Weinland

Stall und Hof statt Badi und Garten

Raus aus der Stadt und ab auf den Hof. Lars Guggenbühler nutzt seine Sommerferien, um im Rahmen eines Agriviva-Stage das Hofleben kennenzulernen – und nimmt so einiges mit.

von Jasmine Beetschen
30. Juli 2021

Um 5.35 Uhr klingelt der Wecker, um 6 Uhr gehts in den Stall zu Kühen, Hühnern und Kaninchen, um 7 Uhr gibt es Frühstück. An diesen Rhythmus hat sich Lars Guggenbühler in den letzten zwei Wochen gewöhnt, auch wenn anfangs noch mit etwas Mühe. Und das in seinen Sommerferien, während andere ausschlafen und gemütlich in den Tag hineinleben.

Doch der 14-Jährige aus Otelfingen, zwischen Baden und Dielsdorf, entschied sich bewusst für die Arbeit. «Ich wollte nicht einfach vier Wochen zu Hause sitzen, deshalb habe ich mich auf die Suche nach Ferienaktivitäten gemacht», erzählt er. Dabei stiess seine Mutter auf das Angebot von Agriviva (siehe Kasten), wovon die Familie sofort begeistert war. So zog Lars Guggenbühler vor zwei Wochen vorübergehend auf dem Wolfwingertenhof in Henggart bei Reto Schellhaas und Marlen Helbling ein.

Den Familienbetrieb führen sie in vierter Generation. Anfang 2020 übernahmen sie zudem eine Obstanlage mit Spezialkultur. Neben Tierzucht und Ackerbau keine leichte Aufgabe, wie Reto Schellhaas erzählt: «Der Anfang war happig, da war uns rasch klar, dass wir Unterstützung brauchen.»

Schon immer seien Landdienstler auf dem Wolfwingertenhof gewesen, daher entschieden sie sich, diese Tradition weiterzuführen. «Seit letztem Frühling haben wir nun eigentlich durchgehend Jugendliche bei uns, die uns tatkräftig unterstützen», so der Landwirt. Überwiegend kämen Jungen zu ihm, erst drei bis vier Mädchen hätten sich für die Tätigkeiten auf seinem Hof entschieden.

«Aufklärung ist essenziell»
Die Jugendlichen erhalten mittels Kurzbeschrieb und Bildern auf der Agriviva-Plattform einen Einblick der Betriebe sowie der anfallenden Aufgabenbereiche. Daraufhin können sie sich für ein Stage für einen vom Betrieb vorgegebenen Zeitraum anmelden.

Während ihres Aufenthalts lernen die jungen Leute, welche Arbeiten auf einem Hof anfallen und können ihr Wissen über Maschinen, Tiere und die Landwirtschaft erweitern. «Oftmals sprechen wir bei der Arbeit auch über Themen, die uns Landwirte bewegen, so entsteht ein gegenseitiges Verständnis», erklärt Reto Schellhaas. Das sei im Prinzip der wichtigste Faktor für ihn neben der Unterstützung auf dem Hof.

Vor allem für Jugendliche aus der Stadt sei es wichtig, mit der Landwirtschaft in Berührung zu kommen. «Wir hatten schon Leute hier, die sich vor Hühnern fürchteten. Aufklärung und eine Verbindung zu unserer Tätigkeit finde ich daher essenziell», betont er.

Für Lars Guggenbühler war nicht nur der Einblick in die Arbeit auf einem Bauernhof der ausschlaggebende Punkt gewesen, sich für das Angebot zu entscheiden. Nächsten Sommer beginnt er seine Lehre als Koch. Und ein Koch sollte wissen, woher seine Lebensmittel kommen, findet er. «Während meiner Zeit hier habe ich vieles über Tierhaltung, Verarbeitung und allgemein über Nahrungsmittel gelernt, von diesem Wissen kann ich für meine Zukunft nur profitieren.» Dafür habe sich das frühe Aufstehen allemal gelohnt.

Win-win-Situation für beide Seiten
Das Angebot von Agriviva finden deshalb beide ideal, eine Win-win-Situation für alle. Lars Guggenbühler ist froh, diese Erfahrung gemacht zu haben, wie er betont. Er hatte ein eigenes Zimmer im Haus der Familie, nahm an deren Leben teil, arbeitete täglich im Stall oder half tatkräftig auf der Obstanlage mit. «Es war anstrengend, doch ich würde es sofort wieder machen», so der Jugendliche.

Heute Abend wird er den Hof verlassen, obwohl er nichts dagegen hätte, noch eine Weile zu bleiben. «Wir würden ihn also auch sofort behalten», fügt Marlen Helbling lachend hinzu. Lars Guggenbühler werde den Hof mit einem guten Gefühl verlassen, auch wenn etwas schwermütig. Doch auf eines freut er sich allemal: mal wieder richtig ausschlafen zu können.

75 Jahre Agriviva

Agriviva (der ehemalige Landdienst) hat als nicht gewinnorientierter Verein 75 Jahre Erfahrung im Zusammenbringen von einsatzfreudigen, neugierigen Jugendlichen und aufgeschlossenen Gastfamilien. 2021 feiert der Verein sein 75-Jahr-Jubiläum. Mehr als 340'000 Jugendliche haben seit der Gründung 1946 vom Angebot profitiert. 2020 konnten 1363 Jugendliche auf 382 Betriebe vermittelt werden. 63,6 Prozent waren weibliche Teilnehmerinnen. Durchschnittlich blieben die Jugendlichen 15 Tage auf dem Hof. Agriviva versteht sich als Brückenbauer zwischen Stadt und Land, über Generationen und verschiedene Sprachregionen hinweg. Für einen Ferienjob bei Agriviva brauchen die Jugendlichen keine Vorkenntnisse. Wichtig ist Interesse an der Landwirtschaft und die Bereitschaft zur Mitarbeit. Das Angebot von Agri­viva richtet sich an junge Menschen zwischen 14 und 24 Jahren. (jbe)

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