Büchergruften? Begegnungszonen!

Stammheim - Bibliotheken sind verstaubte Archive? Zürcher Gemeindebibliotheken sicher nicht! Monika Gross übergibt Ende Juni ihrer Nachfolgerin Sara Räss einen ganz anders aufgestellten Betrieb, als sie 2011 angetreten hatte – das wird im Interview klar.

Silvia Müller (sm) Publiziert: 22. Mai 2026
Lesezeit: 5 min

Fangen wir bei Ihnen an, Monika Gross: Hat sich in Ihren 23 Jahren als Bibliotheksleiterin irgendetwas verändert?

Monika Gross (MG): Fast alles! 2003 übernahm ich die Leitung der Schul- und Gemeindebibliothek Ossingen mitten im grossen Umbruch: Die Zürcher Bildungsdirektion wollte damals weg vom Image der verstaubten Bücherlager mit Literatur, die niemanden anlockte. Unser Auftrag war klar: attraktiv werden, ein gemischtes Publikum anziehen und es halten. Mit top­aktuellen Büchern und Spielen, mit damals modernen Medien wie CDs und DVDs und mit Begleitveranstaltungen. Das haben wir in Ossingen umgesetzt. Bald kamen Sofas hinzu. Die Bibliothek wurde so zum beabsichtigten «dritten Ort» – also zum Ort für Begegnungen und Verweilen ohne Konsumzwang. Im 2006 eröffneten Schulhaus Pünt zogen wir entsprechend zentral ins Erdgeschoss.  

Klingt nach einem tollen Arbeitsort … warum dann der Wechsel nach Stammheim schon 2011?

MG: Ehrlich gesagt wurde ich abgeworben. Stammheims Bibliothek war zwar doppelt so gross, aber eben noch kein «dritter Ort». Dieser Aufgabe konnte ich nicht widerstehen. Ossingen war fertig entwickelt und lief rund, aber hier konnte ich Schwung reinbringen und etwas verändern. Sara war schon lange im Team, als ich die Leitung antrat, und ist seit eineinhalb Jahren meine Stellvertreterin.  

Sara Räss, jetzt ist Ihr Moment da: Werden Sie viel umkrempeln, sobald Monika im Juni den Stab übergibt?

Sara Räss (SR): Warum denn? Die Bibliothek ist beliebt bei den Nutzern und ein guter Arbeitsplatz. Monika hat zusammen mit dem Team konstant auf diese Ziele hingearbeitet. Seit 2020 ist die Politische Gemeinde die Trägerschaft, und ab 2027 sind wir alle nicht mehr im Stundenlohn, sondern fest angestellt. Das ist attraktiver. Wir werden die Vollstelle ab 2027 von vier auf drei Personen konzentrieren: 50 Prozent für die Leitung und je 20 und 30 Prozent für die Mitarbeitenden. Für noch kleinere Pensen interessiert sich kaum mehr jemand.

Was genau macht das Team ausserhalb der Öffnungszeit von 16 Stunden pro Woche?

MG: Wir halten rund 9500 Medien bereit und erneuern sie regelmässig, dafür haben wir ein Budget von 17'000 Franken. Das Auswählen und Bestellen ist aufwendig. Wir informieren uns ständig über Neuerscheinungen und Trends, und das auf allen angesagten Kanälen. Wenn wir mal einen Hype auf «BookTok» verschlafen, werden wir schnell darauf angesprochen! Unter der Woche öffnen wir zudem speziell für die Schulklassen. Dann sind bis zu 20 Kinder im Raum, und er ist kein bisschen zu gross.

SR: Am Samstagmorgen ist aber auch immer viel los! Dann kommen ganze Familien und decken sich fürs Wochenende mit neuem Material ein, und viele nehmen sich Zeit und belegen die Sofas. Der Samstag ist mein Lieblingseinsatz. 

Welche Medien fliegen raus, welche kommen neu rein? Wer entscheidet das?

MG: Ganz klar: wir selbst! (sie lacht). Sicher, wir kennen unsere Stammkunden und wissen schon beim Sichten der Neuerscheinungen, welche Nutzerinnen und Nutzer sich darauf stürzen werden – ihnen diese Freude zu machen, zählt zu den schönsten Momenten der Arbeit. Überhaupt gehen viele Kinder und Erwachsene als Erstes zum Gestell mit den Neuerscheinungen. Wenn der interessante Titel schon weg ist, reservieren sie ihn sich. Das Neueste früh zu lesen, ist bei regelmäs­sigen Nutzern eine Art Sport.
 
SR: Wenn Titel lange nicht mehr ausgeliehen wurden, ersetzen wir sie deshalb durch Neuerscheinungen, der Platz ist ja begrenzt. Sachbücher altern inhaltlich meist auch sehr schnell, da müssen wir aktuell bleiben. Andererseits gibt es Dauerbrenner, die wir wegen Abnutzung  alle paar Jahre neu anschaffen müssen. Harry Potter, Globi und Papa Moll kommen offenbar nicht aus der Mode. Anderes schon. 

Was ist aus dem Sortiment geflogen?

SR: Hörbücher für Erwachsene führen wir nicht mehr. Auch CDs und DVDs werden kaum mehr ausgeliehen, viele Familien haben gar keine Geräte mehr dafür und streamen diese Inhalte. Andererseits sind jahrzehntelang beliebte Figuren verschwunden, die der neuen Generation Mütter nicht mehr vertraut sind: Chasperli und Pumuckl sind nicht mehr am Start. Jetzt gerade fahren die Kinder auf «Paw Patrol» ab, eine kanadische Trickfilmserie über Rettungshunde. Damit wird auch auf Papier, als Hörspiel, Spielsachen, auf Kleidern und alle erdenklichen Arten Geld verdient.

MG: Bis 2019 waren wir auch eine Ludothek. Seither verleihen wir keine Spielsachen mehr, aber noch rund 300 Brett- und Kartenspiele, die vom Format her in die Gestelle passen. Die Kombination von Ludothek und Bibliothek war ein paar Jahre lang modern, um Familien anzuziehen und für die Bibliothek zu gewinnen. Doch sie war für beide Nutzergruppen nicht ideal, und wir brauchten mehr Platz für die Schulklassen. 

Die Leihmedien haben sich also verändert. Die Nutzer nicht?

MG: Doch, und wie! Sie sind klar anspruchsvoller geworden, was die Dienstleistungen angeht. Besonders Corona und die Nutzer-App haben unsere Arbeit verändert. Nach dem Lockdown war das Bedürfnis nach mehr Sitzmöbeln gross, plötzlich wollten viele verweilen. Während der Schlies­sung hatten wir Bestellungen gratis ausgeführt, und danach wollte niemand mehr dafür bezahlen. Gleichzeitig kam die bequeme App. Seither müssen wir weit mehr Reservationen vorbereiten, und das gratis. Unser Rad dreht sich schneller: Man bestellt vor und holt ab.
 
SR: Stimmt, doch diese App ist sensationell und bringt uns deutlich bessere Nutzungszahlen! Und für Mahnungen brauchen wir kaum noch Zeit, seit die Nutzer die Übersicht haben und mit einem Klick verlängern können …