Weinland

Die fliegende Tanne

Am Dienstag überquerte ein besonderes Frachtgut die Altemer Brücke: Eine gut 15 Meter hohe Fichte (Rottanne) wurde in Alten gefällt und stand keine Stunde später bereits auf dem Marktplatz.

von Dominik Müller
29. November 2019

Eine Spur aus kleinen weissen Steinen weist Hänsel und Gretel im Märchen der Gebrüder Grimm den Weg aus dem Wald. Keine Stein-, aber eine Tannenzapfenspur zwischen Alten und Andelfingen zeugte am Dienstag von einem Transport der besonderen Art: Der Christbaum für den Andelfinger Marktplatz war kurz vor seiner Installierung gefällt und auf einem Kranwagen von Dorf zu Dorf gefahren worden.

Fündig geworden war der Forst Kleinandelfingen nicht etwa im Wald, sondern im Garten eines Doppelhauses an der Ellikonerstrasse in Alten. Das Schicksal der Rottanne, die Um­platzierung, besiegelt haben aber weder ihre lichtraubende Grösse von rund 15 Metern noch die breite Krone: Die Wurzeln hätten auf ihrer Suche nach Feuchtigkeit und Sauerstoff für Schäden an der Hauswand sorgen können. Der Besitzer hat in Absprache mit den Bewohnern deshalb entschieden, die Fichte dem Forst zu spenden. «Schade um die schöne Tanne ist es schon. Ich bin aber froh, dass sie als Christbaum geschmückt immerhin noch anderen Freude bereiten wird», sagte Bewohnerin Christine Ivan.

Knackpunkt Altemer Brücke
Die Aktion geleitet hat Marcel Hirtreiter. Zusammen mit Lehrling Timon Baumann sägte der Forstwart den untersten Meter des Stammes auf den Durchmesser der Bodenhülse auf dem Marktplatz zu, befestigte weit oben ein Zugband an einer Astgabelung und setzte zu den finalen Schnitten mit der Kettensäge an. Mit stoischer Ruhe hob die holzige Riesin vom Boden ab, schwebte in gut drei Meter Höhe durch die Luft und wurde von Kranwagenfahrer Marco Weber präzise auf die eigens für den Transport aufgebaute Vorrichtung manövriert. Ganz zur Zufriedenheit von Marcel Hirtreiter: «So weit, so gut. Aber ihr Ziel hat die Tanne noch nicht erreicht.»

Die wartenden Autofahrer vor der gesperrten Altemer Brücke staunten nicht schlecht, als die zusammengedrückten Zweige jeden Quadratzentimeter des Innenraums der gedeckten Brücke ausfüllten, um sich ähnlich eines aufgehenden Hefeteigs alsbald in Freiheit wieder auszudehnen. «Da wurde es ein bisschen eng», sagte Marco Weber schmunzelnd.

Senkrechter Stand
Gut eine Stunde nach Beginn der Arbeiten traf die Rottanne beim Marktplatz ein. Egal, ob riesig und öffentlich oder klein und privat: Ein Christbaum muss in erster Linie gerade stehen. Marcel Hirtreiter und Timon Baumann sorgten mit einigen Keilen an den richtigen Stellen für festen Halt und einen aufrechten Stand. Bereits seit Mittwoch hängt die Beleuchtung. Im Januar wird die Fichte zu Schnitzeln geschreddert. Bis dahin erfreuen sich Alt und Jung an ihren Lichtern. Dank seiner stattlichen Grösse mutet der Baum tatsächlich etwas mythisch an – fast schon wie im Märchen.

 

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