Weinland

Ein Mann, ein Velo, ein Anhänger – und unzählige Eindrücke

Sechs Länder hat Peter Loosli mit dem Velo und einem Anhänger in zwei Monaten erkundet. Von Begegnungen und Gesprächen beeindruckt (meist, aber nicht immer positiv) und mit einer grossen Erfahrungsschatztruhe kehrte er zurück.

von Eva Wanner
23. Juli 2019

Alleine die Geschichten der Übernachtungen würden mehrere Artikel füllen. Während gut acht Wochen war Peter Loosli aus Feuerthalen mit Velo und Kinderanhänger mit allem Notwendigen unterwegs. Er durchquerte ohne grössere Panne oder auch nur einen Platten sechs Länder, spulte 3930 Kilometer ab (durchschnittlich 69 pro Tag – Route siehe Karte) und hat unzählige Anekdoten zu berichten.

Primäres Ziel der Reise, die er am 30. April in Feuerthalen begann, und die am 27. Juni ebendort wieder endete, war der 75-Jahr-Gedenktag der Landung der Alliierten in der Normandie. Die fünf Strände, an denen die Sol­daten am 6. Juni 1944 landeten, wollte er zum Jahrestag des sogenannten «D-Days» besuchen.

Er war nicht der Einzige, wie er schnell merken musste. Er sei, so sagt der 63-Jährige, glücklicherweise schon einige Tage vor dem Gedenktag angekommen und konnte sich in Ruhe umsehen. Bereits vor, aber erst recht mit den Menschenmassen sei er überwältigt worden von bleibenden Eindrücken. Die Museen, Bunker, Soldatenfriedhöfe – vieles hat er von den Besichtigungen mitgenommen – auch Physisches. Zwei Bücher kaufte er, die es ihm wert waren, im Anhänger auf die Weiterreise mitzunehmen.

Mit ins Gepäck kam auch ein kleiner «Klicker». Die Geschichte dazu kann der historisch interessierte Reisende natürlich erzählen: Solche kleinen Metallstücke hatten die amerikanischen Fallschirmaufklärer dabei. Denn sie landeten hinter den Dünen, in unwegsamem Gebiet. Jedes Geräusch konnte Freund oder Feind bedeuten – mit dem Klicker signalisierten sie einander unauffällig, wer und wo sie waren.

Vorurteilsbefreit entlang der Loire
Ein grosser Teil der zweimonatigen Reise führte Peter Loosli durch Frankreich, der Route «EuroVelo 6» entlang. Und davon ein grosser Teil am Ufer der Loire. «Das ist der längste Fluss in Frankreich, sehr natürlich und ursprünglich belassen», schwärmt er. Die Veloroute sei wegsam und gut ausgeschildert – die Strecke wunderschön. Auch wenn er «irgendwann nur noch grün sah», wie er schmunzelnd sagt.

In Frankreich verlor er etwas: seine Skepsis. Wie viele andere auch sei er, wenn es um dieses Nachbarland geht, oft skeptisch gewesen. Die Menschen, tendenziell zu stolz auf ihre «Grande Nation», eher unfreundlich zu Fremden. Und die Sprache erst! Nun muss Peter Loosli sagen: Sein Französisch konnte er aufpolieren, die Autofahrer waren respektvoll, die Menschen interessiert, freundlich und hilfsbereit, der Alltag weniger hektisch als hierzulande. Besonders in kleineren Städten oder Dörfern entlang der Loire wurde er freundlich gegrüsst. Und die Leute waren natürlich neugierig, wenn sie den Mann mit dem Kinderanhänger trafen; möglichst noch mit der Karte von seiner Frankreich-Route daran geklemmt. Oft hiess es dann bei der Weiterfahrt: «Bon courage et bonne route!»

Den Kinderanhänger hatte er schon bei früheren längeren Velotouren dabei. Für ihn ist dies praktischer als Velotaschen, die das gesamte Gewicht auf das Hinterrad verlagern. Ausserdem sei es eine seiner «Sicherheitsvorkehrungen»: Er habe zwar Gepäck und Zelt darin statt Kinder, das wissen die Autofahrer aber nicht, sagt er schmunzelnd. Das Schweizer und das Zürcher Fähnchen, die er jeweils an den Anhänger montierte, seien «Gesprächs-Eisbrecher» und Sicherheitsmassnahme zugleich, da sie im Wind flattern und auffallen. Dasselbe gelte für die bunten Shirts, die er unterwegs trage. «Das ist die beste Lebensversicherung.»

Die Übernachtungen
Auch rasten muss der Mensch – und schlafen. «Meist etwas mehr als sonst im Alltag», sagt Peter Loosli. Die Fahrten gingen nicht nur auf die Wädli. Und damit nun endlich zum Zeitungsseiten füllenden Thema Übernachtungen.

Oft regnete es oder ein starker Wind ging. Trotzdem übernachtete er einen Grossteil der Zeit in seinem Zelt auf einem Zeltplatz. Und selten wild in der Natur, wenn die Rezeption zu früh schloss oder die unberührte Wildnis einfach dazu einlud.

Einmal geriet er in starken Regen und gelangte an einen verlassenen Stall. Weit und breit sei kein Hof oder Mensch zu sehen gewesen. Dafür aber ein Pferdeanhänger – einigermassen sauber und vor allem regengeschützt. Kurzerhand breitete der Feuerthaler seine Plane aus und übernachtete darin. Ein anderes Mal wurde er derart «verschiffet», dass er die Betreiberin des Campingplatzes nach einer Alternative fragte – und in einem alten, verlassenen, «aber riesigen» Wohnwagen übernachten durfte. – Für eine Nacht gönnte er sich einen besonderen Luxus: Um die Eisheiligen herum sei es so kalt gewesen (mehrere Nächte fiel die Temperatur gegen 0 Grad), dass das Zelt keine Option war. In einem Chambre d’hôtes (Bed and Breakfast), einem «romantischen, aber renovierungsbedürftigen» Landsitz, mietete er sich für eine Nacht ein.

Schön sei auch gewesen, dass er drei Nächte bei gleichgesinnten Velofahrern übernachten durfte – Fachsimpeln und Austausch über Erlebnisse im Sattel inklusive.

Zwei Brückenköpfe, ein Lift
Nicht nur menschlich und landschaftlich, sondern auch architektonisch Interessantes hat Peter Loosli erlebt. Dar­un­ter schwer Nachvollziehbares. Vor Le Havre überquerte er den «Pont de Normandie» – eigentlich eine Autobahnbrücke, die aber auch für den Verkehr geöffnet wird, der die Autobahn nicht benutzen dürfte.

Am zweiten Brückenkopf angekommen, stellte der Feuerthaler fest: Die einzige Möglichkeit, auf die andere Seite der Autobahn zu gelangen, war, 40 Stufen zu erklimmen. Er hievte die 22 Kilo Velo und die 60 Kilo Anhänger mit Gepäck die Stufen hoch, überquerte die viel befahrene Autobahn – und staunte. Denn auf der anderen Seite führte ein Lift nach unten! Welchen Sinn es habe, nur einen Aufzug zu in­stallieren, wisse er nicht, meint er lachend.

Die Odyssee der Heimreise
Nach hunderten Kilometern und sechs Grenzüberquerungen stand Peter Loosli am Schluss in Hamburg am Bahnhof, mit dem Ziel, den Heimweg anzutreten. Da Velos nicht in allen Zügen gerne gesehen sind – und der Anhänger erst recht nicht – reservierte er im Nachtzug nach Zürich, der einen eigenen Velowagen mitführt. Aber: Der Zug fiel aus. Das Bahnpersonal sei nicht besonders freundlich gewesen, meinte nur, er und zwei Zürcher, die ebenfalls die Heimreise antreten wollten, sollen am nächsten Morgen um 6 Uhr wiederkommen. Es war zu diesem Zeitpunkt schon 22 Uhr – ein Hotel sollten sie sich selber suchen, aber bitte nicht über 80 Euro, mehr werde nämlich nicht vergütet.

Die drei machten sich auf die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Das erste Hotel in der Nähe hatte fünf Sterne – viel zu teuer. Weiter gings. Als Peter Loosli in einer Absteige nach dem Preis fragte, war er negativ überrascht. Bis er sich genauer umsah. «Vor luuter» Hotelsuche hatten die drei nicht bemerkt, dass sie im Rotlichtmilieu gelandet waren. «Einen halben Kilometer weiter wurden wir dann fündig.»

Am nächsten Tag gingen sie gemeinsam zum Bahnhof, dort trennten sich die Wege. Per SMS hielt er Kontakt mit den neuen Bekannten, die auch Züge bestiegen, in denen sie mit dem Velo nicht hätten sein dürfen. Peter Loosli hingegen entschied sich für die velo- und anhängerfreundlichere Variante Regionalzüge – musste dafür aber sechsmal umsteigen bis nach Singen, wo er mit 13 Stunden Verspätung ankam. Von Singen nach Feuerthalen fuhr er mit dem Velo – und kam morgens um 1 Uhr zu Hause an. Ein abenteuerlicher Abschluss einer eindrücklichen Reise.

Wer (noch) mehr über Peter Looslis Reise wissen will: Er hat vor, im Herbst/Winter öffentlich davon zu berichten. Das Datum wird er sicher rechtzeitig bekanntgeben.

 

War dieser Artikel lesenswert?

Zur Startseite