Weinland

Die etwas andere Wohngemeinschaft

Irene Fazzini hat in ihrer Wohnung viel Platz. Deshalb bietet sie seit einem Jahr ein Zimmer einer Studentin an und erhält dafür Gesellschaft sowie Hilfe im Haushalt und im Umgang mit dem Handy.

von Cindy Ziegler
05. Februar 2019

Bei einem Altersunterschied von fast 50 Jahren denkt man nicht als Erstes an eine Wohngemeinschaft, sondern eher an eine Grosi-Enkel-Beziehung. Die 72-jährige Irene Fazzini und ihre 24-jährige Mitbewohnerin sind jedoch nicht verwandt. Trotzdem teilen sie sich eine Wohnung. Im Rahmen von «Wohnen für Hilfe» (siehe Kasten) bilden sie eine WG.

Wie Irene Fazzini erzählt, sei sie ein geselliger Mensch. Sie geht viermal in der Woche ins Aquafit, singt in einem Chor und ist Mitglied bei den Landfrauen. Als ihr Mann vor knapp zwei Jahren starb, fühlte sich die Rentnerin aber dann doch einsam in der grossen Wohnung. Nach unzähligen Operationen an Schulter, Knie und Hüfte war sie zudem auf Unterstützung angewiesen. Da sie im Rahmen einer Pflegehilfe bereits Erfahrungen mit einer jüngeren Mit­bewohnerin gemacht hatte, wandte sie sich an Pro Senectute Kanton Zürich.

Studenten haben Zeit
«Alles, was Studenten haben, ist Zeit. Und alles, was sie nicht haben, ist Geld», sagt Irene Fazzini. Nach einem Erstgespräch mit Pro Senectute Kanton Zürich gab diese ihr Okay für die generationenübergreifende Wohnpartnerschaft. «Wir sind zwar etwas ab vom Schuss, mit dem ÖV ist Winterthur trotzdem gut zu erreichen.»

Auf die Ausschreibung meldete sich die angehende Hebamme Debora. Von beiden Seiten stimmte es, sodass die Studentin bald bei Irene Fazzini einzog. Da diese jedoch in den Ferien war, hatte die junge Frau die Wohnung erstmals ganz alleine für sich – kein Problem für die Rentnerin.

Jederzeit weiterempfehlen
«Es ist sehr schön, wieder jemanden im Haus zu haben», schwärmt Irene Fazzini. Sie und Debora würden oft miteinander sprechen. «Wir lassen einander am Leben des andern teilhaben», sagt die Seniorin. Wenn es der einen mal nicht gut gehe, sorge sich die andere. Mittlerweile sei eine Art Grosi-Enkel-Beziehung daraus entstanden. «Ich würde die Wohnform jederzeit weiterempfehlen.» Dass Irene Fazzini nun Hilfe im Haushalt und Gesellschaft hat, entlaste nicht nur sie, sondern auch ihre Angehörigen. «Meine Kinder sind froh, dass ich nicht mehr alleine bin.»

Aneinander gestört haben sich die unterschiedlichen WG-Gspänli noch nie. Debora habe ihr eigenes Zimmer und ein eigenes WC. «Es ist wichtig, dass beide ihren Rückzugsort haben.» Den Rest der Wohnung teilen sich die beiden. Oft essen sie miteinander – entweder kocht Irene Fazzini, Debora oder deren Freund. Dieser kommt nämlich auch ab und an zu Besuch. «Er kann sehr gut kochen», meint Irene Fazzini mit einem Zwinkern. Da er ausserdem Informatiker sei, habe sie nun noch mehr Hilfe im Umgang mit dem Handy und dem Computer.

Die Wohnform sei bestimmt nicht für jeden geeignet, sagt Irene Fazzini. Man müsse ein aufgeschlossener Mensch sein, der weltoffen und zu Kompromissen bereit ist. «Sich auf jemanden einzulassen, mag manchmal nicht ganz einfach sein», gibt die Seniorin zu bedenken, «aber bei uns ist ein sehr schönes Miteinander entstanden.» Wenn Debora auszieht, würde Irene Fazzini das freie Zimmer sofort wieder an einen Studenten «vermieten».

Das generationenübergreifende Projekt «Wohnen für Hilfe»
«Wohnen für Hilfe» habe zum Ziel, dass sich Generationen austauschen, schreibt Monica Flückiger, Leiterin Marketing und Kommunikation der Pro Senectute Kanton Zürich. Die Idee: Ein Senior, der mehr Platz hat, als er benötigt, kann den Wohnraum einem Studenten zur Verfügung stellen. Als Gegenleistung bietet dieser seine Hilfe an. Als Tauschregel gilt eine Stunde Hilfe pro Monat und Quadratmeter. Darüber hinaus muss der Student für die Nebenkosten aufkommen und der Senior seinen Wohnpartner versichern.

Weiter heisst es, die Möglichkeiten seien vielfältig (ausgenommen sind betreuerische oder pflegerische Leistungen). So könnte der Student beispielsweise in Haushalt und Garten behilflich sein, Einkäufe oder Botengänge übernehmen, beim Umgang mit digitalen Medien helfen oder den Senior zu kulturellen Veranstaltungen begleiten. Im Kanton Zürich wurden bislang 120 Senioren-Studenten-WGs erfolgreich vermittelt. (ciz)

Mehr zum Projekt: www.pszh.ch/soziales-und-beratung/wohnen

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