Weinland

(Ex-)Zugchef Andi auf Reisen

Andi Wanner lässt sich alters- und berufshalber degradieren. Einfach das Organigramm anpassen und nette Worte zum Abschied? Nicht bei der Feuerwehr Andelfingen und Umgebung. Seine letzte Übung als Zugchef erlebte er dunkel, nass, kalt, heiss und lustig.

von Eva Wanner
08. November 2019

Man nehme eine Prise Schadenfreude, ein bisschen Rache, eine grosse Portion Respekt und ganz viel Kameradschaft – und erhält die Abschlussübung, die für Zugführer Andi «Wanni» Wanner durchgeführt wurde. Denn Kameraden sind bei der Feuerwehr Andelfingen und Umgebung jene Menschen, die einem im Ernstfall am nächsten stehen, einen aber auch am liebsten ins Bockshorn jagen.

Als «Wanni» am Dienstagabend ins Feuerwehrlokal kommt, die zwölfte Mannschaftsübung des Jahres steht an, tritt er zum letzten Mal als Zugchef an. Nach elf Jahren in dieser Funktion lässt er sich freiwillig zum Unteroffizier degradieren. Wegen der beruflichen Belastung als Kaminfeger, altershalber (48) und weil sein Nachfolger Roland Berger bereits in den Startlöchern steht.

Wie sehr er das tut, muss Roland Berger an diesem Abend beweisen. Und «Wanni» ahnt zwar, dass ihn die Kameraden nicht einfach mit einem feuchten Händedruck und aufgewärmten Geschichten gehen lassen werden, nicht aber, was alles auf ihn zukommen wird. Das wissen nur Kommandant Martin Käser, dessen Stellvertreter Rolf Hürlimann und  Ausbildungschef Marcel Frauenfelder.

Andi macht den Billy
Der abtretende Zugchef «darf» mit zwei Eingeweihten und seinem Nachfolger in den Keller verschwinden. Ein Glas Wein, Speck, Käse und Brot erwarten ihn – und die Gewissheit, dass zwei Stockwerke über ihm eine Übung geplant wird, die unter dem Motto «Andi auf Reisen» steht.

Angelehnt ist dies an eine Übung, die Andi Wanner vor einigen Jahren durchgeführt hat. «Billy auf Reisen» hiess der Abend, an dem die schwere Holzpuppe «Billy» mehrere Stationen durchlaufen musste. Welche das waren, daran erinnerte sich Andi Wanner nicht mehr so ganz. Er hätte noch nachgesehen, wenn er gewusst hätte, dass er interviewt würde, meint er. Musste er aber gar nicht. Denn: Er sollte nun Billys Reise von damals nachstellen.

Blindes Vertrauen
Erste Station: Werkhof Fuchsenhölzli. Andi Wanner und Roland Berger ziehen die Atemschutz-Montur an, dem abtretenden Zugchef wird ein Sack über den Kopf gestülpt – er wird sich von seinem Nachfolger führen lassen. Auf in den dunklen, nassen Wald, Treppe rauf, Treppe runter, über einen Teich, «achtung steil», «Fuss nach vorn, Stufe. Fuss nach vorn, Stufe». Das Teamwork funktioniert. Wer etwas sieht, erblickt nach rund 20 Minuten viele Lichter.

Die Männer von Posten zwei stehen bereit. Sack weg vom Kopf, Schwimmweste darübergezogen. Jetzt gehts mit dem Armee-Schlauchbot ein Stück weit die Thur hinunter, bis zur Holzbrücke.

Baumeln und Tauchen
Von der Holzbrücke aus sieht man bald ein einsames, helles Licht auf dem Wasser nahen, der Schlauchboot-Trupp rückt an. Der Brücken-Trupp hat sich vorbereitet, denn nun wird Andi Wanner (wie damals Billy) nicht ab- sondern «heraufgeseilt». Er legt sich das Geschirr an, hauruck, und er baumelt in luftiger Höhe über dem Wasser. Das Seil hat sich verdreht, was bedeutet, dass der Mann sich ebenfalls drehen muss. «Und Zug!», es geht nach oben, «und nomol eine – guet.» «Wanni» wird über die Brüstung gehoben und strahlt. Freude, Erleichterung – und irgendwo im Hinterkopf wohl auch ein bisschen Furcht, was da noch kommen mag.

Wieder Platz nehmen im Mannschaftsbus, nächstes Ziel: Badi Andelfingen. Ein Zelt erwartet ihn, die Kameraden sind ja nett – den Taucheranzug überstreifen darf sich der Protagonist in der Wärme. Dann wirds kalt. 11 Grad, vielleicht 12 oder «kuschelige» 13, hat die trübe Suppe im Becken, aus der er eine Kiste Bier bergen muss. «Uoah», machts am Beckenrand aus mehreren Kehlen, als Andi Wanner ins wirklich kühle Nass springt. Kurz darauf kommt er wieder raus – der Bleigürtel fehlt, er sinkt nicht. Also: Aus dem Taucheranzug schälen und in Unterwäsche wieder rein. «Harter Hund», Bewunderung kommt zum Ausdruck. Erfolgreich ertaucht er die Kiste Bier, ihm wird versprochen, er dürfe sich gleich aufwärmen.

Darf er auch – im Ausbildungszentrum, wo er in einem verrauchten, heis­sen Keller einen Brand löscht. Immer an seiner Seite: Sein Nachfolger. Warm haben die beiden nach dieser Aktion auf jeden Fall.

Und noch einmal wirds nass: Die letzte Gruppe schnallt den Reisenden auf eine Bahre. Nun gehts aufwärts, nicht auf der Strasse, sondern im Wildbachkanal. Gut 250 Meter, durchs Wasser – getragen und geschleppt – später, strahlt «Wanni» erneut. Und diesmal ohne Befürchtungen: Die Reise ist überstanden. Zumindest fast. Der letzte Posten ist die Festwirtschaft. Die Kameraden haben bei der Frau des abtretenden Zugchefs trockene, warme Kleidung organisiert. Die schadenfreudigen Lacher jener, die dabei waren und denen er seine Reise erzählt, sind ihm ebenso gewiss wie die Kameradschaft und der Respekt.

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