Weinland

Malediven-Feeling im Freibad

Badmeister arbeiten dort, wo andere sich an heissen Sommertagen abkühlen und vergnügen. Elsbeth Senn hörte nach 20 Saisons auf, Peter Senns Engagement endet diesen Sommer nach 25 Jahren. Ein Gespräch.

von Evelyne Haymoz
09. August 2022

Luft: 29 Grad Celsius. Wasser: 22 Grad Celsius. Bereits um 10 Uhr herrschen ideale Bedingungen im Freibad Hettlingen. Die Anlage ist praktisch leer, nur einige Frühschwimmer ziehen im tiefen Becken ihre 25-Meter-Bahnen.

Optimal also, um von Badmeister Peter Senn und seiner Frau Elsbeth zu erfahren, was es heisst, ein Vierteljahrhundert lang einen heissen Job auszuüben. Denn die aktuelle Saison – seine 25. – ist die letzte, da er Ende Oktober in Pension geht. Elsbeth Senn hat nach 20 Saisons ihren Badmeister-Dienst bereits letztes Jahr quittiert.

Derweil er mit den Kioskbetreibern noch etwas klärt, sitzt sie bereits entspannt an einem der runden Tische. Nach wie vor sei sie mit dem Bad eng verbunden, sagt sie. Auf einem Bauernhof in Hettlingen aufgewachsen, half sie als Kind in den Ferien morgens auf dem Betrieb aus und durfte nachmittags in die Badi. Später besuchte sie diese mit den drei Söhnen und nun mit den Enkelkindern oder allein.

Vom Schreiner zum Badmeister
Ihr Mann ist gelernter Schreiner und übte diesen Beruf ebenfalls 25 Jahre lang aus. Bis er sich bei der Gemeinde Hettlingen als Badmeister bewarb. Angestellt ist er von dieser auch als Totengräber und bereitet auf dem Friedhof Gräber für Bestattungen vor.

Vor allem als er noch Feuerwehrkommandant war, brauchte er in Notfällen eine rasche Stellvertretung im Bad. Diese übernahm jeweils seine Frau, die schliesslich ein festes Teammitglied wurde.

Alle zwei Jahre ist das Brevet zu absolvieren. Dar­auf bereitet sich Peter Senn im Hallenbad vor. Seine Freizeit verbringe er nicht im Freibad, denn «dann sähe ich immer auch, was es noch zu tun gibt». Aufmerksam ist auch seine Frau, sodass ihr während des Gesprächs die beiden Touristen auffallen, die den Eingang suchen. «Hier gelangen Sie zur Sauna, der Haupteingang befindet sich weiter hinten.»

In einem Fluss oder See schwimmen? Kaum denkbar für die bald 63-Jährige – oder nur mit Schwimmhilfe. «Weil sie den Boden nicht sieht», ergänzt ihr Mann mit einem Schmunzeln und setzt sich an den Tisch. Hinzu komme – aufgrund der Weiterbildungen – das Bewusstsein für Gefahren, die im und am Wasser lauern, fügt sie hinzu.

«Wie auf den Malediven»
Plötzlich steuern zwei Buben auf den Mann im weissen Shirt und in weissen Shorts zu: «Kannst du uns bitte die Rutschbahn einschalten?» Der 64-Jährige sagt: «Ja, in fünf Minuten», steht aber auf, bevor diese um sind. Den Kontakt mit den Gästen hat Elsbeth Senn an ihrer Arbeit besonders geschätzt.

Viele von ihnen kennt sie mit Namen. Kein Wunder, hat sie doch über Jahre hinweg das Mutter-Kind-Turnen geleitet und Waldspielgruppen begleitet. Oft wollen ihr die Kinder vorführen, wie gut sie bereits tauchen können. Natürlich feuere sie sie dabei an, selbst wenn der Nasenspitz das Wasser kaum berühre, wie sie amüsiert erzählt.

Weitere Höhepunkte seien das Badifest oder das Vollmondschwimmen bis 23 Uhr. Da herrscht gute Stimmung, ein DJ spielt Musik, und am Abend, wenn es dunkel wird, tauchen Unterwasserleuchten das Schwimmbecken, das «Tiefe», in blaues Licht. «Das ist ja wie auf den Malediven», staunte laut Peter Senn einer der Gäste.

Überraschungsbesuch
«Für mich war immer klar, dass Peter hier der Chef ist», so Elsbeth Senn. «Eigentlich wollte ich mit ihm gemeinsam als Badmeister aufhören.» Doch die alleinige Verantwortung zu tragen für die Sicherheit der Badegäste, die Technik und Reinigung, belastete sie zunehmend. Also zog sie bereits 2021, ein Jahr vor der Pensionierung ihres Mannes, einen Schlussstrich.

Die Arbeit in einem Freibad ist vielseitig. Auf das direkte Beobachten der Badegäste entfällt aber nur etwa ein Viertel der Arbeitszeit. In der übrigen Zeit müssen Toiletten gereinigt sowie die Technik überwacht werden. Weshalb dies wichtig ist, zeigt sich just am Nachmittag.

Unangekündigt betritt der Kantonschemiker die Anlage und nimmt Proben des Badewassers. Der pH-Wert, den er vor Ort bestimmt, ist in Ordnung. Er verabschiedet sich mit weiteren Proben, die anschliessend im Labor untersucht werden. Die Ergebnisse werden in einem Bericht festgehalten. Routinearbeit. Das mache ihn nicht nervös, meint Peter Senn. Schliesslich gebe er ja dar­auf Acht, dass die Werte stimmen.

Badiverbot nach Stauen
An einem Ort zu arbeiten, an dem andere sich vergnügen, ist kein Versprechen für paradiesische Zustände. Im Gegenteil: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Es brauche eine klare Linie, sind sich beide einig. Um die Becken herumrennen und Fangen spielen? Seitlich in den Schwimmbereich springen? Vom Dreimeter-Brett aus möglichst nahe bei Kollegen im Wasser landen?

«Das klemme ich ab», sagt der Noch-Bademeister. Zu gross sei die Gefahr, auf andere zu fallen und Rücken zu verletzen. Die fehlbaren Gäste mit Namen anzusprechen, sei besonders wirkungsvoll. Vom grossen Beziehungsnetz seiner Frau hat er schon mehrmals profitiert.

Verboten ist auch, auf der Rutschbahn zu stauen. Wer sich dem widersetzt, riskiert laut Peter Senn, die Badi einen ganzen Tag lang nicht mehr betreten zu dürfen. Zur Höchststrafe, bei der das Badiverbot bis Ende Saison gilt, sei es noch nie gekommen. Die bislang höchste Strafe von einem Monat sprach er voriges Jahr zum allerersten Mal aus – nach dreimaliger Verwarnung der Uneinsichtigen.

Grössere Unfälle hätten sich in all den Jahren trotz allem nicht ereignet, blickt er erleichtert zurück. Das Dramatischste spielte sich letztes Jahr aus­serhalb der Badeanlage ab, als eine Person beim Strässchen zusammenbrach und trotz sofortiger Reanimationsversuche durch das Badmeister-Paar und der Ambulanz verstarb.

Im Schwimmbad selber gebe es hie und da Kopf- und Kinnverletzungen aufgrund misslungener Sprünge. Aufgeschlagene Knie oder Insektenstiche gehörten indes zum Alltag des fünfköpfigen Badmeisterteams.

Wer auf Peter Senn als Betriebsleiter folgt, ist noch offen. Die Nachfolgeregelung befinde sich laut Gemeindeschreiber Matthias Kehrli in einem laufenden Prozess.

Freibadfest in Hettlingen: Samstag, 20. August 2022, 13.30 bis 23 Uhr

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