Weinland

Wieder eine Chance verpasst

Den neuen Dreifachkindergarten lässt die Gemeinde zum Teil mit Holz bauen. Aber nicht mit Fichten aus dem Kohlfirstwald, sondern aus Ost­europa. Der Revierförster versteht die Welt nicht mehr.

von Roland Spalinger
26. Februar 2021

Matthias Bürgin ist masslos enttäuscht. Der neue Dreifachkindergarten wird nicht mit Holz aus dem Kohlfirstwald gebaut, obwohl sich der Förster sehr für diese Lösung eingesetzt hatte. Im Sommer, nach dem Volks-Ja am 9. Februar 2020 an der Urne zum 9,35-Millionen-Franken-Kredit «Neubau Dreifachkindergarten und Erweiterungsbau Schulhaus Stumpenboden», aber noch vor dem Holzschlag machte er sich bei der siebenköpfigen Baukommission stark und fragte nach der benötigten Menge.

Eine offizielle Absage hat er bis heute nicht erhalten. Aber mittlerweile die Gewissheit, dass «leider wieder eine Chance verpasst wurde», wie er sagt. Erst Mitte Februar, dreieinhalb Monate nach dem Spatenstich («AZ» vom 2.10.2020) und nachdem sich die Flurlinger Verwaltung als Sitz des gemeinsamen Forsts Kohlfirst Nord ein weiteres Mal nach dem Stand der Dinge erkundigt hatte, kam die Antwort, dass «definitiv nicht» hiesiges Holz verwendet werde.

Für den Bau hätten 600 Kubikmeter Rundholz abgesetzt werden können, fast eine durchschnittliche Jahresnutzung von Feuerthalen. Förster Bürgin hätte auch die Botschaft gefallen: Ein Kindergarten, gebaut mit Holz aus dem nahen Wald. Und die nach Stürmen und Borkenkäferbefall geschädigte Forstkasse der Gemeinde wäre ebenfalls leicht entlastet worden. Feuerthalen setze bei der Vergabe von Aufträgen wenn möglich gezielt auf lokale und regionale Anbieter, sagt Forstreferent Michael Trachsel (SVP). «Aber nicht zu jedem Preis» (siehe Interview).

In Stein am Rhein ging es
Beim ganzen 9,35-Millionen-Projekt schlägt der Holzbau mit 1 Million Franken zu Buche. Gesichert hat sich den Auftrag die Firma Blättler Holzbau aus Affeltrangen. Diese hat keine eigene Produktion und hat mit der Sägerei Konrad Keller AG aus Stammheim, die regelmässig Abnehmerin von Holz aus dem Kohlfirstwald ist, beim Bau der Sporthalle Stein am Rhein zusammengearbeitet. Zum Einsatz kam dort, wie von der Gemeinde verlangt und von der Firma Keller verarbeitet, Rundholz aus dem Steiner Wald.

Bei der Submission der Kindergärten verpasste es die Gemeinde, eine ähnliche Vorgabe zu machen, weshalb sich die Firma Blättler aus ihrem üblichen Kanal aus dem Ausland beliefern lässt. Trotzdem wurde nachträglich eine Variante mit Kohlfirstholz gerechnet. Die Mehrkosten beziffert Matthias Bürgin auf 30 000 Franken. Auf der anderen Seite hätte die Gemeinde durch den Holzverkauf auch Einnahmen gemacht, sagt der Förster, und geht tatsächlich noch von 5000 Franken mehr aus.

Es gehe «primär nicht um die Kosten», sagt Tonino D’Ascanio, Gemeinderat (GLP) und Präsident der Baukommission, sondern um Arbeitsabläufe. «Wir können nicht in einen Prozess eines gros­sen Holzverarbeiters eingreifen.» Der Lieferant würde dann Abstriche bei der Garantieleistung machen. Dessen Produkte «erfüllen Qualitätsrichtlinien, die bei ‹unserem› Holz leider nicht erfüllt sind», sagt er (siehe Interview).

Gisela Keller: «Erfüllen Qualität»
Ersteres kann Gisela Keller von der gleichnamigen Sägerei verstehen. Ein Eingriff in eine funktionierende Lieferkette mit eingespielten Mechanismen mache eine Sache komplizierter. Und, wenn dies nachträglich geschehe, auch teurer. Aussagen bezüglich fehlender Garantie oder, noch schlimmer, mangelnder Qualität empören sie. Schweizweit würden Bauten aus Schweizer Holz realisiert, und «natürlich müssen dabei die europaweit gültigen Qualitätsansprüche erfüllt werden».

Auch aus ihrer Sicht passierte der Fehler schlichtweg am Anfang. Die öffentliche Hand hätte bei der Ausschreibung Holz aus Schweizer Wald, wenn nicht vorschreiben, so doch als zu rechnende und abzuwägende Variante, erwähnen müssen. Oder sie müsste den Bereich Ökologie mehr gewichten. Dann wäre «automatisch klar», dass Holz mit Transporten aus Osteuropa «früh raus» wäre (ein LKW lädt 40 Kubikmeter), sagt Gisela Keller. Mit dem Preis, den sie für die Rundhölzer bezahlt hätten, hätten die Gemeinden wenigstens die Erntekosten decken können.

Förster bedauert fehlende Lobby
Als nach Stürmen und wegen dem Borkenkäfer Holz nach China verschifft wurde, musste auch Matthias Bürgin Kritik einstecken. Nun dreht er den Spiess um: Er hat in diesem Fall die Öffentlichkeit gesucht. Dass der Wald in der Gemeindebehörde keine Lobby hat, schmerzt ihn. Ebenso, dass Argumentationen von Grossunternehmern scheinbar blindlings übernommen und unnötige Transporte einfach in Kauf genommen werden. Auf der Strecke blieben regionale Wertschöpfung sowie der Erhalt von Arbeitsplätzen, bedauert er.

Beim Bau der neuen Freizeitanlage in Feuerthalen kürzlich schaffte er es gerade noch, dass bei der Aussenfassade Holz aus seinem Revier verbaut werden konnte. Für die für den Kindergarten trotzdem parat gemachten Fichten muss er nun andere Abnehmer finden.

Risiko nicht verantwortbar gewesen
Herr D’Ascanio, laut dem Förster hätten für den Dreifachkindergarten 600 Kubikmeter Rundholz verwendet werden können, eine Jahresnutzung von Feuerthalen. Was ist der Grund, nicht auf die Verwendung der eigenen vorhandenen und nachwachsenden Ressource zu setzen?

Tonino D’Ascanio: Ab Beginn des Bauprojektes hat die zuständige Baukommission, auch im Auftrag des Gesamtgemeinderates von Feuerthalen, den Einsatz und die Verwendung von Holz aus dem Gebiet Kohlfirst Nord angeregt und zusammen mit den ausführenden Firmen mehrfach geprüft. Gescheitert ist die Lieferung an den hohen Qualitätsanforderungen für Bauholz. Keine der ausführenden Firmen hätte Garantien für die Ausführung übernommen. Dieses Risiko hätte die Gemeinde nicht verantworten können.

Die Einheimischenlösung wäre 30 000 Franken teurer geworden, was 0,75 Prozent der Gebäudekosten von 4,04 Millionen Franken ausmacht. War­um muss sich das die Gemeinde nicht leisten?
Der Preis war nicht ausschlaggebend. Die Holzverarbeitungsprozesse der ausführenden Firmen sind auf Halbfertigprodukte aus dem europäischen Holzmarkt ausgerichtet. Die Produkte erfüllen Qualitätsrichtlinien, welche bei «unserem» Holz leider nicht erfüllt sind.

Welche Verantwortung hat die Gemeinde, in gewissen Fragen eine Vorreiterrolle einzunehmen, z. B. bei der Verwendung von eigenem Käferholz?
Die Gemeinde Feuerthalen prüft, in enger Absprache mit dem zuständigen Förster, jede sich bietende Möglichkeit, «Käferholz» sinnvoll einzusetzen. Die prekäre Si­tua­tion auf dem Schweizer Holzmarkt lässt allerdings aktuell nicht viele Optionen zu. Einzig der Wille der Gemeinde reicht nicht aus, um die bestehende Marktsi­tua­tion (europaweites Überangebot) oder die aktuellen Holzverarbeitungsprozesse, im Sinne der erwünschten Nachhaltigkeit, verbessern zu können.

In der Ener­gie­beilage der «Schaffhauser Nachrichten» kürzlich schwärmen Sie für Holz aus dem Hallauer Wald – zum Verbrennen im Wärmeverbund. Was halten Sie vom einheimischen Holz als Baustoff?
Im Sinne einer gesamtheitlichen Nachhaltigkeit ist einheimisches Holz als Baustoff in der Baubranche anzustreben. Voraussetzung ist aber ein Angebot, welches qualitativ den Bedürfnissen des modernen Holzbaus entspricht. Dies ist heute zu unserem Bedauern (noch) nicht der Fall.

(Interview: Roland Spalinger)

«Erkenntnis ist bedauerlich»
Herr Trachsel, wieder wird kein Holz aus «Ihrem» Wald verbaut. Was sagen Sie als Forstreferent dazu?
Michael Trachsel: Die Si­tua­tion zeigt, dass die Schweizer Holzproduktion und -verarbeitung nicht dar­auf ausgerichtet ist, lokale Baustoffe zu verwenden. Diese Erkenntnis ist bedauerlich und zeigt, dass Angebot und Nachfrage im Holzmarkt noch einiges unternehmen müssen, um das Ziel von Nachhaltigkeit und kurzen Wegen zu erreichen.

Wie wurde der Forst miteinbezogen?
Der Forst resp. die Forstkommission Feuerthalen-Flurlingen hat ab Beginn des Projekts zuhanden der zuständigen Projektkommission beantragt, den Einsatz von Holz aus dem Gebiet Kohlfirst Nord in Erwägung zu ziehen. Die Prüfung der Baukommission unter Beizug von Experten hat leider ein negatives Ergebnis gebracht. Auf Wunsch der Forstkommission wurde ein Wiedererwägungsantrag im Gemeinderat intensiv diskutiert. Weil die Qualität über die gesamte Lieferkette nicht gewährleistet werden kann, musste der Gemeinderat als Bauherr nach sorgfältiger Risikoabwägung am Entscheid der Baukommission festhalten.

Welchen Spielraum oder welchen Trumpf hätte der Forst noch spielen können?
Die bestehenden Produktionsprozesse der Holzverarbeitung sind auf Halbfertigprodukte aus dem europäischen Markt ausgerichtet. Will man in diesen Markt einsteigen, müssen die Produkte die Qualitätsansprüche der schweizerischen Holzbauer erfüllen. Dazu müssen die Unternehmen miteinbezogen werden, die die Halbfabrikate herstellen und für die Qualität geradestehen.

Bei der Freizeitanlage wurde nachträglich bei der Verkleidung auf Holz vom Kohlfirst gesetzt. Welche Lehren zog der Forst aus der damaligen Erfahrung?
Auch beim Bau der Freizeitanlage wurde der beauftragte Unternehmer aufgefordert, Kohlfirstholz zu verwenden. Er hat die Ausführung für die Konstruk­tion ebenfalls abgelehnt. Einzig die Fassadenverkleidung mit Holzlatten konnte mit Holz aus unserem Wald realisiert werden. Bei den Kindergärten besteht die Fassade aber nicht aus Holz und steht somit nicht zur Diskussion beim aktuellen Bauvorhaben.

Zählt Schweizer Qualität in Feuerthalen?
Feuerthalen setzt bei der Vergabe von Aufträgen wenn immer möglich gezielt auf lokale und regionale Anbieter – aber nicht zu jedem Preis. Die Verantwortung ge­gen­über dem Volk und den Steuerzahlenden verlangt ein stetes Abwägen. Wir sind durchaus bereit, für Nachhaltigkeit und Schweizer Qualität situativ auch etwas mehr zu bezahlen. Leider ist es aber nicht immer möglich, das aus ökologischer Sicht Notwendige in der eigenen Region zu bekommen, weil es der Markt schlichtweg nicht anbietet.

Was unternimmt der Forst Feuerthalen, um Käferholz abzusetzen?
Die Si­tua­tion am Holzmarkt bietet aktuell nur wenig Spielraum. Auf Empfehlung und in Absprache mit dem Förster wird jeweils entschieden, wie mit vorhandenem Käferholz verfahren wird. Mittel- und langfristig prüfen wir aber in der Gemeinde bei der Umsetzung der CO2- und Ener­gie­strategie von Bund und Kanton auch den gezielten und nachhaltigen Einsatz von lokalem Holz.

(Interview: Roland Spalinger)

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