Weinland

Der Macher der Landi Weinland geht

Ende März geht Christian Lutz in Pension. 19 Jahre lang führte er die Geschicke der Landi Weinland und übergibt seinem Nachfolger eine der grösseren Landis im Land. Sie könnte aber noch grösser sein.

von Roland Spalinger
27. März 2020

Aus Landi-Weinland-Sicht ist die Region wie der Kanton St. Gallen mit dem Fremdland Appenzell mittendrin. Im Weinland ist Andelfingen der weisse Fleck. Deren Genossenschafter haben 2015 Nein gesagt zu einem Zusammenschluss mit der Landi Weinland. Und just in Andelfingen, in der Aula des Ausbildungszentrums, hätte Ende Monat die Generalversammlung der Landi Weinland stattfinden sollen. Es wäre die letzte geworden von Christian Lutz; der St. Galler Baumeister des Unternehmens mit 98 Millionen Franken Umsatz geht Ende Monat 65-jährig in Pension; wegen dem Coronavirus wird es ein leiser Abschied.

Dass der Zusammenschluss damals nicht klappte, bedauert Christian Lutz noch heute. Und er versteht den Entscheid der Andelfinger Mitglieder auch nicht wirklich, zumal sich Vorstand und Verwaltung für die Fusion ausgesprochen hatten. Solches ist ihm nicht passiert. In 19 Jahren brachten er und der Vorstand bei ihren Genossenschaftern zig Projekte durch. Das hat, sagt Landi-Präsident Leo Schmid, vor allem mit Christian Lutz zu tun und seiner  Art, auf Menschen zuzugehen und Kontakte zu knüpfen.

Im Umbruch
Christian Lutz blickt zufrieden zurück und nennt seine 19 Jahre «eine coole Zeit», in der er viel bewegen konnte. In Erinnerung bleiben aber auch der tödliche Unfall auf dem Areal, der Tod eines Lehrlings und Einbrüche in Läden mit zum Teil heftigen Folgen fürs Personal. Und aktuell die Umstände mit dem Coronavirus.

Wir sind im Sitzungszimmer im Hauptgebäude, wo sein Vorvorgänger noch gewohnt hatte. Der Blick aus dem Fenster schweift auf die typischen Landi-Gebäude, die Tankstelle mit Shop sowie Lagergebäude. Und natürlich die beiden Silos. Vor allem der grosse imponierte Christian Lutz, als er vor 19 Jahren nach dem ersten Vorstellungsgespräch für einen Augenschein nach Marthalen fuhr. Er wollte sehen, wo er denn arbeiten würde. Was der Agronom HTL auch sah: viel Platz oder Entwicklungspotenzial. Er, privat und nach einem finanziellen Fiasko mit einem internationalen Strohballen-Skulpturen-Event auf seinem gepachteten Bauernhof auch beruflich im Umbruch, sagte zu und erhielt die Stelle.

Er kam als Quereinsteiger in eine unbekannte Gegend und pendelte während der ganzen Zeit vor allem mit der Bahn zwischen seinem Wohnort im Kanton St. Gallen und Marthalen. Die räumliche Distanz ist für ihn Vorteil. Zu Hause im Jodelchor und auf der Stras­se war er Christian Lutz, im Weinland der Chef der Landi, die fast bei allen Anlässen als Lieferantin oder Sponsorin präsent ist und kontinuierlich wuchs.

Wieder geht der Blick nach draussen zum Landi-Laden, wo vor 19 Jahren nur eine Wiese war. «Da kann man etwas machen», sagte sich Christian Lutz und liess als erstes einen Teil einkiesen, um darauf Gartenhäuschen und Kleintierställe auszustellen und zu verkaufen. Es war der Startschuss, das Unternehmen mehr in diese Richtung zu entwickeln.

Läden und Shop, kein Ethanol
2003 ging es an die Planung des Landi-Ladens, der entgegen der Empfehlung der Fenaco mit Tankstellen-Shop gebaut wurde. Allerdings wurde der Shop in den Laden integriert. Sollte er nicht laufen, so die Überlegung, könnten stattdessen immer noch Gestelle mit Stiefeln aufgestellt werden. «Zum Glück haben wir das Risiko gewagt», sagt Christian Lutz heute.

4 Millionen Franken wurden investiert, so viel wie noch nie in der Geschichte der Landi Weinland; Ausbau und Erweiterung zu einem eigenständigen Shop im Jahr 2018 kosteten dann etwa gleich viel. 2008 war noch eine Waschanlage dazugekommen – dies alles am Standort Marthalen. In Sulz-Rickenbach wurden eine Tankstelle und – ein Novum – zwei Mehrfamilienhäuser aufgestellt. «Wir haben eigentlich immer irgendwo gebaut», sagt Christian Lutz.

Spektakulär ist aber auch, was nicht realisiert wurde. Zum Beispiel die Pacht von Schloss Laufen. Oder selber Ethanol zu produzieren. 35 Millionen Franken hätte die Anlage gekostet, für die Herstellung des Biotreibstoffs wären Zuckerrüben von weit herum herangekarrt worden. Sie hätten lange studiert, sagt Christian Lutz, schliesslich aber überwog die Meinung, Nahrungsmittel sollten nicht für die Produktion von Treibstoffen verwendet werden. Vielleicht war das Projekt auch zu visionär.

Was manchmal nach Vorwurf tönt, versteht er als Kompliment. Die Suche nach neuen Geschäftsfeldern hat er immer als einen Teil seiner vielfältigen Aufgaben angesehen. Als er anfing, sei die Landi «eher konservativ» gewesen, sagt er, heute bewege sie sich innovativ auf verschiedenen Geschäftsfeldern. Für Leo Schmid, seit zehn Jahren Präsident der Landi Weinland, hat Christian Lutz viel für das Image der Landi Weinland getan und mit Anlässen wie dem Frühlingsmarkt viel zu deren Öffnung nach aus­sen beigetragen. «Und nicht nur das gemacht, was die Fenaco wollte», lobt er. An der GV heute Abend hätte er auch davon erzählt.

Potenzial ist da
Es ist viel passiert in 19 Jahren. Ist eine ähnliche Entwicklung noch möglich? «Es geht immer weiter», sagt Christian Lutz. Sie hätten davon profitiert, sich auf Land entwickeln zu können, das ihre Vorgänger käuflich gesichert hatten. Ähnliches hat er auch gemacht, jüngst mit dem Kauf der Gebäude beim Bahnhof Rickenbach-Attikon. Ein Teil sei vermietet, in einem anderen die Logistik für den Agrarbereich untergebracht. Und es existiere eine Studie für einen neuen Landi-Laden. «Das Potenzial ist da, um mehr zu machen.»

Und vielleicht schliesst sich auch die Lücke im Weinland noch. 2015 hatte auch die Landi Dägerlen und Umgebung einen Anschluss an die Landi Weinland verweigert, den Entscheid drei Jahre später dann aber doch noch korrigiert – die Schliessung des Ladens in Gütighausen war da schon beschlossen gewesen. Auch die Landi Weinland machte einen Laden zu, jenen in Truttikon. Ungern, wie Christian Lutz sagt. Mit Schliessungen gingen immer Gewohnheiten verloren. Kleinläden zu erhalten, auch wenn man dadurch Geld verliere, sei wie Werbung. Damit zeige die Landi Weinland aktiv Präsenz.

Seine Präsenz hört am 31. März auf. An dem Tag wird er 65-jährig und gibt die Schlüssel seinem Nachfolger Lukas Landolt ab. Die anschliessende Töfftour hat er wegen der Pandemie verschoben. Im Weinland, wo er viele gute Leute kennenlernte, wird er weiterhin anzutreffen sein.

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