Weinland

«Der Schuss ist draussen»

Erst Ende Monat hätte die Kirche Weinland Mitte über ihre jüngste Absicht informieren wollen, doch einen Zusammenschluss anzustreben. Dann stellte Ossingen die Meldung viel zu früh online.

von Roland Spalinger
21. Februar 2020

«Wir haben eine Panne», gibt Hans­peter Maag offen zu. Er ist Präsident der Reformierten Kirchgemeinde Mar­tha­len und Verfasser der jüngsten Information der Kirche Weinland Mitte, laut deren aus der verbindlichen Zusammenarbeit von Benken, Mar­tha­len, Ossingen, Rhein­au und Trüllikon-Truttikon doch ein Zusammenschluss werden soll. Vor dreieinhalb Jahren («AZ» vom 12.7.2016) sagten die Stimmberechtigten lediglich Ja zu einer verbindlichen Zusammenarbeit.

Am 28. Februar hätte die Meldung mit dem Titel «Erfolgreiche Zusammenarbeit – weitere Stärkung durch Zusammenschluss» im «chileblatt.regional» der Weinland-Mitte-Gemeinden erscheinen sollen sowie gleichzeitig im Mar­tha­ler «Eicheblatt» und im Ossinger «Wydeblatt»; Letzteres ist als PDF aber bereits auf der Website der Gemeinde Ossingen aufgeschaltet, was der «Landbote» publik machte. «Der Schuss ist draussen», konstatiert Hanspeter Maag. Eilig hat er am Mittwochmorgen noch Mitarbeitende informiert – vielleicht haben sie die Information aber zuerst aus der Presse erfahren. Er bedauert das.

Das Okay noch abholen
Aus den Medien erfahren haben die Absicht auch die Reformierten in Mar­tha­len – sie haben im Juli 2016 zwar Ja gesagt zu einer verbindlichen Zusammenarbeit mit den anderen vier Kirchgemeinden, als Einzige aber die zweite Frage abgelehnt. Mit 21:14 Nein stimmten sie gegen die «Vorbereitung eines möglichen, allenfalls später nötigen Zusammenschlusses»; in den anderen Kirchgemeinden gab es auch zu dieser Frage Ja-Mehrheiten.

Als «stossend» bezeichnet ein Mar­tha­ler deshalb die jüngste Entwicklung für seine Kirchgemeinde – einerseits, weil Hanspeter Maag keinen Auftrag von den Stimmberechtigten hat für weitere Gespräche, «das müsste beantragt werden». Und andererseits, weil die Meldung nur von ihm unterzeichnet ist. Genau dies dürfte in einem Gebilde ohne gemeinsame Organisation, wie es die Kirche Weinland Mitte ist, nicht sein.

Hanspeter Maag sagt auf Anfrage, die zwei Präsidentinnen von Ossingen und Trüllikon-Truttikon sowie die zwei Verwalter von Benken und Rhein­au hätten ihre Zustimmung zur Mitteilung gegeben. Zur fehlenden Bevollmächtigung, Zusammenarbeitsgespräche führen zu können, sagt er, im «Eicheblatt» werde auch die Einladung zu einer ausserordentlichen Kirchgemeindeversammlung am 7. April publiziert. Diese Information hätten die Stimmberechtigten gleichzeitig erhalten.

Trotz Panne: GrĂĽnde bleiben
Obwohl ihm die Sache «peinlich» ist, ändert nichts an der Ausgangslage, war­um sich die Kirchen Weinland Mitte auf den Weg zum Zusammenschluss begeben wollen. Die Zusammenarbeit habe sich vertieft und entwickle sich erfreulich, die formale Unabhängigkeit der Gemeinden erweise sich jedoch als zeit- und ener­gie­raubend, heisst es im Schreiben. Der administrative Aufwand belaste sehr, sagt Hanspeter Maag. Für Vorschläge brauche es die Zustimmung aller fünf Behörden, «das macht das Ganze kompliziert». Zwei Gemeinden haben keine Behörde mehr, sondern eben Verwalter, und es droht ein weiterer Verlust von Pfarrstellenprozenten.

Hanspeter Maag will «explizit nicht von einer Fusion» reden. Eine Fusion sei eine Verschmelzung. Ein Zusammenschluss hingegen ermögliche die Weiterexistenz mit einem Eigenleben. Die bisherigen Erfahrungen mit der Zusammenarbeit stimmten sie dafür zuversichtlich.

Anders tönt der Marthaler, der schon bei der Abstimmung im Jahr 2016 den jetzt angedachten Schritt befürchtet hatte. «Eine Fusion trägt nichts zur Belebung einer Gemeinde bei.» Im Gegenteil. Grösser gleich anonymer, die Gleichgültigkeit werde zunehmen. Das sei heute nicht anders.

Weniger Reformierte, weniger Stellen
Ende 2015 lebten in den Gemeinden der Kirche Weinland Mitte 7034 Personen, 3816 davon waren reformiert. Ende 2019 waren es 7255 Personen und 3711 Reformierte. In der grössten Gemeinde Mar­tha­len haben beide Zahlen abgenommen, jene der Reformierten mit –85 jedoch stärker als die der Einwohner (–42). In Ossingen stieg die Zahl der Bevölkerung von 1422 auf 1665, jene der Reformierten von 786 auf 883. Trüllikon zählte ein Plus von 42 Einwohnern auf 1056, aber ein Minus von 47 Reformierten auf noch 601. In Rhein­au blieb die Einwohnerzahl bei 1316 konstant, jene der Reformierten sank von 467 auf 428. Truttikon zählt mit 464 weniger Einwohner als 2015 (473) und auch weniger Reformierte (261, –12). Benken schrumpfte um 12 Einwohner auf 847, bei den Reformierten um 19 auf 447.

2015 verfügten die fünf Kirchgemeinden zusammen über 380 Stellenprozente für Pfarrpersonen, für die Amtsperiode bis 2024 sind es noch 320 Prozente. Damit «wird die Erhaltung des kirchlichen Lebens für alle zu einem reformatorischen Aufbruch zu neuen Ufern und in ein neues Zeitalter», schrieb Hanspeter Maag im letzten «chileblatt.regional». (spa)

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