Michael Moser (l.) von der Unterhaltsgenossenschaft Oerlingen hatte die Bodenprofile ausgehoben.
«Die Experten sind sich einig», verkündete Martin Zürrer und zog die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Der Ingenieur und erfahrene bodenkundliche Baubegleiter der Firma Myx stand im ersten von drei Bodenprofilen auf der Parzelle 3620 im Oerlingerried. Neben ihm Markus Güntert vom Büro für Altlasten, Boden und Umwelt (Babu) und Beat Schuler von Jäckli Geologie.
Martin Zürrer war beigezogen worden, um die Bodengutachen im Oerlingerried mit unterschiedlichen Resultaten einzuordnen oder die Autoren der Analysen auf ein Resultat abzugleichen. «Das Ziel ist ein gemeinsamer Nenner», sagte er vergangene Woche. Um den Graben herum standen Vertreterinnen und Vertreter des kantonalen Amts für Landschaft und Natur (ALN), von deren Fachstellen Bodenschutz und Naturschutz, von der Unterhaltsgenossenschaft Oerlingen sowie des Zürcher Bauernverbands, total zehn Personen.
Nutzungseignung klären
Sie alle haben ein Interesse an dieser Parzelle 3620, wenn auch aus unterschiedlichen GrĂĽnden. Im GIS-Browser ist sie aufgrund von Erhebungen nach der AufschĂĽttung von Sand in den Nullerjahren in der schlechten Nutzungseignungsklasse (NEK) 6 eingetragen. Ein Bodengutachten, das der Kanton 2024 im Rahmen des geplanten ökologischen Aufwertungsprojekts in Auftrag gegeben hatte, weist die Fläche als NEK 5 und in Teilflächen NEK 1 und 2 aus. In die Abstimmungsunterlagen vor der EinzelinÂitiaÂtiÂve zum Umgang mit Agrarland in Kleinandelfingen flossen diese Resultate nicht ein. Deshalb hat Michael Moser, Präsident der Unterhaltsgenossenschaft (UHG) Oerlingen und Kopf der am 14. Juni angenommenen Einzelinitiative, selber ein Fachgutachten erstellen lassen. Dieses attestiert der Fläche durchgehend NEK 2. Die Unterschiede sind entscheidend. Böden mit einer NEK 6 sind bedingt fĂĽr den Ackerbau geeignet, können aber fĂĽr Futterbau genutzt werden. NEK 1 bis 5 sind vollwertige Fruchtfolgeflächen.
Oben Sand, darunter Feuchtigkeit
FĂĽr die fachliche Diskussion an jenem Mittwochmorgen vor Ort hatte Michael Moser tags zuvor an vorgängig definierten Stellen drei neue Gruben ausgehoben. Zuoberst immer gut erkennbar die nachträglich ausgebrachte Ăśbersandung. DarÂunÂter ist der ursprĂĽngliche, organische Boden erkennbar, der dafĂĽr sorgt, dass in diesem Gebiet Kulturen gut gedeihen.
Im ersten Schnitt am nordöstlichen Rand fiel zwischen den Torfschichten in etwa 80 Zentimetern Tiefe eine Lehmschicht auf. Von unten hält sie das Grundwasser zurück, von oben ist sie undurchlässig gegen Oberflächenwasser. Nach kurzer Diskussion einigte sich das Experten-Trio auf NEK 3.
In den anderen zwei Profilen war die Stauschicht nicht vorhanden, der Untergrund aber grundwassergeprägt, was den Torfkörper sättigt. Sie stellten NEK 5 fest. In trockenen Jahren wäre ihm dieser Boden, weil feuchter, lieber als einer in der Klasse NEK 2, sagte jemand, die anwesenden Landwirte nickten.
Die Unterschiede zwischen den Eignungsklassen können also nicht messerscharf gezogen werden. Auf abgrenzende Linien müssen sich die Experten in einem nächsten Schritt jedoch einigen, indem sie die Resultate der Messpunkte ihrer eigenen Gutachten sowie den Augenschein vor Ort abgleichen.
Eine Karte für den GIS-Browser
Er wolle eine Karte, die zeige, «was da ist», sagte ein Vertreter der Fachstelle Bodenschutz. Nur so könnten sie die Karte der landwirtschaftlichen Nutzungseignung auf dem GIS-Browser der Realität anpassen. Von den Messpunkten die ganze Fläche zu extrapolieren, sei eine Hypothese, meinte einer der Gutachter. Es sei eine schwierige Fläche, gab der Vertreter der Fachstelle Bodenschutz zu. Eine Generalisierung sei aber üblich. So viele Proben wie auf diesem Feld würden sonst kaum gemacht.
Diese Realität sei dann die Grundlage für die weitere Projektierung auf der Fläche, wurde gesagt. Was das heisst, bietet erneut Raum für Spekulation. Für Michael Moser ist die Parzelle 3620 nun als geschütztes Kulturland festgestellt, das zwar nicht mit schweren Maschinen wie zum Beispiel einem Zuckerrüben-Vollernter befahren werden soll, aber sonst ohne Einschränkung bewirtschaftet werden kann.
Eine Frage bleibt
Werde die Fläche aber der landwirtschaftlichen Produktion entzogen, und dies sei der Fall mit der Umwandlung in eine Naturschutzzone IR (also eine geschĂĽtzte Fläche, deren Bewirtschaftung auf das Ziel einer ökologischen Aufwertung ausgerichtet wird), dĂĽrfe dies seit Annahme der InÂitiaÂtiÂve nicht der Gemeinderat veranlassen, sondern obliege der Gemeindeversammlung. «Diesen demokratischen Entscheid gilt es dann zu akzeptieren», sagt Michael Moser.
Gemeinderat und Kanton argumentierten und halten daran fest, dass keine Zweckentfremdung vorliege, da die Parzelle weiterhin landwirtschaftlich bewirtschaftet werden soll. Mit der extensiven Bewirtschaftung werde die Fruchtfolgeflächequalität der Fläche nicht beeinträchtigt.
Oerlingen: Das Ried hat eine lange und bewegte Geschichte. Vor 500 Jahren entstand aus einem natürlichen See ein Fischteich, vor 100 Jahren wurde ein Grossteil trockengelegt. Egal, was geplant war – es gab Konflikte.
Der Konflikt um Wasser und Land ist nicht neu. Derzeit plant der Kanton Zürich, das Oerlingerried wieder in ein grösseres Feuchtgebiet zu verwandeln – unter dem Protest der Landwirtschaft. Dies geschieht genau 100 Jahre, nachdem der Kanton das Gebiet im Rahmen der Melioration mit Drainagen trockenlegen liess. «In diesen Monaten geht ein Kulturwerk seiner Vollendung entgegen», war am 10. September 1926 in der «Andelfinger Zeitung» zu lesen. In einem grossen Artikel griff der Schreiber das Geschehen rund um das Oerlingerried auf, das seiner Meinung nach bis dahin in der Öffentlichkeit wenig Beachtung gefunden hatte.
«Bis tief in die Eingeweide ist der Mensch mit seinen Werkzeugen und Maschinen gedrungen, und seine Lebenssäfte vermindern sich täglich und stündlich», umschrieb er bildlich, was geschah. 14'000 Meter Drainagerohre unterschiedlicher Stärke waren für 110'000 Franken im Boden verlegt worden, um ihn zu entwässern. Mit einem Regulator konnte der Grundwasserspiegel des entwässerten Gebiets gehoben und gesenkt werden – bis tief unter das Dorfniveau.
Keine leichte Arbeit
«Es war kein leichtes Stück Arbeit, dieses Jahrhunderte alte Moor- und Weihergebiet seinem Trägheitszustand zu entreissen und daraus fruchtbares Kulturland zu entwickeln. Der Oerlingerweiher ist nicht nur eine Grundwassersammelstelle, wie kaum eine zweite in der Nordschweiz, sondern er bildet auch gleichzeitig das Durchgangsgebiet zweier nicht unbedeutender Wasserläufe.» Es gab damals fünf Seen zwischen Ossingen und Oerlingen.
Bis zu dieser Trockenlegung, die bereits 1924 von der Zivilgemeinde Oerlingen beschlossen worden war und laut der Stauber-Chronik bis 1929 vollendet wurde, hatte sich auf dem Weiher im Winter ein «prächtiges Eisfeld» gebildet.
Konflikt mit langer Vorgeschichte
Bis dahin lag bereits eine bewegte Geschichte hinter dem Gewässer. Gemäss der Stauber-Chronik war der Weiher über Jahrhunderte hinweg der grösste See der Gegend. Er hatte sich als Folge der Eiszeit in einer Kuhle eines von Moränen umgebenen Gebiets gebildet. Durch Verlandungen und Ablagerungen wurde er kleiner und war im 15. Jahrhundert zu einem Ried geworden.
Abt Hug plante 1429, auf dem GrundstĂĽck der Abtei Rheinau einen See fĂĽr die Fischzucht anzulegen. Die Inhaber des Vogtrechts der Gegend befĂĽrchteten, durch die Anlage eines grosÂsen Weihers wĂĽrden ihre GĂĽter geschädigt. 1430, nach einem langen Rechtsstreit, wurde entschieden, dass der Weiher gebaut werden durfte – unter Sicherung des Vogtrechts. Dies bedeutete, dass er, falls das Wasser die GĂĽter schädigen wĂĽrde, innerhalb kurzer Frist zurĂĽckgebaut werden mĂĽsste.
Damit waren die Gegner noch nicht zufrieden und zogen den Streit weiter. Erst 1437 erhielt die Abtei endgültig die Erlaubnis zum Bau des Weihers. Diese neue Wasserfläche, Oerlinger See genannt, hatte eine Fläche von 38 Hektaren. Später wurde er für die Trinkwasserversorgung von Oerlingen genutzt.
Bis 1824 war der Weiher im Besitz des Klosters. Als dieses den Weiher an die Gemeinde verkaufen wollte, lehnte diese zunächst ab. Um eine Veräusserung in fremde Hände zu vermeiden, kaufte Bezirksrat Johannes Moser ihn für 4000 Gulden und gab ihn zum selben Preis an die Gemeinde weiter, die erst jetzt den Wert erkannte.
1831 wurde der Damm durchstochen
Da die Abflussverhältnisse unbefriedigend waren und der Weiher oft die angrenzenden Gebiete überschwemmte, waren Weiden und Torfgebiet seit 1770 nicht mehr nutzbar. Dies wollte die Gemeinde ändern, nachdem sie den Weiher gekauft hatte. Sie liess deshalb den Damm 1831 durchstechen und einen Kanal bauen. Der Weiher blieb aber weiter für die Fischzucht nutzbar.
Das Abfliessen und Entleeren des Weihers sorgte wiederum für Unmut – diesmal in der Gemeinde Marthalen und bei den dortigen Müllern, da es dort zu Überschwemmungen führte. In einem Prozess wurde Oerlingen verpflichtet, den Damm zu unterhalten, die Fischzucht weiter zu betreiben und den Weiher nur alle drei Jahre komplett abzulassen.
Durch den Kanal wurden die Ufergebiete aber wieder nutzbar, für Vieh und den Torfabbau – eine gute Einnahmequelle für die Gemeinde. Und doch wurde der Weiher zur Gewinnung weiteren Kulturlands trockengelegt, was vielen kleinbäuerlichen Familien zugutekam. Das Aussehen dieser Gebiete veränderte die Landschaft nachhaltig.
Kanal machte Land nutzbar
Über diese Auswirkungen informierte die «Andelfinger Zeitung» im bereits erwähnten Artikel: «Mit dem Oerlingerweiher verschwindet ein Gebiet in unserem Bezirk, das in botanischer Hinsicht viel Interessantes geboten hat. Die Flora dieses feucht-heissen Moor- und Torfbodens war für die Gegend exotisch und sonst nur auf der Schwäbischen Alb oder in Donaugebieten zu finden.» Der Autor schwärmte auch von der Vielfalt der Vögel, die sich im Sommer im Schilfdickicht aufhielten, darunter Kiebitz und Girlitz. Er schrieb von Zugvögeln im Winter und erwähnte die Schneegans. Und vom Storch, der bereits 1926 deutlich seltener zu finden war. «Und so ändert sich mit dem Verschwinden des Oerlingerweihers eine wohlbekannte Gegend, deren Wirkungskreis vor genau 500 Jahren erschlossen wurde und die auch gleichzeitig zum Zankapfel hoher kirchlicher Würdenträger und ehrgeiziger weltlicher Machthaber geworden ist.» Oder geblieben ist. (cs)
Bild unten (cs): 1667 gab es noch deutlich mehr Seen zwischen Oerlingen und Ossingen.
Wie sich Bodenexperten eichen