Weinland

Kein grauer, verstaubter Ort im Keller

Bibliotheken gibt es in fast jeder Gemeinde. Und sie geniessen nach wie vor grosse Beliebtheit. Am Wochenende werden sie national gefeiert.

von Jasmine Beetschen
21. März 2023

Geschichten von Drachen und Zauberern, von haarsträubenden Verbrechen bis hin zu romantischen Liebesgeschichten oder Biografien, die zum Nachdenken anregen: Eine Bibliothek ist ein Ort, der zum Eintauchen einlädt. Einer, der Geschichten bereithält, in die man stundenlang versinken kann, die Realität für einen Moment vergisst und die Fantasie das Zepter übernimmt. «Bibliotheken bringen verschiedene Menschen zusammen, egal welchen Alters, welcher Herkunft oder Bildungsstufe», sagt Käthi Baldegger. Diesen Austausch geniesst sie als Leiterin der Bibliotheken in Mar­tha­len und Feuerthalen sehr. Als Bibliothekarin sei man stets unter Leuten von Klein bis Gross, untereinander vernetzt und in ständigem Austausch. «So bleibt es immer spannend», so die Marthalerin.

Käthi Baldegger arbeitet seit über 20 Jahren in der Bibliothek Mar­tha­len, seit fast zehn Jahren leitet sie zudem die Bibliothek in Feuerthalen. Nach einem Hilfseinsatz kam sie spontan dazu, die Leitung der beiden Einrichtungen zu übernehmen. Dafür hatte sie eine Ausbildung über drei Jahre absolviert, um die Grundlagen für den Betrieb einer Bibliothek zu erlernen. Diese wird vom Verein Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der allgemeinen öffentlichen Bibliotheken (SAB) angeboten, der heute mit dem BIS, dem Verband Bibliothek Information Schweiz, unter der Gesellschaft Bibliosuisse zusammenläuft.

Diese ist auch Organisatorin des BiblioWeekend, das vom 24. bis 26. März unter dem Motto «Die Segel setzen» stattfindet (siehe letzter Abschnitt). An diesem Themenwochenende, das national bereits zum zweiten Mal durchgeführt wird, stehen in der ganzen Schweiz die Bibliotheken im Mittelpunkt. «Bibliotheken sind wichtige Akteure in der Gesellschaft. Sie bieten freien Zugang zu Information und Angebote für alle Bevölkerungsgruppen», erklärt Käthi Baldegger. Neben kulturellen, politischen und sozialen Funktionen tragen sie zudem zur Leseförderung, Unterstützung von Informationskompetenz sowie Informationsversorgung bei. Aus diesem Grund findet sie es wichtig, die Bedeutung von Bibliotheken von Zeit zu Zeit hervorzuheben und die Bevölkerung einzuladen, sich vertieft mit Bibliotheken auseinanderzusetzen.

Auf dem neusten Stand
Büchereien gewinnen mehr und mehr an Beliebtheit, weiss Käthi Baldegger zu erzählen. Heute kämen eindeutig mehr Leute zu ihr als noch vor zwanzig Jahren. «Viele haben wohl mittlerweile verstanden, dass eine Bibliothek kein grauer, verstaubter Ort in einem Keller ist, sondern viel zu bieten hat», lacht Käthi Baldegger. Eine Bibliothek ist kein düsterer Raum mit dicken Büchern bis zur Decke hinauf, zwischen denen eine grimmige Bibliothekarin herumschleicht und die Besuchenden zum Schweigen auffordert. «Dieses Bild ist völlig veraltet und definitiv nicht die Realität», so Käthi Baldegger. Bibliotheken sind heute modern und auch in Sachen neue Technologien à jour. So habe man beispielsweise E-Readers angeschafft, als diese an Bekanntheit gewannen.

Aber auch hier habe sich einmal mehr bestätigt: Das Buch in der Hand ist so leicht nicht zu ersetzen. «Viele kamen nach dem Ausprobieren zu mir und meinten, dass so ein Kindle ja schon praktisch wäre, aber kein Vergleich zum richtigen Blättern in einem dicken Schmöker sei», erzählt sie. Sie ist überzeugt, dass Print nicht aussterben wird und auch in Zukunft Bibliotheken von unterschiedlichen Menschen besucht und geschätzt werden. Vor allem auch im Sinne der Umwelt sei der Tausch­gedanke stärker verbreitet als früher. «Tauschen, aus- und verleihen stehen hoch im Kurs. Da ist man in einer Bibliothek natürlich genau am richtigen Ort.»
 
Lesefaule und BĂĽcherwĂĽrmer
Beliebt seien Bibliotheken auch immer noch beim Nachwuchs: Zu den häufigsten Kunden in Mar­tha­len wie auch in Feuerthalen gehören Familien mit Kindern. Dass Letztere weniger lesen würden als früher, sei ihrer Meinung nach nicht der Fall. «Das kommt eher in Wellen: Es gibt lesefaule Jahrgänge und dann wieder solche, die sich gegenseitig anstecken und zu richtigen Bücherwürmern werden.» Bei den Kleinen stehen Toniefiguren gross im Trend, aber auch Klassiker wie Harry Potter und andere Trilogien.

Das Leseverhalten der Jungen habe sich definitiv gewandelt in den vergangenen Jahren. Kinder hören oft auch lieber Hörbücher oder schauen sich Filme auf Streamingdiensten an, anstatt sie auszuleihen. Doch schön finde sie, dass Klassiker wie Globi, Asterix oder Lucky Luke auch nach Jahren noch gefragt seien. «Die Klassiker überleben einfach», so Käthi Baldegger. Männer bevorzugen eher die Krimiecke, bei den Besucherinnen stehen zurzeit historische Frauengeschichten hoch im Kurs.

Als Bibliothekarin halte man die Augen immer offen nach neuen Büchern für den Bestand – auch in der Freizeit. Immer wieder entdecke sie so in Katalogen oder im Büchergeschäft neue Geschichten, die danach den Weg in die Bibliothek Mar­tha­len oder Feuerthalen finden. In ihrem Team bevorzuge jede wieder ein anderes Genre, so hätten sie im Team ein breites Wissen, um Kunden beraten zu können. Sie seien aber auch immer offen für Wünsche und Vorschläge von Besucherinnen und Besuchern. «Mit unserer Auswahl sowie den Ergänzungen der Besuchenden ergibt sich ein spannender Mix. Genau das macht eine Bibliothek auch aus: Sie hat für jede und jeden etwas», sagt Käthi Baldegger.

Mehr Medien, weniger Ausleihen

340 Personen nutzten im vergangenen Jahr die Gemeinde- und Schulbibliothek Mar­tha­len, die im Sommer ihr 60-jähriges Bestehen feierte. Das sind 28 Personen mehr. Und ihnen standen 8598 Medien zur Verfügung (Vorjahr 8392). Die Zahl der Ausleihen sank jedoch leicht um 300 auf 20'734. Ein Jahr zuvor verzeichneten die 1490 öffentlich zugänglichen Bibliotheken der Schweiz insgesamt 29,5 Millionen Eintritte. In den Bibliotheken wurden 2021 knapp 41 Millionen physische Medien ausgeliehen. (az)

BiblioWeekend im Weinland

In Mar­tha­len erzählt am Sonntag von 11 bis 13 Uhr die Familie Hausheer mit spannenden Bildern von ihrem dreimonatigen Segeltörn mit der ganzen Familie. Dazu serviert das Bibliotheksteam eine kleine Seemannskost.

Auch andere Bibliotheken im Weinland zelebrieren das «BiblioWeekend». Am Samstag, lädt das Bücherkaffee der Schul- und Gemeindebibliothek Ellikon an der Thur von 10 bis 12 Uhr zu Kaffee und Gebäck ein. Dabei kann ein Segelschiff aus der Nähe bestaunt werden, und der Erbauer beantwortet vor Ort Fragen. Dazu gibt es in der Bibliothek eine Ausstellung zum Thema «Die Segel setzen». Am Nachmittag können Kinder zu jeder vollen Stunde um 14, 15 und 16 Uhr einer Bilderbuchgeschichte lauschen und im Anschluss basteln.

Die Bibliothek Stammheim nimmt dieses Jahr zum ersten Mal teil und öffnet ihre Türen am Sonntagnachmittag von 13.30 bis 16.30 Uhr. Das Team bietet ein Kaffee- und Kuchenbuffet an, und als Überraschung öffnet Sara Räss die «Gschichte-Chischte» dreimal zu jeder vollen Stunde und erzählt eine Bilderbuchgeschichte in Mundart.

Mehr Infos unter: www.biblioweekend.ch

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