Weinland

«Notfälle sind nicht kalkulierbar»

Nach 100 Tagen Betrieb ist Andreas Hablützel zufrieden mit der ersten Land-Permanence. Herausforderungen sind überanspruchsvolle Patienten und fehlende Nachfolgelösungen in anderen Dörfern.

von Interview: Roland Spalinger
20. Dezember 2019

Als hocherfreulich bezeichnet Andreas Hablützel, Gesamtverantwortlicher der Land-Permanence, die finanzielle Si­tua­tion. Man könne «fast von einer schwarzen Null reden», so der Verwaltungsratspräsident. Mit 23 anderen Weinländer Ärzten hat der 52-Jährige die AG gegründet, die am 2. September in Henggart ihren Betrieb aufgenommen hat.

Wie fällt Ihre Bilanz nach 100 Tagen aus?
Andreas Hablützel: Viele Eindrücke, viel Arbeit, ein guter Erfolg mit mehrheitlich zufriedenen Patienten und zufriedene Ärzte, die weniger Notfalldienst leisten müssen. Erfreulich ist auch die wirtschaftliche Si­tua­tion. Schulden zu haben, ist nicht schön, wir konnten sie in Grenzen halten und schreiben schon fast eine schwarze Null.

Was lief nicht so gut?
Unsere Mitarbeitenden sind motiviert und mit Herzblut dran – sie machen es bestens. Es gab und gibt aber auch Rumpler.

Zum Beispiel?
Dass ein Hausarztpatient seine Rechnung direkt bezahlen musste, weil seine Krankenkasse keine direkte Abrechnung mit Praxen zulässt. In dem Falle hätte eine Rechnung ausgestellt werden sollen, die Assistentinnen aber wollten von ihm eine Barzahlung.
Rund 100 Tage Betrieb sind ja noch nichts, in jeder neuen Firma müssen sich Abläufe einspielen und Menschen finden. Unser Qualitätsanspruch an uns selber ist sehr hoch, das ist das oberste Credo. Aber es gibt auch überanspruchsvolle Kunden, die Wartezeiten nicht hinnehmen und reklamieren.

Dafür haben Sie kein Verständnis.
In der Medizin kann es immer sein, dass jemand anderer kränker ist als man selber und deshalb vorher angeschaut werden muss. Das ist vielleicht nicht mehr allen bewusst.

Niemand wartet gern.
Natürlich: Ich sage immer, warten ist die dümmste Tätigkeit überhaupt und nicht angenehm, muss aber in Kauf genommen werden. Aber man wartet ja nicht, weil der Arzt den Schlendrian macht, sondern weil viele Patienten zur gleichen Zeit behandelt werden müssen.

Wie lange ist aus Ihrer Sicht zumutbar?
Maximal eine Stunde.

Kann man sagen, die Land-Permanence ist von 0 auf 100 gestartet?
Ja. Wobei man auch sagen darf, dass einige Leute wohl mehr aus Neugierde kamen und nicht, weil sie ein Notfall waren. Und ein weniger erfreulicher Grund für den guten Start ist, dass die Nachfolge in den Praxen in Flaach und Hettlingen noch immer nicht geregelt ist. Von da her haben wir zum richtigen Zeitpunkt eröffnet, ein Grossteil der Patienten kann mit der Land-Permanence abgefangen werden, die Land-Permanence ist ja auch Hausarztpraxis.

Entbindet dieses Angebot Gemeinden von der Pflicht, aktiv selber nach Lösungen von verwaisten Hausarztpraxen zu suchen?
Hm – Gemeinden haben erkannt, dass sie etwas unternehmen müssen, um Ärzte im Dorf zu haben. In Mar­tha­len, wo ich mit Jean-Jacques Fasnacht eine Praxisgemeinschaft bilde, fühlten wir uns sehr willkommen. Und auch in Henggart mit der Land-Permanence.

Aber?
Der Schwung der Unterstützung hat vielleicht nachgelassen.

Zu Recht?
Wir sind ja auch Unternehmer und möchten uns in einer freien Marktwirtschaft bewegen. Andererseits zwingt uns der Bund in ein enges Korsett. Bei Medikamenten werden sowohl Einkaufs- wie Verkaufspreise festgelegt, sie können also nicht verhandelt werden, zum Beispiel über Einkaufsgemeinschaften. Hohe gesetzliche Vorgaben tragen nicht dazu bei, dass der Hausarztberuf attraktiver wird.

Sind Gemeinschaftspraxen auch eine Lösung gegen zunehmend mehr Bürokratie?
Ein Modell wie die Land-Permanence heisst für angestellte Ärzte, dass sie deutlich weniger administrative Arbeiten erledigen müssen. Andererseits haben sie nicht so viel Entscheidungsfreiheit, dafür viel Austausch mit anderen Ärzten. Es gibt aber nach wie vor Ärzte, die in einer Einzelpraxis glücklich sind. Das verstehe ich auch. In beiden Fällen ist die Arbeitsbelastung hoch, viel Herzblut und ein grosses Engagement nötig – das weiss jeder Selbständige oder Gewerbetreibende auch.

Sie sind Arzt in Mar­tha­len und Verwalter in Henggart – eine gute Kombination?
Zweigleisig zu arbeiten, medizinisch und unternehmerisch, gefällt mir gut und fällt mir auch leicht – ich komme ja ursprünglich aus dem kaufmännischen Bereich und der Informatik.

Stösst die Land-Permanence von der Grösse her schon an Grenzen?
Von den Räumlichkeiten her, auch wenn nicht alles ebenerdig ist, sind wir im Moment zufrieden. Das funktioniert. Aber wir sind immer am Jonglieren, dass wir nicht zu wenig Personal haben, aber auch nicht zu viel – das ist am Anfang schwierig.

Warum?
Notfälle sind nicht kalkulierbar. Wir haben Tage mit übermässiger Beanspruchung und andere. An einem schönen Herbstsonntag ohne Grippewelle will niemand zu einem Arzt. Aber dar­auf kann man sich nicht verlassen.

Das hilft, die Gesundheitskosten im Rahmen zu halten.
Es stört mich, wenn vom Gesundheitswesen die Rede ist und es ausschliesslich um Kosten geht. Da wird ganz viel Leistung erbracht, der Kostenverursacher, der Patient, hat in den allermeisten Fällen einen grossen Nutzen.

Ein Angebot generiert auch eine Nachfrage. Kaum hatte die Land-Permanence offen, wurden Patienten dorthin verwiesen.
Wir haben keinen losgelösten Betrieb, sondern standen und stehen in Kontakt mit der Permanence in der Stadt, mit der Notfallstation und der Notfallpraxis des KSW. Wir wissen, dass viele Weinländer früher nach Winterthur gingen – wo Überlastungen vorhanden sind und somit auch Wartezeiten. So entlastet die Land-Permanence das städtische Angebot. Nach 100 Tagen kann ich entsprechend auch sagen, wir hatten mehr schwere Notfälle als Hausarztpraxen üblicherweise haben.

Was verstehen Sie darunter?
Schwere Notfälle sind zum Beispiel unklare Bauchschmerzen mit einer Vielzahl möglicher Diagnosen, von der Aortendissektion bis zur Verstopfung. Bei uns wartet ein Patient vielleicht eine Stunde, im Spital sind es vielleicht vier. Eine Notfallpraxis wie die Land-Permanence ist näher, einfacher und schneller. Dort sind es 3500 Mitarbeitende, wir sind ein Betrieb mit zehn Angestellten nebst den bei uns arbeitenden Hausärzten.

Eine Win-win-win-Si­tua­tion für Patient, Spital und Land-Permanence.
Win-win-win-win-Situation – dank der Land-Permanence nimmt zudem die Notfallbelastung für die 24 beteiligten Ärzte stark ab. Dies zu erreichen, war ja mit ein Grund für dieses Modell.

Die Land-Permanence in Henggart ist täglich von 7 bis 22 Uhr offen und über die einheitliche Weinland-Ärzte-Notfallnummer 052 317 57 57 erreichbar. Einmal pro Woche, donnerstags, findet eine gynäkologische Abendsprechstunde statt.

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