Weinland

Von Wettlauf ist keine Rede mehr

An Auffahrt hat Förster Olivier Bieri vermehrt Bohrmehl festgestellt – ein sichtbares Zeichen für die Anwesenheit des Borkenkäfers. Jetzt sieht er seine ärgsten Befürchtungen bestätigt. Es sei frustrierend.

von Roland Spalinger
05. Juli 2019

Dem Kleinandelfinger Förster Olivier­ ­Bieri, der auch für die Wälder Adlikon, Andelfingen und Thalheim zuständig ist, diktiert ein Tierchen die Agenda. Es ist klein, den Forstleuten aber zahlenmäs­sig massiv überlegen. Und der Buchdrucker, wie die für die Fichte gefährliche Borkenkäferart heisst, fühlt sich bei den aktuellen Temperaturen wohl.

Im Frühling hätten sie das letzte Jahr aufgearbeitet gehabt, sagt Olivier Bieri. Doch nach dem Kleinandelfinger Forstumgang stellte er an Auffahrt Bohrmehl fest. Überrascht hat ihn das nicht, 2018 war bezüglich Käferbefall schon schlimm. 2019 sei der Schädling aber zeitlich früher dran, es werde wohl noch schlimmer. Der Käfer nistet zwischen Stamm und Rinde. Nach dem Anstechen legt er dort Eier, es bilden sich weis­se Larven, die sich verpuppen. Junge Käfer sind zuerst bräunlich, werden schwarz und flugfähig und befallen andere Fichten. Im vergangenen Jahr konnten sich sicher zwei, vermutlich drei Generationen bilden. Dies droht auch jetzt wieder. Die erste neue Generation dürfte nächste Woche fliegen.

Vorfinanzierung für Waldbesitzer
«Es werden erneut mehrere 1000 Kubikmeter Schadholz auf uns zukommen», schrieb Olivier Bieri rund 240 Privatwaldbesitzern in einem Brief; ihnen gehört die Hälfte der 840 Hektaren Wald des Reviers. Er rät von eigenem Holzen ab und bietet an, Ernte und Vermarktung gemeinsam zu organisieren. An einer Krisensitzung hätten die Behörden der betroffenen Gemeinden eine Vorfinanzierung beschlossen. Nach dem Verkauf macht Olivier Bieri die Schlussrechnung – und hofft für die Waldbesitzer, dass sie nicht drauflegen müssen.

Der ökologische Kreislauf käme laut ihm mit dem Käfer zurecht, zum Beispiel nähme die Spechtpopulation zu. Das Problem sei mehr der wirtschaftliche Schaden. Die Fichte wächst schnell und eignet sich für eine breite Verwendung: Papier, Pfähle, Bauholz. Zurzeit besteht aber ein Überangebot von schlechteren Sortimenten, wie es das Käferholz eben auch ist, betroffen sind viele.

Die Holzmarktkommission Ostschweiz (mehrere Kantone und die Holzindustrie) schreibt in einer Mitteilung, der aktuelle Käferholzbefall «übersteigt die Verarbeitungskapazitäten stark». Dank der kühl-feuchten Witterung seien die Käfer bis vor Kurzem noch nicht so aktiv gewesen. Nun aber breite er sich «sehr schnell aus». Waldbesitzer müssten sich auf einen schwierigen Sommer einstellen.

Rote Rinde, rote Krone
Nach «Lothar» war die Population zum letzten Mal auf einem sehr hohen, invasiven Niveau. So schlimm wie jetzt nach den Stürmen 2017 und 2018 war es aber damals in dieser Region nicht.  Die Bäume sind geschwächt. Ferner führte die Trockenheit dazu, dass Fichten zu wenig Harz bildeten für ihre natürliche Käferabwehr. Rottanne heisst der Baum auch, weil er eine rötliche Rinde hat. Zurzeit fallen beim Blick an Wälder aber rote Stellen im grünen Kronenbereich auf – das untrügliche Zeichen von Käferbefall.

In Thalheim ist ein privates Unternehmen im Auftrag der Gemeinde an der Arbeit. Statt Waldränder und Wege zu pflegen und da und dort Neophyten auszureissen, «sind alle voll am Holzen», sagt Olivier Bieri. Mit dem ­Vollernter werden angezeichnete Fichten gefällt – manche Parzellen sind danach ziemlich kahl. «Das ist die einzige Möglichkeit», sagt Olivier Bieri: Fällen und aus dem Wald schaffen, damit die Käfer nicht weitere Fichten befallen.

Aber wohin mit dem Holz? Der Mindestabstand zu einem Waldrand beträgt 500 Meter, was im Weinland nicht ganz einfach ist. Ausserhalb von Thalheim, zwischen Turnhalle und Gütighausen, wächst deshalb ein Stammholzlager am Rand eines Maisfelds in die Höhe und Länge. Der Landwirt ist selber Waldbesitzer und betroffen.

Den Käfer kennengelernt
Zwischen Alten und Mar­tha­len werden Stämme auch im Wald gelagert. Die wenigen Fichten, die dort noch stehen, hat der Forst bereits aufgegeben. Von einem Wettlauf will Olivier Bieri gar nicht reden. «Wir kommen nicht nach», sagt er, «es ist frustrierend.» Ebenfalls in Alten, an der Strasse nach Ellikon, ist ein weiteres (total sind es drei) Privatunternehmen im Auftrag der Waldbesitzer mit dem Fällen von befallenen Bäumen beschäftigt. Zwei Jahre lang hatte der Förster dort bezüglich Borkenkäfer nichts festgestellt. Bei einer am Boden liegenden Fichte kann er nun problemlos Rinde lösen und die Frassgänge zeigen. «Überall krabbelts», stellt er fest. Durch den Käferbefall ist der Baum verhungert, er würde absterben.

In der Försterschule habe er dem Borkenkäfer nicht viel Beachtung geschenkt, gibt Olivier Bieri zu. Seit er 2016 in Kleinandelfingen angefangen hat, muss er sich aber intensiv mit ihm beschäftigen. Seine Sommerferien hat er schon mal gestrichen. Mehr als eine Woche Erholung in den Bergen liegt dieses Jahr nicht drin!

 

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