Weinland

Ein unterschätzter Weggefährte

Bald kommt der Samichlaus wieder aus dem tiefen Tannenwald zu den Kindern. Der heimliche Star am 6. Dezember ist jedoch sein treuer Begleiter, der Esel. Ein feinfühliges, genügsames und intelligentes Tier, das häufig unterschätzt wird.

von Bettina Schmid
03. Dezember 2021

Er war schon immer ein treuer Weggefährte des Menschen: der Esel. Er trug Maria in der Weihnachtsgeschichte nach Bethlehem, diente und dient in ärmlichen Gebieten immer noch als Packesel, und sogar der Samichlaus hätte Mühe, ohne ihn seine Säcke voller Nüsse, Mandarinen und Lebkuchen zu den Kindern zu transportieren. Aufgrund dieser Erkenntnisse ist es eigentlich ein Skandal, dass der Esel – im Gegensatz zum Pferd, dem Einhorn oder dem Zebra – noch kein eigenes Emoji hat: «Sin Esel, de hed glaade, er rüeft: i-aa, i-aa! Hüt dörf i mit mim Meischter ämal is Stedtli ga! Im Sack, da häts vill Nusse, au Tirggel, Zimmetschtärn, die träg ich, wär’s en Zent-ner, für d’Chinde na so gärn!»

Und vermutlich ist es tatsächlich so, dass der Esel die Lasten für die Kinder am Samichlaustag gerne trägt. Denn die Tiere sind, entgegen der gängigen Klischees, sehr intelligent und brauchen Abwechslung und Beschäftigung, sagt Kathrin Gaberthüel. Die Marthalerin hält auf ihrem Biohof seit über 20 Jahren Esel. Zurzeit sind es vier: Jenny, Angelo, Rocky und Rambo. Mit ihnen geht sie spazieren, empfängt einmal pro Woche eine Kindergruppe, welche sie reiten und striegeln darf, besucht Schulklassen oder spannt sie vor die Kutsche. «Wenn man einmal mit der Haltung von Eseln angefangen hat, hört man nicht mehr auf», sagt sie lachend. Die Tiere würden einem sehr viel geben. Sie seien gesellig, anhänglich, genügsam und zuverlässig. Zudem seien sie mit ihrem gemächlichen Tempo Entschleunigung pur. «Ungeduld kommt bei ihnen nicht gut an.»

Training notwendig
Im Gegensatz zu Pferden sind Esel keine reinen Fluchttiere. Verunsichert sie eine Situation, bleiben sie zuerst einmal stehen, schauen sich um und schätzen die Lage ein. Deshalb sind sie auch perfekt für den Umgang mit Kindern geeignet. Allerdings hat ihnen diese Eigenschaft den Ruf eingebracht, störrisch zu sein. «Das stimmt aber überhaupt nicht», so Kathrin Gaberthüel. Ein Esel mache fast alles, wenn man eine gute Bindung zu ihm habe. Nur mit Kraft erreicht man jedoch nichts, am Halfter zerren sollte man sein lassen.

Da die Anwesenheit der Bezugsperson wichtig sei, würde sie ihre Tiere, wenn überhaupt, nie einfach so dem Samichlaus oder dem Schmutzli mitgeben. Es brauche vorher ein Training, damit die beiden sich kennenlernen und einander vertrauen könnten. Auch neue Orte und Situationen müssten vorgängig geübt werden. «Als ich mit meinen Eseln über einen Steg laufen wollte, haben wir dafür fast ein halbes Jahr lang trainiert, da sie Angst vor dem Wasser hatten und anfingen zu bocken.»

Ansonsten könne man bei den Langohren aber fast nichts falsch machen. «Sie sind nicht lärmempfindlich, schlagen nicht aus und lassen sich in der Regel sehr gerne streicheln, insbesondere am Kopf», sagt Kathrin Gaberthüel. Wenn reiten erlaubt sei, müsse man darauf achten, sie nicht zu überladen. Erwachsene Esel sollten maximal 20 Prozent ihres Körpergewichts tragen. Bei einem durchschnittlich grossen Tier sind dies etwa 50 Kilogramm.

Auf die Ohren schauen
Da das Eselherz sehr für Futter «pöpperlet», freuen sie sich immer über Leckerbissen wie Rüebli, Äpfel oder altes Brot – allerdings nur in begrenzten Mengen. «Esel haben häufig ein Gewichtsproblem, und gerade Karotten enthalten sehr viel Zucker», so die Expertin. Denn dort, wo sie ursprünglich herkommen, aus der afrikanischen Steppe, gibt es nur karges Gras und Gestrüpp. In unseren Breitengraden sei jedoch das Gras sehr saftig, was sich auf den Rippen der Tiere bemerkbar mache.

Ist man unsicher, wie es dem Esel gerade geht, könne man auf seine Körpersprache, insbesondere die Ohren, achten, sagt die Marthalerin. Sind beide nach hinten angelegt, ist etwas gar nicht mehr gut. Ist ein Ohr nach vorne gerichtet, das andere nach hinten angelegt, ist er äusserst konzentriert. Und schauen beide entspannt nach vorne, fühlt er sich wohl. Wenn Sie also das Glück haben, am 6. Dezember mit Ihren Kindern auf einen Samichlaus mit seinem Esel zu treffen: Streicheln Sie den heimlichen Star, sprechen Sie mit ihm, aber füttern Sie ihn ja nicht zu viel. Denn schliesslich soll er auch im nächsten Jahr noch fit genug sein, um die vollen Säcke zu den Kindern transportieren und iahen zu können: «I-aa, i-aa, juhui, de Samichlaus isch da.»

Samichlaus mit Esel auf dem Marktplatz

Wer den Samichlaus persönlich treffen möchte: Diesen Samstag, 4. Dezember 2021, besucht er von 10 bis 12 Uhr den Andelfinger Marktplatz. Mit dabei sind auch sein treuer Helfer Schmutzli und ein Esel, der hilft, den prall gefüllten Sack zu tragen. Auf ihrer Runde in der Umgebung der Geschäfte des Vereins «Ich poschte z’Andelfinge» freuen sie sich auf möglichst viel Besuch von Gross und Klein. (bsc)

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