Weinland

«Ich bin ein Statistiker»

Mehr als 30 Jahre lang übermittelte Robert Tanner seine Niederschlagsstatistik der Leserschaft der «Andelfinger Zeitung». Nun hört er auf. Aber nicht ganz.

von Evelyne Haymoz
10. Januar 2020

Manche Zeitgenossen sammeln Briefmarken oder Kaffeerahmdeckeli, andere Sneakers oder «Likes» in Sozialen Medien. Und es gibt solche wie Robert Tanner: den Sammler der Regendaten. Mit einem offenen Mantel bekleidet, einem braunen Hängeregistermäppchen unter dem Arm, aus dem lose Blätter hervorlugen, und den Blick auf den Boden gerichtet, um sicherer zu gehen, bewegt er sich zu den in seinem Garten befindlichen Messgeräten.

Dort finden sich neben dem Herzstück, dem metallenen Regenmesser, mehrere Geräte wie Thermo-, Hygro- und Anemometer, um die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit und die Windgeschwindigkeit zu messen. Seit mehr als 30 Jahren liest er jeden Morgen ab, wie viele Millimeter Niederschläge in den vergangenen 24 Stunden in seiner Messvorrichtung gelandet sind. Auch wenn die Daten mittlerweile direkt auf seinen Computer gelangen, bestimmt Robert Tanner die Niederschlagsmenge weiterhin manuell. Dies erlaubt ihm, die elektronisch übermittelten Wetterdaten zu vergleichen und fein säuberlich – von Hand – in eine Monatstabelle zu übertragen. «Da ich diese Tabelle sowieso täglich benutze, habe ich mir angewöhnt, auch meine privaten Termine hier zu notieren», sagt der 84-Jährige. Und tatsächlich findet sich in der letzten Spalte des Datenblatts Raum für persönliche Einträge. Doch die ersten Spalten gehören den Wetterdaten.

Prognosen wagen
Als Sammler sieht sich Robert Tanner dennoch nicht. «Ich bin halt ein Statistiker», bekennt der pensionierte Banker immer wieder und verrät, dass er die Daten gerne auswertet und dann auch nutzt. Zum Beispiel, um die Statistik mit der Leserschaft der «Andelfinger Zeitung» zu teilen oder um aufgeregte Dorfbewohner zu beruhigen, die sich nach anhaltenden Regenfällen fragen, ob die Thur wieder über die Ufer treten werde. Aufgrund seiner eigenen Messdaten, und indem er Daten aus dem Toggenburg hinzuzieht, wo die Thur entspringt, liegt er mit seiner Prognose oft richtig. Eine Klima-Prognose möchte Robert Tanner nicht wagen. «Schwankungen hat es immer gegeben. Und für eine Klimaanalyse reicht meine Datenmenge nicht aus, auch wenn sie einige Jahrzehnte umfasst», gibt er sich vorsichtig.

Die Thur im Haus
Die Thur spielte für das Ehepaar Tanner seit jeher eine bedeutende Rolle. «Ein grosser Traum von uns war es, der Thur entlangzuwandern, von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein, aber dafür sind wir nun zu alt», bedauern beide. Die Thur bleibt Faszinosum. Vor 60 Jahren beschlossen sie, sich am Thurufer niederzulassen. Als jedoch die Thur eines Tages über die Ufer trat und sich ins Haus der Tanners ergoss, beschloss der Familienvater, sie zu beobachten und den Regen täglich zu messen, um gegen eine erneute Überschwemmung gewappnet zu sein.

Zu Beginn, in den 1980er-Jahren, mass er jeweils täglich von Hand. Seine Frau Margrit Tanner meint schmunzelnd: «Ich erinnere mich noch gut, wie er meistens schon vor dem Frühstück im Garten am Ablesen war.» Früh musste es sein, denn um 7.30 Uhr nahm Robert Tanner seine Arbeit in der Filiale der Zürcher Kantonalbank in Mar­tha­len auf. War es ihm einmal nicht möglich, selber zu messen, half ihm Margrit Brändle mit ihren Daten aus.

Neue Möglichkeiten
Im Laufe der Jahre erfuhr Robert Tanners Wetterstation Modernisierungen, sodass er bereits Mitte der 1990er-Jahre die Daten über ein Kabel und Anfang 2000 über Funk zu seinem Computer leiten konnte. Seit 2013 erhält der mittlerweile 84-Jährige sämtliche Daten auf sein Tablet, wo er den Kurvenverlauf der Niederschläge in Echtzeit verfolgen kann. Obwohl Smartphone und Tablet ihn in seinem Hobby unterstützen und neue Möglichkeiten bieten, bereite ihm die Aufbereitung der Daten und Berechnung der Abweichung vom langjährigen Mittelwert immer mehr Mühe. «Auf Ende Jahr aufzuhören, machte für mich Sinn», meint Robert Tanner.

In der Ausgabe vom 7. Januar findet sich die letzte von ihm erar­bei­te­te Niederschlagsstatistik. Wer denkt, Robert Tanner widme sich nun den Briefmarken, irrt. Den Niederschlag ablesen wird er weiterhin. Täglich um 7.30 Uhr.

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