Weinland

«Perlen lassen mich zur Ruhe kommen»

Margrit Wolf strickt Perlenbeutel. Dieses Handwerk ist eine jahrhundertealte Tradition und wird nur noch von einer Handvoll Menschen ausgeübt

von Jasmine Beetschen
12. Januar 2021

«Soll ich mich melden oder nicht? Doch, ich habe eine Leidenschaft, und die möchte ich Ihnen gerne zeigen.» Mit diesen Worten wandte sich Margrit Wolf aus Uesslingen vor einiger Zeit an die Redaktion. Seit rund 10 Jahren ist sie fasziniert von den kleinen Glasperlen, die aus Japan oder Tschechien stammen, und verarbeitet diese zu aufwendig gestrickten Perlenbeuteln und anderen Gegenständen. «Ich habe wahrscheinlich schon alles gestrickt und gefädelt, was sich so verarbeiten lässt», sagt sie.

Zu ihrem Hobby kam sie durch ihre Lebensgeschichte. Als Jugendliche wollte sie Goldschmiedin werden, was für eine junge Frau zur damaligen Zeit aber undenkbar war. Auch die Kunsthochschule verboten ihr die Eltern. «Dann habe ich halt eine KV-Lehre gemacht – bei einem Goldschmied», meint sie schmunzelnd. «Das musste einfach sein.» Dank ihres Lehrmeisters kam sie weit herum, und auch wenn Mädchen damals noch keine Karriere machen durften: Sie machte sie trotzdem.

Von der Kauffrau wechselte sie in den Beruf der Landwirtin, besuchte kurzerhand die Landwirtschaftsschule: «Ich habe einen Bauern geheiratet, die Arbeit machte mir Spass, und ich wollte nicht mehr nur der ‹Bürogummi› der Familie sein», erklärt sie. Währenddessen gründete sie mehrere Unternehmen.

Dringend zur Ruhe kommen
Doch mit 49 Jahren kam sie an den Punkt, den viele Menschen erreichen: «Ich war ausgebrannt», erinnert sich Margrit Wolf. Sie brauchte dringend eine Pause und etwas, mit dem sie zur Ruhe kommen konnte. Da tauchte ihre Schwester mit einer Schachtel voller Chräleli (Perlen) aus der Kindheit auf und meinte: «Mach da was draus.» «Mein erster Gedanke war: So ein Blödsinn», erzählt Margrit Wolf lachend. Doch wie es ihrem Naturell entspricht, musste sie es probieren. Sie gab den Perlen eine Chance. «Die ersten Versuche waren katastrophal», gibt sie zu. Als sie im Internet auf eine japanische Perlenakademie stiess, entschloss sie sich kurzerhand, sich anzumelden. Sie verbrachte ein Jahr in Freiburg und Dortmund, um die Kunst des Perlennähens zu erlernen.

Anschliessend kon­zen­trier­te sie sich aufs Learning-by-doing und begann, auch selber Anleitungen zu verfassen. Immer wieder wurde sie gefragt, woher sie die Perlen für ihre Arbeiten nehme. Daraus entstand ein kleiner Shop (www.perlig.ch) mit schönen, hochwertigen Perlen aus Japan und Tschechien. «Die Perlen sind alle aus Glas und in der Regel 1,5 bis 3 Millimeter gross», erklärt Margit Wolf.

Daraus näht sie Schmuck: für sich, für Kunden aus Südafrika oder Holland oder in Kursen, die sie anbietet. «Bei diesen Treffen geht es aber vor allem ums Zwischenmenschliche, um das gemeinsame Schaffen.»

Das sei sowieso das Faszinierende an den Arbeiten, findet sie: Mit ein paar Perlen könne man eine Architektur entstehen lassen. «Mich fasziniert zum einen, dass ich mit Perlen Dimensionen bauen kann, die über Schmuck hinaus gehen. Zum anderen kann die Arbeit so intensiv sein, dass man die Welt rundherum für eine Zeit komplett ausschliessen kann», beschreibt sie. Das Handwerk habe für sie nichts mit Basteln zu tun: Es sei nicht einfach ein Aneinanderreihen von Perlen, sondern es stecke viel Planung und Vorstellungskraft dahinter. «Es geht ums Probieren, dabei gibt es Erfolge und auch Misserfolge – wie bei allem im Leben», lacht Margrit Wolf.

Jahrhunderte alte Tradition
Seit rund zwei Jahren strickt sie zudem Perlenbeutel. Solche Schmuckstücke wurden früher unter anderem im Schwarzwald von Bauersfrauen in Heimarbeit für die «Haute Couture» in Paris hergestellt. Auch zu den meisten Trachten gehörten die Beutel dazu. Das Kunsthandwerk existiere seit Hunderten von Jahren, doch nur wenige beherrschten es heute noch. «Ich erhielt glücklicherweise eine Einführung von einer Frau aus Basel, brauchte aber gut zwei Monate, bis ich es im Griff hatte», erzählt sie.

Jede Perle wird erst einzeln auf einen Faden gefädelt, dies bereits in der richtigen Reihenfolge des finalen Musters. Das könne schon mal mehrere Monate Arbeit in Anspruch nehmen. Zum Glück helfe ihr dabei ihre Schwester. Nachdem alle Perlen aufgefädelt sind, wird das Ganze zu einem Beutel zusammengestrickt. Zum Schluss wird dieser in lauwarmes Wasser gelegt, um ihn noch etwas in der Form verziehen zu können. Je nach Beutelgrösse benötige sie rund 50 bis 100 Arbeitsstunden. Wer das Handwerk erlernen möchte, braucht also vor allem Geduld.

«Es macht Spass, etwas zu beherrschen und vor allem auch weitergeben zu können, das sonst verloren geht», findet Margrit Wolf. Es sei eine Freude zu sehen, wie sich der Mensch wieder finden könne bei einer Tätigkeit wie dem Perlenstricken. Das sei vor allem in der heutigen Zeit wichtiger denn je. «Die eigenen Interessen zu verfolgen, sich Zeit zu nehmen und vor allem auch Pausen einzulegen, ist das Wichtigste», ist sie überzeugt. Für sie sei das dank des Hobbys geglückt, der Kreis habe sich geschlossen: «Ich wollte früher etwas Kreatives mit den Händen schaffen, und das mache ich nun.» Mal schauen, was als nächstes komme, meint sie. «Vielleicht Schach oder Schwyzerörgeli spielen, wer weiss – Hauptsache, es bleibt spannend.»


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