Weinland

Von der Polizei zum Militärflughafen eskortiert

Nach zwölf Jahren als Kakaoplantagen-Besitzer in Peru wohnt Familie Griesser wieder in Andelfingen. Die letzten Monate waren geprägt von einem grossen Corona-Ausbruch und einer fluchtartigen Reise.

von Bettina Schmid
03. November 2020

«Am 2. Juli 2020 führen wir einen letzten Sonderflug durch, anschliessend können wir keine konsularische Hilfe mehr anbieten.» Diese Mailnachricht erhielten Andreas und Isabelle Griesser Mitte Juni von der Schweizer Botschaft in Lima. Sie befanden sich zu dieser Zeit mit ihren drei Kindern Esmeralda (8), Benjamin (5) und Safira (3) auf ihrer Kakaoplantagen-, Milch- und Mastviehfarm in Juanjui. Einer Stadt mit 60'000 Einwohnern im Norden von Peru – und die Lage war prekär.

Um die 50 Prozent der Dorfbevölkerung waren mit Corona infiziert. «Leichen wurden mit Schaufelbaggern abtransportiert, und eine strikte Ausgangssperre prägte den Alltag», erzählt Andreas Griesser. Als Landwirte verfügte die Familie Griesser zwar über einen «Salvoconducto», also eine Spezialbewilligung der Regierung, um ihr Haus für die Verrichtung der Arbeit auf der Kakao- und Viehfarm verlassen zu dürfen. «Doch die Bürgerwehren errichteten Strassensperren und liessen uns trotz Bewilligung nicht durch», so der gelernte Koch, Bäcker und Konditor. Die wenigen Kilometer vom Wohnhaus bis zu den Kuhställen und wieder zurück hätten ihn folglich jeden Tag viel Zeit und lange Diskussionen gekostet, teilweise musste er wieder umkehren. Den Betrieb am Laufen zu halten, wurde sehr schwierig, dazu kamen private Sorgen.

Keine Verabschiedung möglich
Zwar blieb die Familie selbst von Covid-19 verschont, gute Freunde erkrankten jedoch, und einige starben daran. Medizinische Hilfe fehle in dieser Region von Peru fast gänzlich, erklärt Andreas Griesser. «Es wurde zwar ein Corona-Zentrum im Schulhaus eingerichtet, Beatmungsgeräte oder eine intensivmedizinische Betreuung suchte man aber vergeblich.»

Nach einiger Zeit habe der Bürgermeister immerhin Sauerstoffflaschen aus Pucallpa, einer zwölf Stunden entfernten Stadt mit einem grösseren Spital, organisieren können – jedoch viel zu wenige für die vielen Erkrankten. Für ihn und seine Frau war bald klar, dass sie mit ihren drei Kindern diesen letzten Sonderflug des Bundes erwischen mussten, ansonsten gäbe es in den nächsten Monaten keine Gelegenheit mehr, auszureisen. «Wir wollten unbedingt rechtzeitig zum Schulbeginn Mitte August in Andelfingen sein.» Denn bereits vor der Pandemie hätten sie den Entschluss gefasst, ihren Wohnsitz für die nächsten Jahre wieder zurück in die Schweiz zu verlegen. Ihre Kinder sollten die hiesigen Schulen besuchen können, da in Peru der öffentliche Unterricht «katastrophal» sei.

Mit Polizeieskorte durch Lima
Auch wenn die Rückkehr also schon länger geplant war, ihre letzten Wochen in Juanjui und die Rückreise hatte sich die Familie anders vorgestellt. Durch den starken Corona-Ausbruch mussten sie ihre Wahlheimat innert zwei Wochen fast fluchtartig verlassen. Am schwersten sei für sie gewesen, sich wegen der Ausgangssperre von niemandem verabschieden zu können, so Andreas Gries­ser. Immerhin hätten sie in den Monaten zuvor ihre Mitarbeitenden bereits intensiv dar­auf vorbereiten können, den Betrieb auch ohne sie weiterzuführen. Dies sei ihnen bei der überstürzten Abreise dann entgegengekommen.

Am 28. Juni, vier Tage vor dem Rückflug, ging es los. Mit ihrem Jeep fuhren sie 18 Stunden am Stück ohne Pause ins 800 Kilometer entfernte Lima zur Schweizer Botschaft. Vorbei an zahlreichen Polizeisperren, da das Reisen von einem Ort zum anderen nicht erlaubt war. «Die Botschaft hatte für uns eine Spezialbewilligung der Regierung organisiert, ohne diese wäre es chancenlos gewesen», so Andreas Griesser.

Endlich in Lima angekommen, ging es mit Reisebussen und über 100 anderen rückreisewilligen Schweizern weiter, quer durch die 8,5-Millionen-Stadt zum Militärflughafen – eskortiert von zahlreichen Polizeifahrzeugen. «Wie bei VIP sperrten sie fortlaufend alle Strassen und Kreuzungen ab, damit wir ungehindert durchkamen.» Er sei sehr beeindruckt gewesen, wie perfekt die Schweiz diesen Rücktransport organisiert habe.

Im Winter will er retour
Nun richten sich die Griessers wieder dort ein, von wo sie im Jahr 2007 losgezogen sind: in Andelfingen. Sie haben eine Wohnung bezogen, renovieren sie eigenhändig, und die beiden grösseren Kinder besuchen die 2. Klasse und den Kindergarten. Trotz der Freude, wohlbehalten zurück in der Schweiz zu sein, hofft Andreas Gries­ser, noch in diesem Winter für einige Wochen nach Juanjui zurückkehren und in ihrem Betrieb nach dem Rechten sehen zu können. Zwar stehe er täglich telefonisch mit den Mitarbeitenden in Kontakt, regelmässige Besuche vor Ort seien ihm aber wichtig. Denn die Hauptleitung des Landwirtschafts­unternehmens soll bei ihm bleiben. «Unser gesamtes Herzblut steckt darin, wir haben es in den letzten zwölf Jahren aus dem Nichts aufgebaut.»

Leben in einer Palmhütte
Dazumal gestartet sind sie mit der Kakaoplantage («AZ» vom 30.1.2015). In den ersten Jahren hätten sie in einer halboffenen Palmhütte auf 36 Quadratmetern gelebt. 2010 konnten sie dann die ehemalige Müllhalde der Stadt Juanjui zu einem günstigen Preis kaufen und dar­auf ein richtiges Wohnhaus erbauen. «Das Fundament haben wir mit Abfall aufgefüllt, den Rest des Unrats entsorgt.» Im Laufe der Zeit hätten sie ihren Grundbesitz weiter ausweiten und nebst der Kakaoplantage auch die anderen Standbeine Viehhaltung, Waldaufforstung und pädagogische Arbeit gründen können. Heute gehören zu ihrem Betrieb 15 Hektaren Wald-Wiederaufforstung, 85 Hektaren Weidefläche mit Stallungen für 210 Kühe, die Kakaoplantage sowie ein Gelände für die pädagogische Kinder- und Jugendarbeit, die sie jeweils in den Fe­rien für die einheimischen Buben und Mädchen anbieten.

Dringend Baumpaten gesucht
Auch abseits des Betriebs war ihr Leben im Urwald von Peru ereignisreich. Andreas Griesser erzählt von Schamanen, Hexerei und Opferritualen als Bestandteil des täglichen Lebens – Aberglaube ist dort noch weit verbreitet. Dazu kommen Ratten- und Kakerlakenplagen im Haus oder exotische Tiere im Garten. «Unsere Kinder spielten schon mal mit Schlangen, die sie vor dem Haus gefunden hatten.» Auch abenteuerliche Autofahrten, bei denen etwa die Strasse unter ihnen wegen starken Regenfällen plötzlich abrutschte, gehören zum Repertoire, ebenso wie die Alleinhausgeburt von Safira, bei der die Hebamme erst viel zu spät erschien.

In der Schweiz verlaufe das Leben nun wieder etwas ruhiger, in einigen Bereichen einfacher, aber auch durchgeplanter, so Andreas Griesser. Mit seinem peruanischen Betrieb hat er noch viel vor. So sucht er beispielsweise gerade einen Schweizer Vertriebspartner für seine Schokolade sowie Schweizer, die ihren CO2-Ausstoss mit einer Baumpatenschaft kompensieren möchten. «Um den Unterhalt der Wiederaufforstungsbäume zu gewährleisten, benötigen wir dringend Unterstützung. Die Bäume sind noch klein, und es muss drei- bis viermal im Jahr gejätet werden.» Im Jahr 2019 hätten sie bereits 120'000 Tonnen CO2 binden können. Zudem ist er dabei, eine neue Kuh­rasse zu züchten. Eine, die sich im teils steilen Gelände von Juanjui wohlfühle und dennoch genügend Milch produziere. Die Herausforderungen gehen Andreas Griesser also so schnell nicht aus, auch wenn er sie bis zum Ende der Pandemie nicht aus dem peruanischen Urwald, sondern telefonisch von Andelfingen aus angeht.

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