Weinland

Und dann sagt einer: «Das hat deine Mami geschrieben.»

Eine Mutter legt Wert auf den Hinweis, dass der Text auf dem Blüemli-Flugblatt tatsächlich von Kindern stammt. Und nach den Reaktionen ist sie sogar froh, dass keine Namen dar­auf stehen.

von Roland Spalinger
20. November 2020

14 Tage vor dem Urnengang über die Fusionsfrage in der Region Andelfingen der politischen Gemeinden sowie der Schulen ist der Abstimmungskampf in den betroffenen Gemeinden angekommen. In Kleinandelfingen dominieren Ja- und Nein-Plakate, in Henggart Flugblätter, zum Beispiel eine Kinderzeichnung.

«Mir gefällt es in meiner Klasse», steht da, oder «Ich finde es cool, dass ich meinen Schulweg mit meinen Freunden zu Fuss gehen kann», oder «Ich freue mich, wenn meine Mama mit meinem kleinen Bruder einen Spaziergang durchs Dorf macht und ich sie in meiner Pause auf dem Spielplatz sehe». Es sind fünf Aussagen, in der Blüte sitzt ein Schmetterling – und dessen Flügelschlag löst Reaktionen aus.

Dem Flyer, der mit «Stimmen einiger Schüler der 2./3. Klasse, Primarschule Henggart» unterzeichnet ist, wird unterstellt, Eltern hätten ihre Kinder für den Abstimmungskampf eingespannt. Dies wiederum stört eine betroffene Mutter gewaltig. Sie ist dem Schreibenden bekannt, will aus persönlichen Gründen ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen.

Eltern haben geholfen
Den Vorwurf, Kinder seien instrumentalisiert worden, weist sie entschieden zurück. Sie habe ihrem Sohn sogar von der Aktion abgeraten, sei dann aber schon ein bisschen stolz auf ihn gewesen, dass er seine Meinung kundtun wollte. Wie er dar­auf kam, sich zu äussern? Natürlich sei am Familientisch die Fusion ein Thema. Und dann hätten die Kinder das in der Schule abgemacht.

Ganz ohne Eltern ging es aber nicht. Ja, eine andere Mutter habe die Blume gezeichnet, und sie hätten den Druck der Flyer bezahlt. «Den Rest haben die Kinder selber gemacht», betont sie. Auch die Verteilung in die Briefkästen. Zum Teil seien sie lange an ihren Texten gesessen und hätten überlegt, was und wie sie das schreiben sollten. Wieder Sache der Eltern war, ob die Beiträge unterschrieben werden sollen. Sie hätten abgewogen zwischen unterstützen und schützen und sich dann für die Nennung der einzigen gemischten 2./3. Klasse in Henggart entschieden, was ihrer Ansicht nach nicht anonym sei.

Mittlerweile seien sie froh, so verfahren zu sein. Sonst müssten sich die Kinder anhören, «Das hat deine Mami geschrieben». Allein die bisherigen Reaktionen hätten ihren Sohn hässig gemacht, sagt sie. Ausgelöst hat der Flyer auch eine Entgegnung des Ja-Komitees, die Verteilung erfolgt dieser Tage. Mit 14 «Weil»-Sätzen wird erwähnt, war­um eine Fusion «gerade auch für Kinder» eine gute Sache sei.

Stocker: Über Vorteile reden
Als «dreist» bezeichnet Peter Stocker, Präsident der Sek Andelfingen und Leiter des Fusionsprojekts Schulen Region Andelfingen, den Flyer. Dieser suggeriere, von der Primarschule Henggart zu sein, was nicht der Fall ist; mit Schreiben vom 19. November distanziert sich die Schulpflege auch explizit davon und verweist zur Meinungsbildung auf die offiziellen Unterlagen.

Was Peter Stocker überrascht: An den Infoabenden zu den Fusionsvorlagen war die Schule kein grosses Thema, was er damals «mit Freude zur Kenntnis» genommen habe. Nun aber gehe man in Henggart vom Negativsten aus und traue den Kindern wenig zu. «Kindern gehts nicht schlecht, wenn sie anderswo beschult werden.»

Statt über geäusserte Ängste – «die sind da, aber irrational, auch in der fusionierten Schule würden Kinder nicht aus Jux herumgekarrt» – spricht Peter Stocker lieber über die Vorteile wie Chancengleichheit, und dass alle Kinder den gleichen Zugang zu Hilfsmitteln (z.B. iPads) oder sonderpädagogischen Massnahmen haben. Diesbezüglich hätten die involvierten Schulen andere Richtlinien. Was in einer grossen wie kleinen Schule gleich ist: der Gestaltungsraum ist klein, vieles vom Kanton vorgegeben, zum Beispiel die Besoldung der Lehrpersonen.

Bei einer Fusion steht einzig das Schulhaus Adlikon zur Disposition.
Bei einer Fusion steht einzig das Schulhaus Adlikon zur Disposition. / Archiv

Zwei Schulen arbeiten vertieft zusammen
Adlikon/Humlikon Die beiden Primarschulen habe ihre Zusammenarbeit auf Beginn des Schuljahres 2020/21 vertieft. Für Jolanda Bechtiger ist Kontinuität ein aufrechtzuerhaltender Wert.

Seit drei Monaten arbeiten die beiden Primarschulen Adlikon und Humlikon vertieft zusammen. Neu besuchen auch die sechs Dritt- und Viertklässler aus Adlikon – und zwar nur aus dem Dorfteil Adlikon, den Unterricht in der Primarschule Humlikon – nach wie vor auch die Kindergartenkinder sowie die Fünft- und Sechstklässler. Im Gegenzug fahren neu 13 Erst- und Zweitklässler mit dem Bus von Humlikon nach Adlikon; Kinder aus den Adliker Dörfern Dätwil und Niederwil besuchen die Primarschule in Andelfingen bzw. Dägerlen.

Eine offizielle Auswertung über die ersten Monate hat bisher nicht stattgefunden. Nach ihrer Einschätzung befragt, sagt Humlikons Schulpflegepräsidentin Jolanda Bechtiger, das aktuelle Fazit sei «sehr positiv». Sie begründet es damit, dass die bestehende Zusammenarbeit vertieft werden konnte.

Zusammengearbeitet wird seit 2011. Die bisherigen Modelle, die in Humlikon bis zum Schuljahr 2017/18 galten (Kindergarten sowie eine Unterstufen- und eine Mittelstufenklasse) oder in den Jahren 2018/19 und 2019/20 (Doppelklassen 1./2., 3./4., 5./6.), waren aufgrund der aktuellen Schülerzahlen und der Verteilung auf die Jahrgänge nicht mehr sinnvoll. Eine neue Lösung musste gefunden werden: Diese hiess, die Humliker Erst- und Zweitklässler in Adlikon zu unterrichten, alle anderen vom Kindergarten sowie der dritten bis zur sechsten Klasse in Humlikon.

Eltern reagierten positiv
Jolanda Bechtiger bezeichnet auf Anfrage auch die Reaktionen der Humliker Eltern als «praktisch durchwegs positiv». Das gelte auch dafür, was sie am Elternabend vernommen habe. Das Schulhaus Adlikon biete eine «angenehme Lernumgebung mit einem tollen, erfahrenen Lehrerteam, was bei den Eltern das Gefühl auslöst, dass die Kinder dort gut aufgehoben sind». Bedauert wurde, dass in Humlikon eine Lehrperson entlassen werden musste. Die Schulpflegepräsidentin vermutet, dass auch die transparente Kommunikation zur Akzeptanz bei den Eltern beigetragen habe: Den betroffenen Eltern aus Adlikon und Humlikon wurde gleichzeitig und vor der Gemeindeversammlung im Herbst 2019 ein Schreiben zugestellt, in dem erklärt wurde, was zum neuen Schritt geführt habe und wie alles organisiert werde. «An der Gemeindeversammlung machten die Eltern keine Rückmeldungen», sagt sie.

Für die Erst- und Zweitklässler, die nun mit dem Schulbus nach Adlikon fahren, heisst es am Morgen früher bereitstehen, der Bus fährt um 7.50 Uhr. Die Kinder selber fänden das Schulbusfahren «cool», zudem seien sie weiterhin mit ihren Gspänli aus dem Kindergarten zusammen, was eine Kontinuität ergebe. «Ich empfinde die dorfübergreifenden Kinderfreundschaften als bereichernd», sagt Jolanda Bechtiger. Für die Adliker Eltern könne sie nicht reden. Die Schreibende konnte die Schulpflege Adlikon bis Redaktionsschluss nicht erreichen.

Erfahrungen nicht übertragbar
Auf die mögliche Fusion angesprochen, hält Jolanda Bechtiger fest, dass sich die Erfahrungen Adlikons und Humlikons nicht eins-zu-eins auf andere Gemeinden übertragen liessen, trotz positiver Drei-Monats-Bilanz. Die anderen vier an der Fusionsabstimmung beteiligten Gemeinden Andelfingen, Henggart, Kleinandelfingen und Thalheim würden andere Voraussetzungen mitbringen. In Adlikon und Humlikon seien bereits Strukturen vorhanden gewesen, die diesen Schritt vereinfacht hätten. Beide führten zudem eine «kleinere Schule», wodurch ein gemeinsames Problembewusstsein vorhanden gewesen sei sowie der Druck, Lösungen zu finden. Dabei sei es auch Aufgabe der Behörde, Entscheidungen zu treffen, die das Wohl des einzelnen Kindes im Auge behalten. (hay)

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