Weinland

Suchen und Finden erwünscht

Mehr als 30 000 Menschen in der Schweiz bemalen Steine und verstecken sie, um anderen eine Freude zu bereiten. Diesen Trend initiiert hat ein Ehepaar aus dem Weinland – mittels einer Facebook-Gruppe.

von Bettina Schmid
05. November 2019

Sie liegen auf einer Parkbank, beim Spielplatz, in einem Einkaufswagen oder in einer Astgabel. Wer spazieren geht, macht mit Glück vielleicht eine besondere Entdeckung: bunt bemalte Steine. Steht auf der Rückseite ein Hinweis auf die Facebook-Gruppe «CH rocks», darf man das Kunstwerk mitnehmen, behalten oder wieder neu verstecken.

Das Projekt gestartet haben Evelyn und Stefan Truttmann im Juli dieses Jahres, nachdem sie im Frühling per Zufall während ihrer Florida-Ferien vom «rocken»-Virus (englisch für Steine bemalen und verstecken) befallen wurden. «Während eines Ausflugs haben wir einen kleinen Stein mit einer Blume dar­auf gefunden», erinnert sich Evelyn Truttmann. Dieser Fund habe sie stark berührt. «Ein anderer Mensch hat sich so viel Mühe gegeben, um uns, zwei Unbekannten, Freude zu machen.» In den nächsten Tagen entdeckten sie weitere Steine. Alle mit dem Hinweis, ein Foto des Kunstwerks in der Facebook-Gruppe zu teilen. Sie informierten sich über dieses Hobby und stellten fest, dass es bereits zahlreiche entsprechende Gruppen auf der Welt gibt.

Mit 250 Steinen gestartet
Der Grundgedanke, mit wenig Aufwand und (fast) ohne Kosten anderen Menschen Freude zu bereiten, faszinierte sie. «Wir haben uns gefragt, ob dies auch in der Schweiz funktionieren würde», so Stefan Truttmann. Sie suchten an der Thur Steine, nahmen sie mit nach Hause und malten in jeder freien Minute – 250 Exemplare zu zweit. Die ersten Versuche seien zwar etwas zittrig gewesen, schliesslich hätten sie seit der Schulzeit nicht mehr gemalt. Aber mit etwas Übung seien die Sujets immer besser gelungen.

Nach der Gründung der «CH rocks»-Facebook-Gruppe setzten sie die bemalten Steine aus – hauptsächlich in der Region Winterthur und im Thurgau. «Die ersten drei Wochen verliefen etwas schleppend», erzählt Evelyn Truttmann. Doch dann explodierten die Beitrittsanfragen in der Facebook-Gruppe – auf momentan über 31 000 Mitglieder aus allen Teilen der Schweiz. Sie seien vom Erfolg überrannt worden, hätten sie zu Beginn doch lediglich auf 500 Personen gehofft.

Ein Hobby für jede Altersgruppe
Tatsächlich scheint der Trend einen Zeitgeist zu treffen. Wer sich in der Facebook-Gruppe umschaut, stellt schnell fest, dass alle Altersgruppen vertreten sind und ihre Kunstwerke oder Funde teilen. «Wir bekommen nicht nur Rückmeldungen von Eltern, sondern beispielsweise auch aus Altersheimen, von Lehrpersonen, die dies in die Klasse mitnehmen, Therapeuten oder Einzelpersonen, die dadurch zum Malen finden.» Mehrere Personen hätten ihnen auch geschrieben, dass sie so dankbar seien, dass ihre Kinder dank dem Steine-Bemalen wieder mehr Zeit an der frischen Luft statt hinter ihrem Natel verbrächten.

Was macht die Faszination aus?
Seit sie vor zwei Monaten von «CH rocks» erfahren hat, verschönert die im schaffhausischen wohnhafte Melanie Solci durchschnittlich drei bis fünf Steine pro Tag. Die Farben auf dem Esstisch räume sie gar nicht mehr weg, sie hätten halt seither nur noch den halben Tisch zur Verfügung für die Mahlzeiten, sagt sie mit einem Schmunzeln. «Während ich male, kann ich abschalten und in meine eigene Welt versinken.»

Auch Naomi Schibli Visscher aus Dorf erklärt ihre Faszination ähnlich: «Beim Steine bemalen entspanne ich mich und fahre runter.» Ihre Kinder machen ebenfalls mit, es sei zu einem Familienhobby geworden. «Wir sind häufig draussen unterwegs und können das Verstecken der Steine gut mit unseren Spaziergängen verbinden». Seither gingen sie zudem mit offeneren Augen durch die Welt. «Wenn wir nach bemalten Kunstwerken Ausschau halten, entdecken wir häufig andere schöne Dinge wie Pilze oder Insekten, welche wir vorher übersehen haben.» (bsc)

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