Weinland

In zwölf Monaten zum Cafe Racer

Reduziert aufs Wesentliche, aber mit Alltagstauglichkeit – so beschreibt Jean-Pierre Haldimann sein selbst umgebautes Motorrad in Cafe-Racer-Manier. Ein Töff-Fan war er nicht, bis ihm ein Freund vor zwei Jahren die BMW R 100 schenkte.

von Bettina Schmid
06. August 2019

Mit Liebe aus Freundschaft entstanden – so könnte die Überschrift für die zum Cafe Racer umgebaute BMW R 100 bei einem Verkaufsinserat lauten. Nur, dass es voraussichtlich nie zu einem solchen Inserat kommen wird. Die Liebe von Jean-Pierre Haldimann zur zweirädrigen Maschine, die inzwischen 105 000 Kilometer auf dem Buckel hat, ist viel zu gross, unzählige Erinnerungen hängen daran, und zahlreiche Freundschaften wurden durch sie geknüpft. «Ich würde es nicht übers Herz bringen, sie zu verkaufen», so der 40-jährige nun in Niederwil wohnhafte Solothurner. Zu gross ist auch die Freude, die er beim Fahren verspürt. Nach einer rund einjährigen Umbauzeit sei es ein unbeschreibliches Gefühl, endlich mit seiner nun Realität gewordenen Motorrad-Vision herumkurven zu können.

Als Jugendlicher besuchte er eines der legendären und wohl gefährlichsten Motorradrennen der Welt, die Classic TT auf der Isle of Man in England. Dabei beobachtete er die tief geduckten Cafe-Racer-Rennmaschinen mit Stummellenkern, welche auf das Notwendigste reduziert waren. Für den Autofan, der dazumal noch keine grosse Leidenschaft für Motorräder aufbringen konnte, war klar: «Sollte ich doch jemals ein Motorrad haben, muss es so aussehen wie diese.» Bis aus dieser Vorstellung Wirklichkeit wurde, dauerte es aber noch über 20 Jahre und basierte auf vielen Zufällen. Und diese haben eben mit Freundschaft zu tun.

Als Dank ein Motorrad
Im Juli 2013, als Jean-Pierre Haldimann an der Modball Rally teilnahm, einem einwöchigen Motorsportwettbewerb quer durch Europa, lernte er seine zukünftige Freundin und gelernte Automechanikerin Isa kennen. Durch sie traf er bei einem Geburtstagsfest Sam Brüngger, ihren besten Freund und ebenfalls Automechaniker. Die Liebe zu allem, was Räder hat, verband die beiden, und im Laufe der Monate entstand eine tiefe Freundschaft. Als sich Sam Brüngger im Oktober 2017 das Handgelenk brach, nur wenige Wochen nachdem er sich mit der Motorradwerkstatt Gespannservice GmbH in Flaach selbständig gemacht hatte, war es für Jean-Pierre Haldimann keine Frage, seinen Freund zu unterstützen. Er gab bei seinem Arbeitgeber drei Wochen Ferien ein und half spontan in der Werkstatt aus.

Als Dankeschön für diese Hilfe schenkte Sam Brüngger – und hier schliesst sich der Kreis – seinem Kumpel die alte aus dem Jahr 1982 stammende BMW R 100. Diese war zu ihrer Zeit ein Hightech-Motorrad mit serienmässiger Vollverkleidung, riesigen Seitenfächern und Extras wie einer beheizten Scheibe vor dem Scheinwerfer und sogar Warnblinkern; von Reduktion auf das Wesentliche keine Spur.

Reduktion mit Augenmass
Der Töff stimmte also so gar nicht mit dem Bild seines Traummotorrads aus Jugendjahren überein. Der inzwischen 40-Jährige machte sich an die umfangreichen Umbauarbeiten. Während zwölf Monaten schraubte er, sägte aus, nietete, verkabelte und lötete in seiner Freizeit, was das Zeug hielt. Als gelernter Maschinenmechaniker brachte Jean-Pierre Haldimann die Voraussetzungen mit, etwas selber herzustellen. Unter anderem sind das Heck, der Batteriekasten und die Tacho-Halterung Marke Eigenbau. «Meine Automechanikerfreunde haben mich ausgelacht, als ich anhand von Kartonschablonen diese Teile gefertigt habe, aber es funktionierte.»

Das Motorrad hat der Tüftler fast vollständig auseinandergebaut und Unnötiges, wie er es nennt, weggelassen. Dafür montierte er typische Cafe- Racer-Stilelemente wie den Stummellenker, ein grosses Licht oder einen Ventildeckel im Retrolook, änderte mit Sam Brünngers Hilfe den Kabelbaum komplett ab und baute eine neue Auspuffanlage ein. Das Motorrad verfügt sogar über einen Tarnscheinwerfer der Schweizer Armee. Und trotz aller Reduktion aufs Wesentliche darf auch etwas Hightech nicht fehlen: Anstelle eines Schlüssels startet der Cafe Racer mit einem elektronischen Badge.

Damit das motorisierte Zweirad alltagstauglich bleibt, hat Jean-Pierre Haldimann auf gewisse radikale Reduktionen, wie sie sonst in der Szene üblich sind, verzichtet. So verfügt der Töff über Blinker und einen Rückspiegel. «Denn um die Ausfahrten richtig geniessen zu können, muss nebst der Optik auch die Sicherheit stimmen», erklärt er.

Motorradszene aus England
Ein Cafe Racer war ursprünglich ein sportlich umgebautes englisches Serienmotorrad der 1960er-Jahre. Namensgebend war das legendäre Ace Cafe in London, wo sich die Rocker- und Biker-Szene der 1960er-Jahre traf und die Strassen der Umgebung unsicher machte. Das Motorrad war stets mit dabei und wurde individuell verändert und umgebaut. Schnörkellose Tanks aus poliertem Aluminium, Stummellenker, ein grosser Einzelscheinwerfer, serienfremde Einzelsitzbänke und demontierte Rückspiegel bilden prä­gnan­te Stilmerkmale der Cafe Racer.

Die tief geduckten Maschinen wurden in Strassenrennen untereinander gemessen. Die klassische Strecke für das Rennen führte vom Ace Cafe zum nächsten Kreisverkehr und wieder zurück. (bsc)

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Über die Sommerzeit stellt die «Andelfinger Zeitung» aussergewöhnliche Gefährte und die Geschichten dahinter vor. «In zwölf Monaten zum Cafe Racer» ist der achte Beitrag der Serie.

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