tonnen Rüebli sollen unter die Erde gefahren werden. Denn das Gemüse, das im Weinland angebaut wurde, ist zu gross. Dominik Waser vom Verein Grassrooted will das verhindern. Die Aktion erregt die Gemüter – auf unterschiedliche Weise.

von Eva Wanner
09. November 2018

Findet der Hobbygärtner im heimischen Hochbeet eine besonders grosse Zucchetti, freut er sich. Sieht der Landwirt aber, dass seine Rüebli grösser sind als die vom Abnehmer vorgegebene Norm, freut er sich überhaupt nicht. Im Gegenteil – diese Karotten bringt er nicht an den Mann, zumindest nicht via den Grossabnehmer, mit dem er das sonst tut. Im schlimmsten Fall müsste das ganze Feld unter die Erde gefahren werden.

Mit dieser Krux setzt sich Dominik Waser auseinander. Im Frühjahr hat er mit einigen Gleichgesinnten den Verein Grassrooted gegründet («Grassroots» heisst wörtlich übersetzt Graswurzel und in der Bedeutung soviel wie Basis). Im Sommer machten er und seine Mitstreiter auf sich aufmerksam, als sie 30 Tonnen Tomaten, die in der Schweiz produziert wurden und kleine Mängel aufwiesen, mitten in Zürich verkauften. Auf Voranmeldung wurden die Tomaten bestellt und günstig abgegeben.

Eine aufsehenerregende Aktion – und genau das ist das Ziel von Dominik Waser. «Wir wollen Empörung auslösen», sagt er. Auch bei seiner jüngsten Aktion: Verkauf und Verarbeitung von 30 Tonnen bunten Rüebli. Angebaut wurden sie im Weinland – und sie seien zu lang und zu gross, um vom Grossverteiler abgenommen zu werden. 25 Tonnen sollen zu Saft verarbeitet werden. Fünf weitere Tonnen werden diesen Samstag am Martinimärt in der Zürcher Stadtgärtnerei verkauft, am Stand von Grassrooted. Die Rüebli seien in diesem trockenen Sommer besonders gehegt worden, der Landwirt habe sie gar notbewässert, erklärt Dominik Waser die Grösse.

Nicht selber ernten
Wo genau das Feld im Weinland liegt und wer der Produzent ist, verrät Dominik Waser nicht. Aus gutem Grund: Kaum hatte Grassrooted auf Facebook das Video zur Rettungsaktion veröffentlicht, hätten schon die Ersten angefragt, wo das Feld liege – sie würden gerne selber ernten. Genau das ist aber nicht der Sinn der Aktion: «Würden die Menschen selbst auf das Feld fahren, hätte der Landwirt einen Mehraufwand, möglicherweise würde das Feld in Mitleidenschaft gezogen, und ökologisch wäre das auch kaum sinnvoll», sagt Dominik Waser.

Damit verweist er auch auf Kritiker, die bemängeln, dass nun extra ein Lastwagen aufgeboten werden muss, der die Rüebli in die Stadt bringt. Was wohl ökologischer sei, «ein Lastwagen auf kurze Distanz oder Hunderte Autos, die zum selben Hof fahren?», fragt Dominik Waser rhetorisch. Dennoch wird auf der Social-Media-Plattform heiss diskutiert – die Aktion polarisiert. Die einen finden, das Gemüse müsste doch auch anders verarbeitet werden können, andere gratulieren zur Aktion. Bemängelt wird auch immer wieder, dass die fünf Tonnen frische Rüebli nur in Zürich verkauft werden. «Wir setzen bewusst auf unseren Verkaufsstand in Zürich.» Dort sei die Reichweite am grössten, um einen Aufschrei zu provozieren.

Verarbeitet weiterverkaufen
Alle sogenannt «zweitklassigen» Rüebli frisch und unverarbeitet zu verkaufen wie damals die Tomaten, sei nicht das Ziel. «Damit würden wir nur bewirken, dass die Karotten in den Läden weniger Absatz finden», sagt der gelernte Landschaftsgärtner und Umweltinge­nieurstudent. Er pausiert sein Studium für Grassrooted. Deshalb seien sie in Verhandlungen mit Saftproduzenten. «Mit einheimischem Saft können wir ausländische Produkte konkurrenzieren», erklärt Dominik Waser.

Am Stand von Grassrooted werde jeweils auch Gemüse verkauft, das von einem grossen Schweizer Bioproduzenten kommt. Auch dieser habe manchmal «abnorme» Produkte, die ihm niemand abnehme. «Wir arbeiten mit kleinen, aber bewusst auch mit einem so grossen Produzenten», sagt Dominik Waser. Denn das übergeordnete Ziel sei, dass irgendwann alle an einem Strang ziehen und auch Rüebli und Co. in den Verkauf gelangen, die nicht einer Norm entsprechen. Produzenten, Abnehmer, Politik, Wirtschaft – alle müssten sich an einen Tisch setzen und das Problem anpacken, so die Vision. Und natürlich der Konsument, der sich zu Hause zwar über eine besonders grosse Zucchetti freut, im Laden aber doch zum «perfekten» Rüebli greift.

Teil des Berufsrisikos
Rüebli spielen in der Fruchtfolgeplanung auf dem konventionell bewirtschafteten Hof von Amanda Rapold und Andreas Kuratli in Rhein­au eine wichtige Rolle. Auf gut acht Hektaren bauen sie selber das beliebte Gemüse an und ernten es mit der eigenen Maschine. Als Lohnunternehmen säen und ernten sie nochmals so viel Fläche. Den beschriebenen Fall (Haupttext) kennt Andreas Kuratli nicht. Das Karottengeschäft sei aber schon Lotterie, sagt er. Man müsse damit rechnen, dass 50 Prozent des Ertrags nicht verkaufsfähig sei. Das sei ein Teil des Berufsrisikos. Zu gross, krumm, gebrochen – solche Rüebli würden Tieren verfüttert. Diesen Sommer sorgte die Hitze dafür, dass Samen im frühen Wachstumsstadium verbrannten und die wenigen Rüebli, die wuchsen, mehr Platz im Boden hatten und grösser wurden. Dass aber eine ganze Ernte nicht abgesetzt werden könne, hat er noch nie gehört. Karotten würden in der Regel mit Vertrag eines Abnehmers angebaut. Landwirte wüssten, ob sie für den Speisekanal produzieren oder für die Industrie. Der höhere Ertrag für Ersteres hat seinen Preis: Für Länge (20 Zentimeter) und Gewicht (220 Gramm) gibts Obergrenzen, die maschinelle Sortierung nimmt der Abnehmer vor. Für Industrierüebli zum Beispiel für Salat gebe es weniger Vorgaben, ganz grosse Exemplare seien in der Gastronomie auch für Gemüseteller beliebt. Eine Herausforderung im Karottenanbau sei der Pilzdruck, sagt Andreas Kuratli. Dieser könne zu Fäulnis führen und dazu, dass ein paar Reihen untergefahren werden müssten. (spa)

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