Weinland

Rettung «querbeet» durch die gesamte Tierwelt

2016 hat Ricky Meyer «Animal Rescue» gegründet. Seither ist er ehrenamtlich in den Kantonen Schaffhausen und Thurgau sowie im Weinland unterwegs, um in Not geratenen Tieren zu helfen. Er macht das gern, stört sich aber an der Ignoranz gewisser Behörden.

von Cindy Ziegler
12. Oktober 2018

Ricky Meyer kommt in Arbeitskleidung zum Gespräch in die Redaktion und hat eine kleine graue Box mit Luftlöchern dabei. Darin ist eine geschwächte Fledermaus, die er zuvor aus einem Parkhaus geholt hat. «Ich muss das Tier in die Wärme bringen, sonst überlebt es wohl nicht», sagt der 52-Jährige. Er ist Präsident und Gründer des Vereins Animal Rescue, der sich auf die Rettung von Tieren in Schaffhausen, im Thurgau und im Weinland spezialisiert hat.

Eigentlich wäre die Saison mittlerweile vorbei. Im Herbst und in der kalten Jahreszeit werden die Fälle rapide weniger, erzählt Ricky Meyer. Im Frühling und im Sommer hätten sie zwischen 8 und 16 Fälle pro Tag «querbeet durch die gesamte Tierwelt», sagt er. Aufgerufen wird das Team von Animal Rescue für Haustiere wie Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Ziervögel, Reptilien oder Fische bis hin zu Wildtieren wie Fledermäusen, Igeln, Vögeln, Echsen, Schlangen, Nagetieren und Greifvögeln. Einzig bei Marder, Fuchs, Dachs, Wildschwein, Reh und Hirsch ist die Polizei beziehungsweise der entsprechende Wildhüter zuständig.

Keine Zwei-Klassen-Tierrettung
«Bei uns gibt es keine Zwei-Klassen-Tierrettung», sagt Ricky Meyer. Er meint damit, dass kein Lebewesen zu unwichtig sei, um gerettet zu werden. Beispielsweise hätte ein Mädchen einmal um 21 Uhr einen Molch gefunden – auch dann ist Ricky Meyer ausgerückt, hat das Reptil eingesammelt, untersucht und wieder ausgesetzt. Er tut das, wenn nötig, 24 Stunden am Tag.

Geld bekommt er dafür keines. Sowohl seine Arbeit wie die seiner Partnerin und der Fahrer ist freiwillig. Seinen Lebensunterhalt verdient Ricky Meyer als DJ, seine Passion sind aber die Tiere. Der Verein finanziert sich in erster Linie durch Spenden, Gönner und Legate. Die Rettung von Wildtieren ist für die Anrufer gratis. Bei Heimtieren kostet, beispielsweise der Transport zum Tierarzt, etwas – aber wenig.

Mit der Tierrettung angefangen hat Ricky Meyer als Quereinsteiger beim Tierrettungsdienst Zürich vor 25 Jahren. Er, der um und mit Tieren aufgewachsen ist, helfe gern direkt «an der Front». So sei auch die Idee entstanden, eine eigene Tierrettung im nordöstlichen Teil des Kantons Zürich wie auch in den Kantonen Schaffhausen und Thurgau aufzubauen.

Es sei immer schön, wenn man einem Tier in einer Notsituation helfen kann. Besonders in Erinnerung geblieben sei dem Tierfreund eine Rettung von zwei Kätzchen, die beim Altersheim Schleitheim in ein Rohr gefallen waren. Ganze vier Tage und eine hochspezialisierte Rohrkamera waren nötig, um die beiden aus ihrer misslichen Lage zu befreien.

Einsatzfahrzeug für Mensch und Tier
Immer im Einsatzfahrzeug dabei ist nicht nur diese Kamera, sondern auch ein Sauerstoffzelt, verschiedene Fangwerkzeuge wie Kescher (Netz) und ein Defibrillator – für den Menschen. «Wir sind so oft unterwegs, dass es wahrscheinlich ist, an eine Notsituation zu geraten», sagt Ricky Meyer. Während einem Einsatz hatte er auch schon einen menschlichen medizinischen Notfall erlebt. Der Hund einer Frau sei gestorben, und die Besitzerin hatte daraufhin einen Schwächeanfall erlitten.

Es gibt wenig, das den engagierten Tierfreund aus der Fassung bringt. Trotzdem musste er sich diesen Sommer über die Ignoranz der Behörden ärgern, so Ricky Meyer. Anlass zum Konflikt sind die Jungschwäne im Schaffhauser Rhein, von denen von 23 nur 8 überlebten. «Und die haben wir geschwächt vor dem Rheinfall aus dem Wasser gefischt.» Eine Obduktion ergab, dass die Mägen der Vögel leer waren. Ricky Meyer sagte den Zuständigen, die Tiere hätten nicht an Land kommen können wegen dem Dichtestress rund um das Rheinufer und seien deshalb verhungert – die Behörden hätten widersprochen und Animal Rescue den Status von Tierschützern aufgedrückt. «Dieses Wort ist negativ behaftet, und es stimmt nicht: Wir sind Tierretter», ärgert sich der 52-Jährige. «Die Wildtiere werden immer mehr vom Menschen verdrängt.»

Für die kleine geschwächte Fledermaus gibt es indes ein Happy End. Sie konnte sich aufwärmen, sodass sie nach dem Fotografieren aus der Hand ihres Retters davonflog. «Das ist perfekt», sagt Ricky Meyer und blickt dem Tier kurz nach.

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