Weinland

Pilz mit Tücken

Derzeit schiessen die Pilze aus dem Boden. Häufig anzutreffen ist der Wiesen­champignon, seines Zeichens Pilz des Jahres. Pilzkontrolleur Robert Hintermüller warnt jedoch vor gefährlichen Doppelgängern.

von Manuel Sackmann
14. September 2018

Sie tragen Namen wie Stachelsporige Mäandertrüffel, Ästiger Stachelbart oder Gemeiner Tigelteuerling. Seit 1994 wählt die Deutsche Gesellschaft für Mykologie den Pilz des Jahres. Die präsentierte Art soll auf die wichtige Bedeutung der Pilze für das Ökosystem aufmerksam machen. Aktueller Titelhalter ist der Wiesenchampignon, der durch die intensive Grünlandnutzung vermehrt Lebensräume verliert.

Zurzeit schiesst er jedoch in grosser Zahl aus dem Boden. Der wilde Verwandte des Zuchtchampignons gedeiht insbesondere in warmen, trockenen Sommern nach ergiebigen Regenfällen. Um zu Nährstoffen zu gelangen, bilden die meisten Pilze eine Symbiose mit Bäumen und sind über fadenförmige Zellen, das sogenannte Myzel, mit ihnen verbunden. Nicht so der Wiesenchampignon, auch Feldegerling genannt. Er spriesst häufig mitten auf Grünflächen.

Vorsicht beim Sammeln
Robert Hintermüller ist seit drei Jahrzehnten Pilzkontrolleur. Der Feuerthaler weiss, worauf beim Sammeln zu achten ist. Der Wiesenchampignon hat gefährliche Doppelgänger. Mit seinen braunen Lamellen sieht er dem ungeniessbaren Karbolchampignon sehr ähnlich. «Der Unterschied zeigt sich, wenn man den Knollen schräg durchschneidet und etwas am Hut kratzt», so der Experte. Während der Wiesenchampignon weiss bleibt, verfärbt sich der Karbol­champignon gelblich. Letzterer riecht zudem nach der Industriechemikalie Phenol (veraltet Karbol), was auch seinen Namen erklärt.

Dem Wiesenchampignon ähnlich sieht auch der Egerlingschirmling. Der Leucoagaricus, so sein wissenschaftlicher Name, ist ein Verwandter des Champignons und zwar essbar, aber: «Bei der Kontrolle lassen wir ihn nicht durchgehen», sagt Robert Hintermüller. Der Grund: Der Pilz hat helle Lamellen und ist daher nur schwierig vom hochgiftigen Knollenblätterpilz zu unterscheiden. Ebenfalls schwierig werde es, wenn Sammler mit sehr kleinen Exemplaren zur Kontrolle kämen. «Diese kann man kaum untersuchen.»

Abschaffung droht
Die Pilzkontrolle ist wichtig. «Wir betreiben viel Aufklärung», so der Feuer­thaler. In seinem Geburtsort Schlatt sei einmal ein Kind gestorben, weil es einen Knollenblätterpilz verzehrte. Ausserdem gebe es beispielsweise rund 100 verschiedene Sorten von Milchlingen. Durchgelassen werden nur zwei bis drei.

Dabei droht der Pilzkontrolle immer wieder die Abschaffung. «Man will, dass weniger Leute in den Wald gehen und ihn und die Pilze dadurch beschädigen.» Eine Begründung, die Robert Hintermüller nicht nachvollziehen kann. «Dann könnte man auch gleich die ganze Waldarbeit abschaffen.» Die grossen Maschinen richteten mehr Schaden an, denn Pilzmyzelien lägen nur 10 bis 20 Zentimeter unter der Bodenoberfläche.

Dort können sie sich dafür über weite Distanzen erstrecken. Der Steinpilz gehört zu jenen Sorten, die von Bäumen abhängig sind. «Auf dem Fussballplatz in Feuerthalen wachsen sie aber bis 20 Meter von Bäumen entfernt.»

Ärztliche Behandlung teurer
Eigentlich hätte Robert Hintermüller sein Amt in diesem Jahr abgegeben. Eine Nachfolgerin stand schon bereit. «Im Juli stand die Höhe ihres Lohns aber noch immer nicht fest.» Mittlerweile hat sie eine Weiterbildung in ihrem Beruf angenommen und steht vorerst nicht zur Verfügung. Der 81-Jährige übernimmt die Aufgabe deshalb für ein weiteres Jahr. Dafür, dass seine Nachfolgerin über ihr Gehalt im Unklaren gelassen wird, hat er jedoch kein Verständnis. Sein Lohn sei bescheiden und werde von allen Gemeinden, für die er zuständig ist, gemeinsam getragen. «Wenn jemand ins Spital eingeliefert werden muss, liegen die Kosten schnell sehr viel höher.»

Können die Ärzte nicht bestimmen, welcher Pilz verantwortlich ist, gehen sie üblicherweise von einer Knollenblätterpilzvergiftung aus. Ein Kontrolleur wird zum Patienten nach Hause geschickt, um allfällige Pilzreste zu suchen. Betroffen sind in der Regel Sammler, die auf die vorgängige Kontrolle verzichten. Für Robert Hintermüller die Bestätigung, dass seine Tätigkeit wichtig ist. «Es ist noch nie jemand gestorben, der seine Pilze hat kontrollieren lassen.»

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