Weinland

Waldmenschen für eine Woche

Lorenz Grossmann und Linas Brodbeck verabschiedeten sich ins Grüne. Als Abschlussprojekt leben die beiden Sekschüler eine Woche lang im Wald.

von Manuel Sackmann
11. Mai 2021

Ein Rascheln im Gebüsch: «Das ist vermutlich eine Wildsau», sagt Lorenz Grossmann. Diese streife schon die ganze Woche durch die Gegend. Und dann ruft sein Freund Linas Brodbeck: «Da, jetzt habe ich sie sogar gesehen!» Tatsächlich ist plötzlich auch ein Grunzen im Hintergrund zu vernehmen. Doch so schnell wie es gekommen ist, verschwindet das Wildschwein auch schon wieder. Die Waldtiere störten sie nicht, sagen die beiden Sekschüler aus Winterthur an jenem Donnerstagmorgen. Auch ein Reh hätten sie schon angetroffen. Meist höre man sie aber nur. Ins Camp kämen sie ohnehin nicht, da dort zu viel los sei.

Das Camp ist Teil eines Abschlussprojekts. Während den Schulferien leben die beiden – der Förster hat es abgesegnet – eine Woche lang im Wald zwischen Freienstein-Teufen und Buch am Irchel und halten das Erlebte mit Fotos, Videos und in einem Journal fest. Die Idee hatte Lorenz Grossmann. Auf Youtube und anderen Kanälen war er auf Videos von Leuten gestossen, die in der Wildnis überlebten. «Das hat mich gepackt», sagt er. Also informierte er sich, eignete sich Wissen zum Thema an – und deckte sich mit passendem Equipment ein.

Bestens ausgerüstet machte er sich auf zu einem Testlauf in Truttikon, wo seine Mutter aufgewachsen war. Er baute sich in der Nähe des Riets einen kleinen Unterstand, entzündete ein Feuer und verbrachte die Nacht dort.

Mehr als genug Ausrüstung
Das Schulprojekt wollte er aber nicht alleine in Angriff nehmen. «Ich ging schon immer gerne campen», sagt Linas Brodbeck. Also habe er zugesagt. Die Vorstellungen und Herangehensweisen der beiden unterschieden sich dann aber etwas. «Meine Familie campiert oft, daher verfügen wir über allerlei Mate-rial.» Und wenn man es schon hat, war-um nicht nutzen? Campingtisch, Gas-kocher, Sonnensegel und ausreichend Essbares: «Wir haben sicher mehr als genug», gibt er zu. Beim nächsten Mal wolle er weniger mitnehmen.

Denn viel Ausrüstung ist zwar angenehm und sorgt für Komfort während des Aufenthalts im Grünen. Aber sie ist auch schwer, wie die beiden temporären Waldmenschen schnell feststellten. Ihren ersten Lagerplatz mussten sie aufgeben. «Es hatte überall rote Ameisen. Dar-auf hatten wir keine Lust», so Linas Brodbeck. Also folgte der Umzug. Gerne hätten sie sich weiter oben am Berg niedergelassen, entschieden sich dann aufgrund des komplizierten Transports aber für eine Stelle weiter unten in der Nähe des Waldrands. In Etappen schleppten sie das schwere Gepäck in ihr neues Camp. «Das dauerte Stunden», betont Lorenz Grossmann.

Mit dem gewählten Standort zeigen sie sich aber zufrieden. Der Platz ist relativ eben und die Bäume ringsum sind stabil. Ihre Äste sind auch eher dünn. «Todesfallen gibt es hier daher keine», erklärt der Survival-Enthusiast. Ein nahe- gelegener Brunnen dient zudem als Wasserquelle. Zwei Schlafplätze, eine Feuerstelle und eine mit dem Sonnensegel überdachte Küchenecke errichteten die beiden.

Stetig optimieren
Doch was tut man den ganzen Tag im Wald? «Holz sammeln», so die Antwort. Und das Lager stetig verbessern. So entstanden ein Schutzzaun gegen Tiere und eine Zugangstreppe zum Camp. Auch die Schlafplätze boten Optimierungsmöglichkeiten. «Mein Zelt war zuerst in Hanglage aufgebaut. Im Schlaf bin ich dann abgerutscht, sodass meine Beine im Freien lagen», sagt Linas Brodbeck. Sein Kollege rutschte zwar nicht, ihn plagte jedoch ein anderes Problem. «Ich wälze mich stark hin und her.» Damit er nicht aus seinem schützenden Schlafplatz rollt, baute er sich kurzerhand ein Mäuerchen aus Holz.

«Sieht gemütlich aus», ruft ihnen ein mit seinem Hund vorbeilaufender Spaziergänger zu. Das komme oft vor, so die Drittsekler. Meist seien sie alleine. Da aber nahe am Camp ein Strässchen vorbeiführt, treffe man trotzdem immer mal wieder auf Menschen. «Meist freuen sie sich und wünschen uns Glück», sagt Linas Brodbeck. Das sei schön.

Dass es sie wieder einmal ins Grüne zieht, ist für die beiden klar. Und doch: Nach einer Woche freuen sie sich schon darauf, wieder einmal in einem richtigen Bett zu schlafen und sich eine warme Dusche zu gönnen.

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