Weinland

Kitzrettung ohne Happy End

Eine Handvoll Menschen hat sich um die zwei Rehkitze gekümmert, nachdem deren Mutter totgefahren worden war. Auch eine Aufnahmezusage des Tierparks lag vor – dann bekam die Jagdverwaltung Wind von der Sache.

von Roland Spalinger
14. Juli 2020

Fallwild heisst der Fachbegriff, wenn Wildtiere ohne jagdlichen Einfluss ums Leben kommen. 2018 waren es in der Schweiz laut Statistik 42'000 Tiere, allein 18'000 Rehe; 9000, also die Hälfte davon, wurde durch Autoverkehr getötet. Um ein Einzelschicksal gehts in diesem Beitrag, ausgelöst durch einen Wildunfall in der Nacht auf den 19. Juni in Wiesendangen.

Am anderen Morgen erhielt die Familie Meier, deren Hof nahe am Waldrand und der Unfallstelle liegt, Besuch von der Jagdgesellschaft Mörsburg. Die totgefahrene Rehmutter hatte ein gros­ses Euter, es müssten also noch Jungtiere da sein, sie sollten «es bitzli lose», bat der Obmann. Tatsächlich hörten Meiers am späteren Samstagnachmittag die Kitze rufen und entdeckten zwei, ein drittes sprang weg.

Am Sonntag tranken sie
Sie kennzeichneten die Fundstelle, kamen mit Kisten zurück und brachten die Kitze schliesslich im zweiten Anlauf in einer Paloxe mit Stroh in einem freien Bereich in ihrem Stall unter. Jäger informierten sie, dass Ziegenmilch der Rehmilch am ähnlichsten sei, und leiteten sie an, wie die Kitze zu «schöppeln» sind. Auch Ringelblätter wurden den verwaisten Jungtieren gegeben.

Meiers organisierten Milch, und einen Tag später, am Sonntagabend, tranken die Kitze tatsächlich ab der grossen Spitalspritze. «Sie hatten Hunger», erzählt Therese Meier. Mitglieder der Jagdgesellschaft Mörsburg seien lange auf ihrem Hof gewesen und hätten sich auch um die Tiere gekümmert, lobt sie. Zudem wurde ihr berichtet, die Kitze könnten in den Tierpark Goldau gebracht werden. Mit 3,1 und 3,6 Kilogramm schienen sie in gutem Zustand. Bis auf den Umstand, dass die Suche nach dem dritten Kitz auch mit Wärmebildkamera erfolglos verlief, bis dahin also eine erfreuliche Sache.

«Sie wissen ja, was jetzt passiert»
Der Schreck kam am Montag in Form der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung. Kurz vor Mittag tauchte ein wissenschaftlicher Mitarbeiter auf, nahm die zwei Kitze aus dem Stall und sagte in etwa: «Sie wissen ja, was jetzt passiert.» Dann ging er in den Wald und erlegte sie.

Sie seien sich wie Verbrecher vorgekommen, sagt Therese Meier. Bis dahin hätten sie das Gefühl gehabt, etwas Gutes zu tun. Stattdessen wurden sie komplett vor den Kopf gestossen. «Heute würde ich gleich losfahren und ‹Babyklappe-mässig› die Tiere selber in Goldau abgeben», sagt sie. Und sie fragt sich, ob sie dem Mitarbeiter der Jagdverwaltung den Zugang zum Stall hätte verweigern können. Eingewilligt hätten sie nämlich nicht, vielmehr seien sie überrumpelt worden.

Höchstens für Menschen gut
Wie er von den Rehkitzen auf dem Hof erfahren hat, weiss Urs Philipp, Leiter der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung, nicht mehr. Aber er habe den Auftrag gegeben, sie zu erlegen. Nicht gern, räumt er ein. Und am liebsten wäre er selber gegangen, im Wissen um das «hochemotionale Thema». Nach gründlicher Erklärung (was laut Therese Meier nicht stattgefunden hat) hätten die Landwirte den Entscheid nachvollziehen können, meint Urs Philipp. «Gleicher Meinung sein müssen sie nicht.»

Erklärt hätte er dies: Sich Wildtiere behändigen, sie einsperren und in einen Zoo bringen, «das geht nicht», auch wenn der Entscheid, sie zu erlegen, für alle Beteiligten schwierig sei. Ja, es seien herzige Tierchen mit ihren grossen Augen, «und dann fiepen sie und saufen aus der Flasche, alles wunderbar – ist es aber nicht», sagt er. Oder bloss aus menschlicher Sicht, aber nicht für das Tier selber. Und wider die Natur. «Die Mutter ersetzen kann ihnen leider nichts und niemand.» Gefangenschaft sei ein Stress für Kitze, die bereits zwei, drei Wochen mit der Mutter umhergezogen seien. Sie vermissten diese, hätten Angst vor den Menschen, seien verstört und von der ungewohnten Umgebung völlig überfordert.

«Ich würde es wieder gleich machen», sagt Urs Philipp. Das geschilderte Beispiel sei auch kein Einzelfall, die Zahlen von Fallwild seien hoch. Nicht auf gleiche Art reagieren wie im geschilderten Fall sollten aus seiner Sicht Jäger. «Sie haben nicht gut gehandelt», urteilt er, ohne ihnen aber einen Vorwurf zu machen. Gelernt hätten sie es aber anders, «das Gesetz ist klar und richtig». Nun habe die Jagdverwaltung den Fehler ausgelöffelt – auch das sei «nicht einfach».

Auswildern keine Lösung
Es wäre jedoch einfacher gegangen: Im Tierpark Goldau waren laut Mitteilung vom 23. Juni 162 Tiere in der Auffangstation, dar­un­ter sieben Rehkitze aus verschiedenen Kantonen. Sie hätten «volles Haus», heisst es in der Mitteilung. Nicht nur von Wildhütern würden Tiere gebracht, sondern vermehrt auch von Privatpersonen, nach Absprache mit der kantonalen Jagdverwaltung. Die Kitze würden mit möglichst wenig Menschenkontakt aufgezogen, um sie später wieder auswildern zu können.

In diesem Punkt macht Urs Philipp mehr als ein Fragezeichen. Ein Rehkitz aufziehen komme nicht gut. Und später wieder freilassen schon gar nicht. Ein solches Tier «hat nie gelernt, sich in der freien Wildbahn zu behaupten. Es geht früher oder später ein». Und es ein Leben lang in Gefangenschaft zu halten, mache erst recht keinen Sinn. Es gebe einfach keine gute Lösung. Das sei leider die traurige Konsequenz eines solchen Wildunfalls.

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