Weinland

Mit Drohneneinsatz Tierleid ersparen

Bevor Landwirt Markus Wipf die Ökofläche mähte, suchten Jäger das Feld ab. Eine Drohne mit Wärmebildkamera brachte schliesslich die Gewissheit – dieses Jahr hält sich in der Parzelle kein Rehkitz auf.

von Roland Spalinger
23. Juni 2020

Markus Wipf erinnert sich noch gut. Vor zwei Jahren gingen er und seine Familie durch die Parzelle nahe des Guggenbühl-Hüsli, ein Rehkitz sahen sie in der Ökowiese aber nicht. Und doch geriet dann eines in den Mäher. Schlimm. Aber leider nicht immer zu verhindern, meint Jäger Marco Signer. Rehe seien Fluchttiere, dieser Instinkt müsse sich aber zuerst ausbilden.

In den ersten drei Wochen würden sie sich einfach nur ducken und reglos im hohen Gras verharren. Man müsse fast auf die jungen Wildtiere draufstehen, sagt er und ergänzt, was ihn in einem ähnlichen Fall beschäftigte: Wie eine Rehgeiss auf einem gemähten Feld ihr Junges suchte.

Bevor die Sonne aufgeht

Solches Leid wollen sowohl Landwirt als auch Jäger (siehe auch «AZ» vom 22.5.2020) verhindern. Und haben sich deshalb am Samstagmorgen getroffen. Es ist 6 Uhr bei besagter Parzelle an der Radstrasse, das Thermometer zeigt knapp 13 Grad. In ein paar Stunden will Markus Wipf mit gutem Gefühl das Gras schneiden können. Marco Signer, seit zwei Jahren Mitglied in der lokalen Jagdgesellschaft und kurz vor der Prüfung zum Pächter, steckt in Stiefeln und Gummihosen.

Den wichtigsten Helfer an diesem Morgen bringt Michael Riedo. Der technikaffine Chef der Firma Andair hat seine Drohne mit zusätzlicher, hochauflösender Wärmebildkamera ausgerüstet. Es geht schnell, und schon surrt das Teil in der Luft und ist bereit, die tags zuvor vermessene Strecke abzufliegen. Zeit ist für diese Arbeit ein wesentlicher Faktor, wie später bildhaft zu sehen sein wird.

Die Kamera projiziert graue Punkte mit 0,005 Grad Unterschied; zu sehen ist dadurch zum Beispiel die Fahrgasse der Nachbarparzelle oder ein Baum. Nun hat sie den Startpunkt erreicht. Und schon ist eine rote Fläche zu sehen! «Das ist Marco», sagt Michael Riedo. Marco Signer hat sich – ebenfalls mit einem Display ausgestattet – in die feuchte Wiese begeben, um gleich überprüfen zu können, was die Drohne meldet; ein Drohnen-Team ist von Vorteil zu zweit, weil der Akku nicht allzu lange hält und bald ausgewechselt werden muss.

Nur einer ist enttäuscht

Wieder hebt sie ab und begibt sich zu dem Punkt, wo sie vorher mit leerer Batterie die vorgegebene Route verlassen hatte, und überquert dabei einen Flurweg, der sich bereits etwas aufgewärmt hat und deshalb auf dem Display leicht rötlich scheint. Marco Signer möchte noch eine Stelle in der Wiese genauer anschauen, identifiziert diese aber dann als Ameisenhaufen. Mehr ist an diesem Morgen in diesem Feld nicht zu sehen. Enttäuscht ist darob aber nur der Schreibende.

Es ist mittlerweile 7 Uhr. Ein Rehkitz habe eine Abstrahlungstemperatur von 21,5 bis 22 Grad, erklärt Marco Signer und ergänzt, weshalb für heute Schluss ist: Trotz empfindlicher Wärmedarstellung wird es nach Sonnenaufgang schwierig, mit einer Wärmebildkamera etwas zu entdecken.

Dieses Jahr könnte den Tieren aber auch das Wetter geholfen haben. Im Frühling ist bei den Rehen Setzzeit. «Der grösste Rutsch kommt Anfang/Mitte Mai», sagt Marco Signer. Eine Geiss bringe meistens zwei, selten eines oder drei Kitze auf die Welt. Platziert werden sie gern in Ökowiesen in Waldesnähe, aber nicht nebeneinander. Diese Wiesen dürfen erst ab dem 15. Juni gemäht werden (in Wiesen im Vernetzungsprojekt kann es auch später sein). Richtig los gings dieses Jahr aber erst am Samstag, 20. Juni, womit Rehkitze fast eine Woche mehr Zeit hatten, ihren Fluchtinstinkt auszubilden und mit der Mutter mitzugehen. «Jeder Tag mehr hilft ihnen», sagt Marco Signer.

Die Jäger bedanken sich

Nächste Einsätze haben er und Michael Riedo am Montag und Dienstag, die Flächen wollen sie am Samstag noch programmieren, damit sie am Morgen keine wertvolle Zeit verlieren. Sie machen das nicht nur gratis, sie bedanken sich auch noch beim Landwirt und wollen sich auf den Weg machen. Moment: War­um nehmen sie diesen Aufwand auf sich? Jäger sein heisse hegen und pflegen, sagt Marco Signer. Und es seien ja bloss ein paar Stunden. Zudem: Wenn es diese Technik schon gebe, solle man sie auch nutzen.

Hätte er mit Hilfe der Drohne ein Rehkitz gefunden in der Wiese, hätte er einen Harass über das Tier gelegt und mit einem Stecken markiert, sodass der Landwirt dar­um herum hätte mähen können. Oder er hätte es mit Handschuhen und viel Gras in den Harass gehoben und an einem sicheren Ort abgestellt. Geiss und Kitz würden sich finden, beruhigt er. Der 34-Jährige weiss, wie es tönt, wenn eine Geiss vergeblich nach ihrem vermähten Jungen sucht.

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