Weinland

Wandelnde Grenzen am Rhein

Zahlreiche Grenzverschiebungen, unklare Besitzverhältnisse und ein Schweizer Wein von deutschem Boden: In unserer Sommerserie werfen wir einen Blick auf die Geschichte des Thurgauer Städtchens Diessenhofen.

von Jasmine Beetschen
12. August 2022

Drei Kantone, zwei LĂ€nder und ein Fluss: Zwischen Stein am Rhein und Schaffhausen trennt der Rhein nicht nur Deutschland und die Schweiz, sondern fliesst teils auch entlang der Kantonsgrenzen von Thurgau, Schaffhausen und ZĂŒrich. In der Vergangenheit fĂŒhrte der verzettelte Grenzverlauf nicht selten zu Unklarheiten und Verwechslungen, wie zum Beispiel bei der Bombardierung von Schaffhausen am 1. April 1944. Zwischen Öhningen (D) bei Stein am Rhein und Schaffhausen ĂŒberquert man auf der rund 22 Kilometer langen Strecke fĂŒnfmal die Landesgrenze, ohne einen einzigen Zoll zu passieren.

Einen besonderen Fall bezĂŒglich Grenzen stellen das kleine Thurgauer StĂ€dtchen Diessenhofen und seine Umgebung dar. Die Ă€lteste erhaltene urkundliche ErwĂ€hnung als alemannische Siedlung «Deozincova» stammt aus dem Jahr 757. Priester Lazarus schenkte damals dem Kloster St. Gallen diesen Weiler. Lucia Angela Cavegn betreut als Kulturbeauftragte der Stadt Dies­senhofen das Museum «kunst + wissen» und befasst sich intensiv mit der Geschichte des Orts. «Diessenhofen besitzt trotz seiner nur rund 4000 Einwohnenden das Stadtrecht», erklĂ€rt sie. Graf Hartmann III. von Kyburg hatte den Ort im Jahr 1178 zur Stadt erhoben.

Als Grenzort unter Beschuss
Nach zehntĂ€giger Belagerung wurde Diessenhofen 1460 im Zuge der Eroberung des Thurgaus von den Eidgenossen eingenommen. 1798 wurde der Bezirk dann – zur Zeit der Helvetischen Republik – dem Kanton Schaffhausen angegliedert. Dieser wurde 1800 durch österreichische Truppen besetzt, was vorĂŒbergehend den Verkehr mit den helvetischen Behörden verhinderte. Das fĂŒhrte am 6. Juni desselben Jahres dazu, dass der Bezirk Diessenhofen endgĂŒltig dem Kanton Thurgau zugeteilt wurde.

WĂ€hrend des Zweiten Koalitionskriegs (1799–1801) und des Zweiten Weltkriegs stand der Grenzort immer wieder unter Beschuss. So wurde die 1292 erstmals erwĂ€hnte HolzbrĂŒcke ĂŒber den Rhein mehrmals schwer beschĂ€digt. Sie steht noch heute als VerbindungsbrĂŒcke zwischen dem deutschen Gailingen und der Schweiz – und wird im Sommer zum Schauplatz fĂŒr mutige BrĂŒckenspringer.

Verschieben der Grenzen
Der Grenzverlauf wurde auch in der jĂŒngeren Geschichte mehrfach geĂ€ndert. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zur Zeit Napoleons dem Ersten, sollten die Grenzen schliesslich bereinigt respektive vereinfacht werden. DiesbezĂŒglich gab es verschiedene Abkommen, Notenwechsel, Protokolle und StaatsvertrĂ€ge. Die Bestrebungen blieben aber ohne Erfolg. Auch die GesprĂ€che bei den Pariser Friedensverhandlungen und dem Wiener Kongress von 1814/1815 ĂŒber die GrenzverhĂ€ltnisse zwischen dem Kanton Schaffhausen und dem Grossherzogtum Baden, dem damals einzigen Nachbarn des Kantons, brachten keine Lösung.

Erst im MÀrz 1839, nach Napoleon, gelang es, in einem zwischen der Schweiz und dem Grossherzogtum Baden abgeschlossenen Vertrag einige unhaltbare Grenzfragen zu beseitigen. «Darin wurden Gebietsabtretungen geregelt und der Grenzverlauf in eindeutiger Weise festgelegt», sagt Lucia Angela Cavegn.

Rebberge im Wandel
Die Schweizerische Eidgenossenschaft und das Grossherzogtum Baden beschlossen schliesslich 1854, dass die Landesgrenze zwischen der badischen Grenze unterhalb Konstanz bis zur thurgauischen Grenze beim ehemaligen Kloster Paradies ĂŒberall die Mitte des Rheins, beziehungsweise die Mitte des Untersees, sein solle.

Zuvor verlief die Diessenhofer Stadtgrenze oberhalb des Rebbergs auf dem Grat und reichte bis zur Gailinger Friedhofsmauer. Auf der rechtsrheinischen Seite gehörten dem ehemaligen Kloster St. Katharinental mehrere RebflĂ€chen. Diese verschwanden jedoch grösstenteils nach der Aufhebung des Klosters im Jahr 1869. Ebenfalls zugesetzt hatte den Reben die eingeschleppte Reblaus in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts sowie Zerstörungen wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs.

«Die FlĂ€chen erstreckten sich von Obergailingen bis hinunter in die Laag, Richtung BĂŒsingen», weiss die Dies­senhofer Museums­assistentin Christine Kolitzus zu berichten. Nach der Grenzverschiebung waren viele Dies­senhofer plötzlich Besitzer von Reblagen auf deutschem Gebiet.

Auch ihre Familie habe solches Land besessen, erinnert sich Christine Kolitzus. «Im damaligen Vertrag wurde explizit festgehalten, dass die StadtbĂŒrger ihre GrundstĂŒcksrechte trotz Verschiebung der Landesgrenze behalten durften.» Betroffen war vor allem die sogenannte «Setzi», eine rund vier Kilometer lange Rheinhalde von Dörflingen bis Obergailingen. Viele hĂ€tten ihre GrundstĂŒcke aber verkauft, als der Weinbau nicht mehr möglich war, so Christine Kolitzus.

Weinbau nie aufgegeben
1974 hĂ€tten aber ein Winzer und ein Schreinermeister aus Dies­senhofen auf der Gailinger Ritterhalde wieder Reben angepflanzt. Fritz Orsinger und Urs Roesch, Neffe des berĂŒhmten Diessenhofer KĂŒnstlers Carl Roesch, gefiel die Idee, dass der KĂŒnstler, der sein Atelier unten am Rheinufer hatte, von seiner Terrasse auf den Rebberg schauen und ein Glas «eigenen» Wein dazu trinken konnte. FĂŒr ihr Vorhaben trotzten sie diversen Auflagen des damaligen RebbaukommissĂ€rs. «Die Reblagen mussten neu terrassiert und quer angelegt werden», erklĂ€rt Christine Kolitzus. Das sei eine grosse VerĂ€nderung gewesen, da die Reben zuvor bis zum Wald hinauf lĂ€ngs aufgeteilt gewesen seien. «Bis zu 22 Personen hatten dort TeilstĂŒcke dicht beieinander», erinnert sie sich.

Noch heute reifen auf der deutschen Seite Trauben fĂŒr den Diessenhofer Stadtwein: eine Erinnerung an zahlreiche Verschiebungen, VertrĂ€ge und Grenzbereinigungen. Und nicht zuletzt die Verbindung zweier Orte, die zwar zwei verschiedenen LĂ€ndern angehören, geografisch und geschichtlich jedoch nahe zusammengehören.

Der bunte Vogel ennet der Grenze

Blickt man von Diessenhofen etwas weiter nach Deutschland, entdeckt man zwischen Dörflingen und Schaffhausen die deutsche Exklave BĂŒsingen. Sie ist die einzige Gemeinde Deutschlands, die gĂ€nzlich von anderem Staatsgebiet umgeben ist. Ihr kommen aber noch weitere Besonderheiten zu: Aufgrund ihrer Lage hat BĂŒsingen einen besonderen Staatsvertrag. In der Gemeinde gilt grundsĂ€tzlich deutsches Recht, jedoch ist sie in das schweizerische Zollgebiet eingegliedert. FĂŒr die Landwirtschaft gelten Schweizer Bestimmungen, und auch fĂŒr die wirtschaftliche Kriegsvorsorge ist die Schweiz zustĂ€ndig. Obwohl gesetzlich der Euro als Zahlungsmittel festgelegt ist, wird in der Praxis meist mit Schweizer Franken bezahlt.

BĂŒsingen hat eine deutsche Postleitzahl. Diese sorgte in der Vergangenheit fĂŒr viele Verwirrungen und unnötig lange Postwege. Briefe  aus der Schweiz wurden zweimal ĂŒber die Staatsgrenzen geschickt, bis sie schliesslich beim EmpfĂ€nger ankamen. Um diesem Wirrwarr ein Ende zu bereiten, sprach Kurt SchĂŒle, ein ehemaliger Schweizer Nationalrat, mit der Eidgenössischen Postdirektion in Bern und der deutschen Postbehörde. So erhielt die Gemeinde zusĂ€tzlich eine Schweizer Postleitzahl.

Eine weitere Besonderheit: Die Gemeindegrenze wird von 122 Grenzsteinen markiert, wovon jeder einzelne nicht nur Ortsgrenze, sondern auch Landesgrenze und EU-Aussengrenze darstellt. Der bekannteste sei der Grenzstein Nummer eins, wie die Gemeinde auf ihrer Website schreibt. Der sogenannte «Hattingerstein» befindet sich mitten im Rhein. Damit sei er der einzige, der in einem Fluss liege, und der Ă€lteste Schaffhauser Grenzstein ĂŒberhaupt.

Aber warum gehört BĂŒsingen dann nicht einfach zur Schweiz? Der Grund dafĂŒr liegt weit in der Vergangenheit. 1658 ĂŒbernahm Eberhard Im Thurn zu BĂŒsingen, ein österreichischer Lehnsherr, als Vogt BĂŒsingen am Hochrhein. Er wurde am 10. April 1693 nach religiösen Streitigkeiten von eigenen Familienangehörigen nach Schaffhausen entfĂŒhrt. FĂŒr die österreichische Regierung war dies ein Eingriff in die Landeshoheit. Aufgrund der EntfĂŒhrung von Eberhard Im Thurn verlor Schaffhausen die Pfandschaft ĂŒber die Reiatdörfer, zu denen BĂŒsingen gehörte. Obwohl 96 Prozent der BĂŒsinger bei einer Umfrage eine Integrierung in die Schweiz wĂŒnschten, blieb diese Forderung unerfĂŒllt. BĂŒsingen wurde von den Österreichern einbehalten, denn es sollte zum «Ärgernis der Schaffhauser auf ewig österreichisch bleiben». (jbe)

Grenzgeschichten: Das Weinland liegt ganz am Rand des Kantons und nahe zu Deutschland. Grenzen sind demzufolge allgegenwärtig. Und sie sind Thema unserer fünfteiligen Sommerserie.
Grenzgeschichten: Das Weinland liegt ganz am Rand des Kantons und nahe zu Deutschland. Grenzen sind demzufolge allgegenwärtig. Und sie sind Thema unserer fünfteiligen Sommerserie. / az

SehenswĂŒrdigkeiten und Ausflugstipps direkt an der Grenze

Ein Ausflug nach Diessenhofen, in die Thurgauer Stadt ennet dem Cholfirst, lohnt sich. Entlang des Rheinufers lĂ€sst es sich gemĂŒtlich spazieren und ausruhen, stets mit Blick auf den deutschen Nachbarn und die Reblagen und HĂ€nge (siehe Haupttext). Mutige wagen einen Sprung von der RheinbrĂŒcke in den erfrischenden Fluss, historisch Interessierte lassen sich vom StadtfĂŒhrer durch verwunschene GĂ€sschen zwischen den alten Stadtmauern fĂŒhren. Und Geniesser entspannen auf einer Schifffahrt nach Schaffhausen oder Stein am Rhein.

Im Schaarenwald bei Schlatt TG erfahren Wanderer und SpaziergĂ€ngerinnen auf dem historischen Lehrpfad viel Wissenswertes. Dieser fĂŒhrt unter anderem zu Bunkern und UnterstĂ€nden aus dem Zweiten Weltkrieg und zu den Überresten eines BrĂŒckenkopfs, der 1799 durch österreichische Truppen erstellt worden war.

Ebenfalls spannend ist ein Besuch im Diessenhofer Museum «kunst + wissen», das im Oberen Amtshaus vor 60 Jahren als Stoffdruckereimuseum eröffnet wurde. Es zeigt in der aktuellen Ausstellung «Auf TuchfĂŒhlung mit dem Kulturerbe – 60 Jahre Museum Diessenhofen» erstmals ĂŒberhaupt ĂŒber 100 der insgesamt mehr als 1000 erhaltenen Entwurfszeichnungen der ehemaligen Kattundruckerei. Die hölzernen Druckmodelle, reich verzierte rote Stoffe und Modelstecherwerkzeuge stammen aus der «Rotfarb- und Cattundruckerei». Diese wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Heinrich Hanhart und Johann Conrad Huber gegrĂŒndet.

Die Firma befand sich im heutigen MuseumsgebĂ€ude, der HĂ€nkiturm, ebenfalls eine Besonderheit Diessen­hofens, gehörte dazu und diente zur Trocknung der gefĂ€rbten TĂŒcher. Daher kommt auch der Name – und nicht etwa, wie fĂ€lschlicherweise oft angenommen, aus der Zeit, als ein GefĂ€ngniswĂ€rter den Turm bewohnte.

Wer sich bis zum FrĂŒhjahr 2023 gedulden kann, sollte die Gelegenheit nutzen, zur gleichen Zeit in zwei LĂ€ndern zu sein. Wie? Bei einem Besuch im Restaurant «Waldheim» in BĂŒsingen. Denn dort verlĂ€uft die Landesgrenze quer durch die Gartenwirtschaft. Zurzeit wird das Restaurant Renovationsarbeiten unterzogen und ist ab nĂ€chstem Jahr wieder ein beliebter Ausflugstipp fĂŒr Freunde geografischer Besonderheiten.

Diesen empfiehlt sich auch der «Exklavenweg», der beim BĂŒsinger Rathaus startet. Er fĂŒhrt zur ehemaligen RheinmĂŒhle, zum Junkerhaus, der Schiffsanlegestelle, zum Strandbad  und bis zur östlichen Aussengrenze. Dann tangiert er das nördliche Gebiet mit Bergkirche und RebgelĂ€nde und fĂŒhrt zum Ausgangspunkt zurĂŒck. (jbe)

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