Er kennt die Schweiz von oben

Truttikon - Seine Luftbilder sind frei zugänglich: Kampfjetpilot Sergio Rämi fotografierte viele Jahre für Swisstopo die Schweiz von oben. Kürzlich feierte die In­sti­tu­tion ihr 100-Jahr-Jubiläum.

Roland Spalinger (spa) Publiziert: 18. September 2026
Lesezeit: 4 min

So könnte es an einem Samstagabend in etwa zwölf Millionen Haushalten in Deutschland, Österreich und der Schweiz tönen: Sergio Rämi wettet, dass er nach fünf Sekunden beim Anblick eines beliebigen Kartenausschnitts der Schweiz mit grösserem Zusammenhang sagen kann, um welche Gegend es sich handelt. Die Vorlage müsste ein Luftbild von Swisstopo sein.

Für diese In­sti­tu­tion war der Gemeindepräsident von Truttikon von 1998 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2016 im Einsatz. Mit einer Beech King Air 350 flog er jedes Jahr einen Viertel des Landes ab. Im Vierjahresrhythmus wurde die ganze Schweiz aus einer Höhe zwischen 6000 und 9000 Metern fotografisch aufgenommen. Die Aufnahmen für die genaueren Karten im Massstab 1:25'000 wurden mit der Twin Otter in tieferer Höhe gemacht.

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Die Beech King Air 350 war anfangs noch rot.

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Später wurde sie weiss lackiert.

Immer auf der Linie bleiben

Fliegerisch sei es langweilig gewesen, sagt Sergio Rämi. «Sauber auf der Linie einfädeln und das Flugzeug auf der vorgegebenen Geraden zu halten, ist nicht besonders spektakulär.» Und dies ausschliesslich bei schönem Wetter ohne Wolken und mit wenig Wind sowie wenig anderem Flugverkehr und – wegen des Schattenwurfs – einem Sonnenstandswinkel ab 35 Grad.

Spannend war der Dienst trotzdem, weil er das Land von oben kennenlernte und die Veränderungen verfolgen konnte. Ab und zu hätten sie Flüge auch unverrichteter Dinge abbrechen müssen. Habe es beim Start noch gut ausgesehen, seien doch noch Wolken aufgezogen. «Wir hatten halt noch kein Handy mit Wetter-App», sagt er. Mit der Zeit hätten sie das Spiel mit dem Wetter gelernt und gewusst, wann im Engadin Wolken aufziehen würden. Die Hälfte der Sommerwochenenden habe er in dieser Zeit in der Luft verbracht.

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Zum 100-Jahr-Jubiläum des Swisstopo-Flugdiensts lancierte die Post Sonderbriefmarken. | zvg

Aufklären mit der Mirage

Am 1. September 2007 feierte er im Cockpit seine 2000. Flugstunde mit einer King Air. Dazu kommen viele andere Stunden, zum Beispiel 800 mit einer Mirage, was übersetzt Fata Morgana oder Luftspiegelung heisst. Er war Aufklärer. Das 1964 beschaffte und 2003 aus dem Dienst genommene Flugzeug war mit Kameras ausgestattet.

Als erfahrener Pilot und Luftfotograf übernahm Sergio Rämi dann den Nebenjob für Swisstopo und erlebte noch die Zeit mit Nassfilmrollen und sich überlappenden Serienaufnahmen. Mit dem Wechsel zur Digitalfotografie kam auch der Dreijahresrhythmus.
 
Die Anfänge von Swisstopo und dieser Art der Vermessung gehen auf das Jahr 1926 zurück. Bis die Ostschweiz ein erstes Mal kartografiert wurde, dauerte es fünf Jahre. Das erste Bild von Truttikon beispielsweise datiert somit von 1931. Wo Sergio und Judith Rämi heute leben, standen damals Apfelbäume.

Er wurde 1958 im Tessin geboren und wuchs später in Trasadingen auf. Die Flieger-RS 1980 war der Beginn seiner Karriere als Kampfjetpilot. Er flog Hunter, Tiger F-5 und ab 1995 die Mirage, nicht aber die F/A-18. Als die Schweiz diesen Jet einführte, war er 38-jährig und bereits zu alt, um noch umgeschult zu werden. Sergio Rämi gehörte zum PC-7-Team, war Flottenchef der PC-9 und führte VIP-Flüge sowie Lufttransportdienste durch. Mehrere Male flog er Schweizer Soldaten für ihren Einsatz bei den KFOR-Truppen in den Kosovo oder brachte andere zurück.

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Zwei Mirage in tiefer Höhe über dem schwarz gefrorenen Silvaplanersee. | zvg

Entwicklungshilfe aus der Luft

Ins Ausland ging es auch mit der King Air. «Wie die Schweiz ihre Fläche kartografierte, ist einzigartig auf der Welt und international bekannt.» Sergio Rämi war im Auftrag der ETH im Rahmen von Hilfsprojekten in Griechenland, Armenien, Aserbaidschan und Kirgistan. Dank der Hilfe aus der Schweiz konnten diese Länder Karten und einen Grundbuchplan anfertigen. Noch unter russischer Herrschaft hatte alles Land dem Staat gehört. Die Herausforderung in diesen Konfliktgebieten war, mit dem Flieger innerhalb der Landesgrenzen zu bleiben. Eine Verletzung des Luftraums hätte die Gefahr bedeutet, abgeschossen zu werden.

Eingeprägt haben sich Sergio Rämi bei diesen jeweils rund einen Monat dauernden Einsätzen die Gegenden von oben. «Ich könnte die Wette somit auf diese Länder ausweiten», sagt er schmunzelnd.
 
Auch mit mittlerweile 68 Jahren ist  Sergio Rämi immer noch regelmässig in der Luft. Anfang September landete der Pilot mit einem Doppeldecker des Baujahrs 1943 beim Fliegerfest auf dem Schmerlat in Neunkirch. Die Boeing PT17D Stearman gehört dem Fliegermuseum Altenrhein, fĂĽr das er auch PassagierflĂĽge durchfĂĽhrt. Der Pilot sitzt dabei in der offenen Luke hinter dem Passagier und sieht bei der Landung nicht allzu viel. «Wie bei der Mirage», vergleicht er und vertraut auf seine Erfahrung.

100 Jahre Flugdienst von Swisstopo


Um die Schweiz anhand von Luftbildern zu vermessen, gründete das Bundesamt für Landestopografie (Swisstopo) im Jahr 1926 einen eigenen Flugdienst. Zum 100-Jahr-Jubiläum im Juni erschienen eine Sondermarke und eine Publikation. Die Chronik dokumentiert, wie sich die Aufgaben und Instrumente der Fliegerequipen im Lauf der Zeit verändert haben. Ausgeklügelte Luftbildkameras, auf Vermessungszwecke spezialisierte Flugzeuge, aber auch eine gut eingespielte Besatzung und ein strahlend klarer Himmel waren nötig, um hochwertige Luftbilder anzufertigen. Insbesondere in den Anfangsjahren setzten sich Bordfotografen und Piloten im Dienst der Schweizer Kartografie zudem einem grossen Unfallrisiko aus.

Aus dem «Rohstoff» Luftbilder entstanden durch die fotogrammetrische Auswertung und andere Verfahren schliesslich Produkte wie die Landeskarte, der Grundbuchplan und Luftbildpläne, die unser Bild der Schweiz massgeblich geprägt haben und es bis heute tun. Der erste Landestopografie-Pilot war Markus Burkhard. Dessen Urenkel ist heute Flugplatzchef in Dübendorf, wo die Flieger stationiert sind. Das Bundesamt für Landestopografie selbst wurde 1838 von Guillaume Henri Dufour gegründet. Der spätere General und Mitbegründer des Roten Kreuzes war von Beruf Ingenieur und Kartograf. (az)



Bild unten (Screenshot): Zeitreise dank Swisstopo: Die ersten Aufnahmen von Truttikon stammen aus dem Jahr 1931.

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