Weinland

Das Prinzip der Ordnung

Umzug, Nachwuchs, Lockdown: Das Leben bietet immer wieder Gelegenheiten, das eigene Heim zu entrümpeln. Ordnungscoach Lisa Noser aus Humlikon gibt Tipps dafür und zeigt auf, wie es nachhaltig klappt.

von Evelyne Haymoz
14. September 2021

Übergangsjacke statt Sommerkleid. Meteorologisch befinden wir uns bereits im Herbst. Zeit also, die Garderobe saisonfest zu machen. Zeit auch, um sich vom einen oder anderen Stück zu trennen, das für schlankere Zeiten aufbewahrt wird.

Aber nicht nur im Kleiderschrank, sondern auch im Wohnraum oder auf dem Estrich sammeln sich Dinge an. Der zweite Mixer etwa, gehortet für den Fall, dass der erste den Geist aufgibt. Oder ungelesene Bücher. Unbemerkt fristen diese Gegenstände ihr Dasein und beanspruchen Platz – oft jahrelang.

Bis etwa ein Umzug vor der Tür steht oder sich Nachwuchs einstellt. Oder der Lockdown im Frühling 2020, der das soziale Leben einfror und die Menschen auf ihre eigenen vier Wände einschränkte. Wie von Recyclingunternehmen zu hören war, kam es vielerorts zu einem Entsorgungsboom.

Erinnerungen im Herzen
Dies erlebte auch Lisa Noser, Ordnungscoach aus Humlikon. Prägend war für sie die Zeit nach der Geburt ihrer Zwillinge. Mit den Kindern zog auch viel Material ein. «Bis ich nicht mehr wusste, wohin mit all den Sachen», so die Dreifachmutter. Schrittweise entrümpelte sie das Familienheim und löste sich von allem, was nicht mehr gebraucht wurde oder störte. «Aber nicht von allem», fügt sie hinzu. Tabu sei für sie, Dinge zu entsorgen, die jemand anderem gehören, ihrem Mann etwa.

Doch auch er kam nicht darum herum, sich mit seinen Erinnerungskisten auseinanderzusetzen, und sich von manchem zu trennen. «Erinnerungen haften nicht an Gegenständen, sondern bleiben in unseren Herzen», sagt Lisa Noser. «Der Estrich ist eigentlich der falsche Ort, um emotional behaftete Gegenstände aufzubewahren.» So entschied sie sich, von den vielen Bildern ihrer verstorbenen Grossmutter nur das schönste zu behalten. Dafür erhielt dieses einen besonderen Platz.

Systematisch vorgehen
Nach der zeitintensiven Aktion zu Hause liess sie sich zum Ordnungscoach ausbilden und machte das Aufräumen vor einem halben Jahr zum Beruf. Seitdem unterstützt sie andere Menschen beim Aussortieren und Neu-Einräumen.

Als «hartnäckig» beschreibt sie ihren Arbeitsstil. Es werde der ganze Keller ausgeräumt und nicht nur «die einfache Ecke». Ob jemand mit oder ohne Coach ausmistet: Es empfiehlt sich, strukturiert und mit System vorzugehen.

Im Bad oder in der Küche beginnen
Wer den Entrümpelungs-Entschluss gefasst hat, beginnt mit der Umsetzung am einfachsten in der Küche, im Badezimmer oder in einem anderen Raum, der nicht emotional behaftet ist, rät Lisa Noser. Dabei hilft ein klares Kriterium wie etwa das Ablaufdatum von Lebensmitteln, Medikamenten oder Kosmetika.

Beim Kleiderschrank hingegen setzt Lisa Noser auf die Schocktherapie, die an die Methode der japanischen Aufräumexpertin Marie Kondo erinnert. Hierfür werden in einem ersten Schritt alle Kleider, die man besitzt, auf einen Haufen zusammengetragen. Also auch Wandersocken und Skikleider.

Beim Anblick des Kleiderbergs reagieren die Aufräumenden oftmals schockiert. Was sich im Schrank ordentlich präsentiert, provoziere – auf einem Haufen liegend – schon mal ein «Um Himmels Willen, was sich da bloss angesammelt hat!». Rasch folge das Fazit: «So viel kann ich ja gar nicht anziehen.»

Verhandeln gehört dazu
Derart wachgerüttelt werde aussortiert, erklärt Lisa Noser. In der zweiten Phase entscheiden die Kundinnen und Kunden, was bleibt und was nicht. Sie stelle dazu Fragen wie «Was bedeutet mir das Kleidungsstück? Wofür und wie häufig brauche ich es?»

Verhandeln gehöre dazu. «Das könnte ich noch brauchen», heisst es dann. Nach einem harzigen Anfang entwickle sich durchaus eine Eigendynamik. «Mit der Zeit wächst ein Gefühl dafür, was einem wichtig ist und was nicht», so die 32-Jährige. So trennte sie sich etwa vom Fondue-Caquelon, das sie seither einmal im Jahr von Nachbarn ausleiht.

An Bildern orientieren
Im dritten Schritt geht es ans Einräumen. Die leitende Frage dabei: «Was brauche ich wo?». Lisa Noser empfiehlt, Dinge, die zusammengehören, auch beieinander aufzubewahren – das gelte für Backutensilien wie für Werkzeug oder Spielsachen.

Praktisch seien transparente oder angeschriebene Boxen, die den Inhalt anzeigen. Daran können sich auch andere Familienmitglieder orientieren und wissen, was sich wo befindet.

Mit Bildern habe sie bei ihren Kindern gute Erfahrungen gemacht. So wissen sie genau, in welche Kiste die Legosteine gehören.

«Tagsüber herrscht Chaos»
Das Prinzip der Ordnung ist nicht per se mit Minimalismus gleichzusetzen (zum Nachlesen: Am 28. Februar 2017 berichtete die «AZ» über eine Kleinandelfingerin, die für ihre Maturarbeit vier Wochen lang mit bloss 100 Dingen lebte). Letzterer zielt darauf ab, mit möglichst wenig Gegenständen auszukommen. Lisa Noser hingegen empfiehlt, zu reduzieren. Also loswerden, was nicht mehr passt, nicht (mehr) gebraucht wird oder kaputt ist. «Es bleibt aber persönlich.»

Auch in ihrem Zuhause herrsche tagsüber Chaos, morgens und abends aber sei es aufgeräumt. Sie befürwortet, dass Kinder sich frei entfalten können, verlangt bei den eigenen aber auch, dass «jedes Ding seinen Platz hat und es nach dem Spielen zurückgelegt wird». Dafür sei eine Grundstruktur hilfreich. Auch Kinder mögen es ordentlich, sagt sie. Bücher, die farblich statt thematisch sortiert sind, sehen im Regal ästhetisch aus und werden vom Nachwuchs erst noch leichter gefunden.

«Wenig zu haben, befreit»
Doch selbst ein ausgeklügeltes Ordnungssystem allein garantiert noch keine nachhaltige Umstellung. «In einer Konsumgesellschaft kommen, wir sehr einfach, rasch und günstig an neues Material», erklärt Lisa Noser.

Um die neu geschaffene Ordnung zu Hause nachhaltig zu wahren, braucht es ein Umdenken. «Finden Sie heraus, wie Dinge in Ihren Haushalt kommen, und setzen Sie dort an. Überlegen Sie sich bereits vor dem Kauf, welchen Platz der Artikel erhält. Entscheiden Sie sich bewusst für emotional behaftete Gegenstände», empfiehlt sie. Und auch wichtig: «Sagen Sie ‹Nein, danke› zu beliebigen Geschenken, und wünschen Sie sich stattdessen bewusst gemeinsame Zeit.»

Zu ihrem Geburtstag habe sie sich etwa Kräuter für den Garten und eine Packung Kaffeebohnen gewünscht. «Jedes Mal, wenn ich einen Kaffee trinke oder die Kräuter anschaue, denke ich an die Person, die sie mir geschenkt hat», sagt sie und wirkt dabei zufrieden.

Zu wissen, was man braucht, setze aber voraus, zu wissen, was man bereits besitzt. Auch wenn sie nicht dem Minimalismus frönt, ist sie überzeugt: «Wenig zu haben, befreit.»

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