Weinland

Zwei Gemeinden, ein Schulleiter

Ab dem Sommer ist Schulleiter Heiner Widmer an zwei Schulen anzutreffen. Das Ziel: dass die beiden Standorte näherrücken und voneinander profitieren können.

von Jasmine Beetschen
31. Mai 2023

Wenn morgens die Schulglocken läuten und die Kinder hereinströmen, sitzt Heiner Widmer bereits an seinem Schreibtisch im Untergeschoss des Primarschulhauses in Trüllikon. Von dort aus leitet er die Schule, und das schon seit 15 Jahren. Noch länger ist er Lehrer – seit 22 Jahren unterrichtet er vor allem die 5. und 6. Klasse. Von dieser Tätigkeit wird er sich aber aufs neue Schuljahr hin verabschieden. Denn ab dann ist der Schaffhauser nicht mehr nur Schulleiter in Trüllikon, sondern auch in Benken.

«Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge», sagt Heiner Widmer. Das weinende, weil er mit der neuen Aufgabe nicht mehr als Klassenlehrer arbeiten wird. Das Unterrichten werde ihm fehlen, vor allem der direkte Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern. «Ich bin mit Leib und Seele Lehrer, und nach 22 Jahren Tätigkeit tut es schon weh, das Schulzimmer zu verlassen. Neben dem Unterrichten werden mir gemeinsame Aktionen wie die Kürbisbeleuchtung, Klassenlager oder das gemeinsame Waffelbacken fehlen.»

Ein strenger, aber schöner Beruf
Mit seiner Doppelfunktion seien aber zu seinen Aufgaben als Leiter viele weitere dazugekommen, wie Zeugnisse schreiben, Stundenpläne erstellen, Elterngespräche führen sowie Sekübertritte vorbereiten. «13 Wochen Ferien, fünf nach drei Uhr die Schule aus und etwas Unterricht vorbereiten: So ist es nicht, auch wenn das viele denken», sagt er über seinen Job. Es sei ein strenger Beruf – schön, aber streng.

Dass er bald nicht mehr als Lehrer tätig sei, werde eine Entlastung ermöglichen und gleichzeitig eine Doppel­belastung der anderen Art schaffen. «Oft war ich auch am Sonntagabend in der Schule, um den Unterricht für den Montag vorzubereiten, da ich während der Woche neben den Aufgaben als Schulleiter schlicht keine Zeit fand. Das fällt ab dem Sommer weg, wofür ich dankbar bin.» An zwei Schulen gleichzeitig zu arbeiten, verlange jedoch Flexibilität und Organisation. «Zwei Gemeinden, zwei Behörden, zwei Konzepte – das darf man nicht unterschätzen.» Doch er freue sich auf die Zukunft und die neuen Herausforderungen, die auf ihn zukämen.

Voneinander profitieren …
Für die Zukunft hofft er, dass die beiden Standorte voneinander profitieren können. Erfahrungen auszutauschen oder zum Beispiel Konzepte für die jeweils andere Schule zu übernehmen und so einen Gewinn für beide Standorte schaffen zu können, ist sein Ziel. Vor ein, zwei Jahren habe es bereits einen verstärkten Austausch gegeben, da sechs Kinder von Benken nach Trüllikon in den Kindergarten kamen. Auch das Lehrerteam pflege bereits Kontakte untereinander. «Damit sollte mir der Einstieg etwas leichterfallen.»

In Benken habe es in den letzten Jahren immer wieder Wechsel gegeben. Daher möchte er der Schule eine Kons­tante geben. «Ich bin schon 15 Jahre Schulleiter in Trüllikon. Beweis genug, dass ich gerne länger an einem Ort bleibe.» Was ihn am Amt des Schulleiters am meisten reize, sei die Möglichkeit, die Schule weiterentwickeln zu können. Aber stets in einem sinnvollen Mass: «Veränderungen sind gut, aber sie sollen nicht nur um der Veränderung willen geschehen. Sie sollen einen Sinn und Nutzen haben und die Schule effektiv weiterbringen», ist der 45-Jährige überzeugt.

… und gemeinsam wachsen
Zwei Herausforderungen für die beiden Schulen seien klar die Digitalisierung und die schwankenden Schülerzahlen. In Trüllikon besuchen im Moment rund 70 Kinder die Primarschule. «Das sind so wenige wie noch nie», erklärt Heiner Widmer.

Doch das variiere je nach Jahrgang, für die nächsten Jahre sehe es bereits wieder anders aus. So auch in Benken, wo etwa ähnlich viele Kinder den Unterricht besuchen. Dort steige die Zahl jedoch stetig an und fordere den Betrieb stark heraus, vor allem im Hinblick auf genügend Räume (AZ vom 20.12.2022).

Neben Schulraumerweiterungen und Klassengrössen sei dabei auch der Lehrermangel ein omnipräsentes Thema. «Die Suche nach neuen Lehrerinnen und Lehrern ist schwierig, das ist ein grosses Thema überall in der Schweiz», weiss Heiner Widmer. Im Weinland habe sich dies jedoch zum Glück noch nicht so stark bemerkbar gemacht wie zum Beispiel in städtischen Schulen. Für die Stelle im Trülliker Kindergarten konnte zum Beispiel innert kürzester Zeit jemand Neues gefunden werden, was ihn positiv überrascht habe.

Im Kanton Zürich allein seien schon rund 400 offene Stellen ausgeschrieben, die Thematik sei also mehr als aktuell. «In unserer Region sind aber fast alle Stellen besetzt, was erfreulich ist und auch für unsere Schulen hier im Weinland spricht.»

Ein positives Hin und Her
In seiner neuen Doppeltätigkeit möchte Heiner Widmer «seine» beiden Schulen weiterbringen und ihre Attraktivität weiter fördern. Er werde versuchen, möglichst verteilt über die Woche an beiden Orten anzutreffen zu sein, um so einen möglichst engen Bezug zu Kindern, Lehrer- und Elternschaft zu erreichen. «Es wird sicher ein Hin und Her, aber ich möchte es einfach einmal probieren. Präsent zu sein in beiden Schulhäusern, ist unerlässlich, sonst verliert man den Kontakt, wird anonym.» Das wolle er unbedingt vermeiden.

Auf die vergangenen Jahre im Amt des Schulleiters in Kombination mit der Anstellung als Klassenlehrer blicke er positiv zurück und sei guter Dinge, dass er die neue Aufgabe gut meistern und einiges bewirken werde. Vor allem, da seine Leidenschaft ganz der Betreuung der Schulen und Kinder gehöre. Denn der Beruf fordere nicht nur einiges, sondern gebe vor allem auch viel. «Langweilig wurde mir in den ganzen Jahren an der Schule noch nie, und ich bin überzeugt, dass es auch in der Zukunft spannend bleiben wird.»

Umso mehr, wenn man zwei Schulen gleichzeitig fĂĽhre, meint er mit einem Schmunzeln.

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