Weinland

Mein liebes Thalheim, bunt geschmückt

Aus 15 Dörfern sind vergangenes Wochenende Delegationen nach Thalheim gereist. Der Grund: Die Ortschaften heissen alle gleich. Längst sind aus der kuriosen Tradition langjährige Freundschaften entstanden.

von Tizian Schöni
11. Juli 2023

«Es ist wie ein Klassentreffen», sagte ein Teilnehmer aus einem Thalheim in Nordsachsen. Und gleich darauf drückte er dem Schreibenden einen Flyer in die Hand – für die nächste Zusammenkunft 2024 in Talheim nahe Tengen in Baden-Württemberg. Gemeinsam mit seiner Frau sei er hierhergekommen, nach Thalheim an der Thur. Weshalb? «Wegen einer alten Freundschaft», antwortete dem Schreibenden die Gastgeberin, eine Frau aus dem Ortsteil Gütighausen. Die Sachsen und sie verbindet eine Freundschaft, die seit mehr als 30 Jahren besteht.

Diese Beziehungen, sie sind wohl der wahre Grund, weshalb das Treffen so gut besucht ist. Man kenne sich, sagte die OK-Präsidentin Caroline Hofer Basler, es seien immer etwa die gleichen Leute aus den verschiedenen Orten dabei. Etwa 170 Gäste aus anderen Thalheimen waren insgesamt angereist.

Seit 1961 begegnen sich die Thalheimerinnen und Thalheimer so regelmässig einmal im Jahr, stets wird die Zusammenkunft von einem der rund 28 teilnehmenden und fast gleichnamigen Dörfern in Europa organisiert. Heuer war das Weinländer Dorf Gastgeber – und was für einer. Die Häuser waren beflaggt, die Brunnen geschmückt und die Festreden vorbereitet. Sogar eine Festtagstrachtenträgerin war trotz des heissen Sommertags auszumachen.

Am Samstagnachmittag besuchte die Gesellschaft in Gruppen die Kartause Ittingen, erhielt vom Schützenverein eine Einführung ins 300-Meter-Schiessen oder machte eine Velotour. Am Samstagabend war dann ein Unterhaltungsprogramm geplant, das den Gästen Thalheim an der Thur näherbringen sollte.

Vereine präsentieren sich
Um kurz nach acht begannen die Thurtal Vielharmonists, die bereits seit über 20 Jahren als Chor aktiv sind, natürlich mit dem Thalheimer-Lied. Trotz Notenblatt wurde es von der Festgesellschaft noch etwas zögerlich mitgesungen. Als danach die Primarschulkinder auftraten und «Über den Wolken» von Reinhard Mey sangen, scheuten sich die Gäste schon weniger – auch die Deutschen und die Österreicher konnten jetzt mitsingen. Und bei «Es Buurebüebli» war die Bierzelt-Atmosphäre vollendet: Es wurde geschunkelt, gesungen und am Ende so heftig applaudiert, dass die Primarschülerinnen und -schüler rot wurden.

Die Tanzformation der Damenriege, die im Anschluss ihr Programm zeigte, musste sogar zweimal auftreten. Und als dann die Männerriege mit ihrem bereits an der Turnunterhaltung gezeigten Feenflug auftrat, kannten die Zuschauenden kein Halten mehr. Sogar dem rumänischen Delegationsleiter, sonst eher förmlich im Ton, entglitt ein lauter Lacher. Man merkte: Zu den Treffen müssen jeweils die geselligsten der Thalheimerinnen und Thalheimer anreisen.

Zwei Siege fĂĽr Ă–sterreich
Grosse Heiterkeit herrschte, als die Delegation aus Thalheim nahe dem österreichischen Kapelln gleich zwei Preise gewann: Bei einem ausgerichteten Wettbewerb galt es einerseits, verschiedene Geschichten aus den unterschiedlichen Dörfern richtig zuzuordnen. In welchem Thalheim liegt eine Höhle? Wo flog mutmasslich ein Schulflugzeug zwischen den Kirchtürmen hindurch? Und in welchem Dorf wohnten früher angeblich Toren, Trottel und Torebuebe? Die Österreicher hatten nicht nur all diese Fragen richtig beantwortet, sondern auch noch bei einer Schätzaufgabe gut getippt. Und schliesslich stellten sie sogar den Schützenkönig vom 300-Meter-Schies­sen am Nachmittag.

«Wir sind jetzt etwa zum 30. Mal dabei», antwortete der österreichische Delegationsleiter, der einen kaiserlich gezwirbelten Schnurrbart trug. Auf die Frage, was ihnen denn an Thalheim an der Thur am besten gefallen habe, antwortete statt ihm ein junges Mädchen aus der Delegation: «Das Schnitzel!» Bereits zum zweiten Mal war es an einem Thalheimer-Treffen dabei. «Eine Investition in die nächste Generation», kommentierte der Herr mit Schnurrbart.

Die Zukunft des Treffens ist also gesichert, auch aus organisatorischer Sicht. «Der Veranstaltungsort ist auf vier, fünf Jahre hinaus vergeben», sagte Caroline Hofer Basler. Die Delegationsleitenden träfen sich am Sonntag noch für eine Sitzung, danach sei alles organisiert. Für die nächsten Treffen unter Freunden.

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