Weinland

Strampeln fürs Filmvergnügen

Ein Kino der besonderen Art machte am Mittwochabend halt bei der Sek. Um den Film zu sehen, mussten die Jugendlichen ordentlich schwitzen – und erhielten dafür eine wichtige Lektion zum Thema Energiewende.

von Jasmine Beetschen
30. September 2022

Normalerweise ist es in einem Kinosaal in den Zuschauerreihen still – bis auf das Rascheln von Popcorntüten und das gelegentliche Schlürfen durch Strohhalme. Nicht so am Mittwochabend im Vélokino der Sekundarschule Kreis Marthalen (SKM). Dort durchbrachen rotierende Fahrradketten und Motivationsrufe neben den Filmgeräuschen die Stille. Denn knapp 40 Schülerinnen und Schüler sowie einige Mitarbeitende der SKM traten während des Filmeschauens abwechselnd in die Pedalen.

Beim Vélokino handelt es sich nicht um eine gewöhnliche Filmvorführung. Die Besucherinnen und Besucher generieren nämlich selbst den elektrischen Strom für das komplette Kino durch Pedalieren auf zehn Velos. Die Fahrräder sind dabei in einen Rollentrainer eingespannt, an dem wiederum Generatoren angebracht sind. Durch Drehbewegungen des Hinterrads wird Strom  für eine Batterie produziert, die Laptop und Lautsprecher zum Laufen bringt.

Zum Ansporn der Tretenden wird während des gesamten Films eine Anzeige eingeblendet, die das jeweilige Stromerzeugnis jedes Velos anzeigt. Die Jugendlichen waren hochmotiviert und schafften es, den Akkustand trotz laufendem Film auf gleichbleibenden 75 Prozent zu halten, gar mit zwischenzeitlichen Sprüngen um wenige Prozente nach oben. «Das Vélokino ist eine coole Sache, man merkt, wie motiviert die Schülerinnen und Schüler sind, und dass ihnen der Anlass Freude bereitet», sagte Klassenlehrerin Michelle Gasser.

Gemeinsam zur Energiewende
Angeboten wird das Kino vom Verein «Vélorution». Dieser setzt sich ehrenamtlich für die Velokultur ein. Unter anderem organisiert er auch die «Kidical Mass» in Zürich, eine Velodemo, bei der Kinder für sichere Fahrradwege demonstrieren.

Beim Vélokino sei es wie bei der Energiewende: «Wir alle als Gesellschaft sind gefordert, mitzumachen, nur so kann sie funktionieren», erklärte Stefan Bruderer von «Vélorution».

Dieser Meinung ist auch der Klimarat der SKM. Der Rat setzt sich zusammen aus mehreren Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Stufen. Auf freiwilliger Basis planen sie mit der Schule pro Quartal einen Anlass zum Thema Energie. «So entstand die Idee, das Vélokino, das sonst oft im öffentlichen Raum, zum Beispiel in Quartieren, Parks oder auf einer Alp stattfindet, zu uns zu holen», sagte Klassenlehrerin Michelle Gasser.

Realität ohne Artenvielfalt
Um das Thema Energie noch vertiefter aufzugreifen, strampelten die Schülerinnen und Schüler für das Filmdrama «Everything will change», welches im September 2021 beim Zurich Film Festival Premiere feierte. Es spielt im Jahr 2054 in einer Realität, in der das soziale Miteinander nur noch über Computer stattfindet, die Landschaften ohne Natur und Tiere nahezu komplett ausgestorben sind.

Drei Freunde entdecken schliesslich ein verborgenes Institut mit alten Aufzeichnungen der einst prächtigen Artenvielfalt und versuchen daraufhin, ihre Mitmenschen davon zu überzeugen, dass Mensch und Tier einst Seite an Seite gelebt hatten. Erst da erkennen sie, dass sie mit ihrer Botschaft, das Artensterben aufzuhalten, 50 Jahre früher hätten ansetzen müssen – nämlich im Jahr 2020. «Wie im Film angedeutet, ist jetzt die Zeit, etwas zu unternehmen», erklärte Stefan Bruderer.

Wert von Energie kennenlernen
Wie kostbar Energie ist und welcher Aufwand in ihr steckt, verdeutlicht das Vélokino auf spielerische Art und Weise. «Jedes Velo generiert 50 Watt. Wird das Kino eine Stunde lang von zehn Fahrrädern gleichzeitig betrieben, ergibt das eine totale Leistung von 500 Watt pro Stunde oder 0,5 Kilowattstunden», führte er im Anschluss an den Film aus.

Die Tatsache, dass sich die Schülerinnen und Schüler während eineinhalb Stunden abgestrampelt hatten, um den Strom für die Vorstellung zu produzieren, und dasselbe lediglich 25 Rappen gekostet hätte, wenn sie den Film via Steckdose geschaut hätten, hat bei den Jugendlichen Eindruck hinterlassen.

Im Anschluss an den Film enstand eine rege Diskussion. «Wenn man nicht nur passiv dasitzt, sondern sich aktiv einbringen muss, ist man automatisch motivierter und setzt sich vermehrt ein – oder mit einem Thema auseinander», fasste Stefan Bruderer die Aktion zusammen.

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