Weinland

«Die Pandemie hat mich zum Glück gezwungen»

Man solle den Krisen Gutes abgewinnen – das ist leicht gesagt. Wie die Kosmetikerin Maria Teresa Gmünder genau das geschafft hat, schildert sie in der Serie «Corona und ich – Wyländer erzählen aus ihrem Alltag».

von Aufgezeichnet von Silvia Müller
19. Mai 2020

«Wenn man mit 53 in einer turbulenten Si­tua­tion die Stelle verliert, bekommt man schon kalte Füsse. Das passierte mir gleich zu Beginn der Coronakrise. Meine langjährige 50-Prozent-Stelle bei einem Haushaltwarenhersteller wurde wegen den wirtschaftlichen Aussichten von einer Woche auf die andere gekündigt. Das hätte ich vorher nicht geglaubt, aber ich musste erfahren: Im Fall einer Pandemie gibt es keinen Kündigungsschutz.

Nur vier Tage später beschloss der Bundesrat den Lockdown. Also durfte ich auch meinem bisherigen Nebenerwerb im eigenen Kosmetikstudio bei uns zu Hause in Ossingen nicht mehr nachgehen. Bis dahin war mein Leben ziemlich durchgetaktet, ich pendelte zwischen der Festanstellung und den Terminen im Kosmetikstudio. Ab dem 16. März hatte ich plötzlich sehr viel Zeit zum Nachdenken.

Zum Glück waren auch mein Mann und mein Sohn in den letzten Wochen viel zu Hause. Mein Mann machte Homeoffice, und mein Sohn lernte im Homeschooling auf seine Abschlussprüfung als Bierbrauer. Wir waren so viel zusammen wie schon lange nicht mehr. Ich habe viel gekocht, geputzt und aufgeräumt. Dabei merkte ich erst richtig, wie viel Stress ich vorher hatte, und wie viel Arbeit und auch Schönes liegenbleiben musste. Ich realisierte, dass die Coronakrise und diese Kündigung für mich persönlich wohl den längst nötigen Kick bedeuteten.

Spätentschlossen, aber überzeugt

Meine Ausbildung zur Kosmetikerin habe ich erst mit 47 Jahren gemacht, als weitaus Älteste im Kurs. Ich hatte einfach Lust, nochmals etwas Neues anzupacken, etwas, bei dem meine Stärke zum Tragen kommt: der Umgang mit Menschen. Meine Familie hat mich ermutigt und voll unterstützt. Ich habe schon mein Leben lang Freude daran, andere Menschen mit Entspannung und Pflege zu verwöhnen.

Trotzdem hatte ich Angst, meine feste Teilzeitstelle aufzugeben und alles auf die neue Karte zu setzen. Als ich vor drei Jahren das Kosmetikstudio startete, blieb die Stelle meine Absicherung. Ich wollte in Ruhe ausprobieren, ob das mit der Kosmetik überhaupt zum Laufen kommt.

Aber um ehrlich zu sein: Die Pflege meiner Kundinnen und Kunden hat mir von Anfang an viel mehr Freude gemacht als die bisherige Arbeit. Und das habe ich wohl auch ausgestrahlt. Mein Kundenstamm wuchs schnell an, und fast alle neuen haben auf Empfehlung zufriedener Kunden zu mir gefunden. Mit dem Erfolg wurde allerdings auch meine doppelte Agenda immer voller.

Einer, der mich gut kennt, hat schon vor einer Weile gehänselt, ich sei einfach ein «Schisshaas» und solle endlich ins kalte Wasser springen und nur noch das machen, was ich am liebsten tun würde. Jetzt hat mir Corona die Entscheidung leicht gemacht. Es klingt paradox, aber ich persönlich muss fast dankbar sein für diese Krise.

Also habe ich im März das Studio geputzt, neue Kosmetika bestellt und für alles Nötige gesorgt, um bei der Wiedereröffnung alle Corona-Bestimmungen einhalten zu können. Das war übrigens kein grosses Problem – seriöse Kosmetikstudios halten die weitaus meisten dieser hygienischen Auflagen sowieso grundsätzlich immer ein. Natürlich drehten meine Gedanken dabei im Kreis. Was ist, wenn die Kunden sich nicht zurücktrauen?

Aber wissen Sie, was? Kaum wurde für unsere Branche die Lockerung ab 27. April angekündigt, läutete das Telefon! Eine nach der anderen fragten die bisherigen und auch neue Kundinnen und Kunden nach einem Termin. Die Menschen sehnen sich nach Normalität und wollen sich etwas Gutes tun.

Alles in allem brachte die Corona-Krise mir und meiner Familie also vor allem Gutes. Wir erlebten die Massnahmen nicht als Zwang und Einschränkung, sondern als geschenkte gemeinsame Zeit. Ein Wermutstropfen war, dass meine Mutter in Sizilien lebt und die Si­tua­tion in Italien einiges ernster war und ist als hier bei uns. Aber wir sind auch in diesem Punkt zuversichtlich.»

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