Weinland

Dorfcharakter auf dem letzten Bauland

Kaum sind auf dem zweitletzten freien Areal die Bagger aufgefahren, geht auch auf der letzten Baulandreserve etwas: «Im Laufen» heisst das Gebiet am Bahngleis, wo 53 Wohnungen erstellt werden.

von Roland Spalinger
30. April 2021

Der Spruch war prägnant, stimmte aber nicht: «Zürich ist gebaut», sagte Stadträtin Ursula Koch 1988. «Meh hämmer nüme», sagte der Andelfinger Gemeindepräsident Hansruedi Jucker in den letzten Jahren regelmässig. Er erklärte dies jeweils, wenn er an Versammlungen Rechnungsabschlüsse kommentierte, die wegen höherer Grundstückgewinnsteuern besser ausgefallen waren als budgetiert. Dann mahnte der Präsident und Finanzvorsteher, dass die Baulandreserven begrenzt und nur noch zwei grössere Areale frei seien. Mehr hätten sie eben nicht.

Diesen Spruch kann er nun nicht mehr bringen. Auf dem Land des ehemaligen Hofs von Otto «National» Bretscher sind zwei Projekte bewilligt und bereits im Bau («AZ» vom 16.4.2021). Und am südwestlichen Dorfrand zeichnet sich die nächste Grossbaustelle ab. Im März hat sich die Zürcher DMEN Development AG das knapp 10'000 Quadratmeter grosse Areal «Im Laufen» (Steinacker) gesichert. Heute Freitag läuft die Auflagefrist ab. Baurechtsentscheide sind laut Bausekretär Leo Rolli «etliche» verlangt worden.

Offenheit wird geschätzt
Das Verlangen des Baurechtsentscheids ist die Legitimation für einen möglichen Rekurs. Mit Nachbarn ist Bauherr Danilo Menegotto bereits im Gespräch. Man kläre Details, sagt er. Dies, nachdem sie ihr Projekt den Anwohnern an einem Tag einzeln vorgestellt haben. Ihre Offenheit sei sehr positiv aufgenommen worden, sagt er mit schönem Bündner Dialekt.

9764 Quadratmeter gross ist die halbrunde Parzelle zwischen Altweg und Bahngleis, auf der zweigeschossige Bauten (plus Dach) möglich sind. 70 Prozent davon werden ausgehoben für die Tiefgarage mit 70 Plätzen und Zugang zu allen 53 Wohnungen in den dar­über entstehenden sieben Häusern. Erschlossen ist die Überbauung über die Reitplatzstrasse und den Kellenweg.

Das Projekt stammt aus der Feder des Architekturbüros Meyer Stegemann aus Schaffhausen. Mit Florian Stegemann ist Danilo Menegotto schon lange bekannt, Andelfingen aber kannte er nicht. «Erst beim Besuch sah ich, wie schön es hier ist», schwärmt er. Es sei denn auch klar gewesen, dass sie «etwas hinstellen, das dem Dorfcharakter entspricht, und nicht einfach etwas Quadratisch-Praktisches».

Das sei auch der Wunsch des Landbesitzers gewesen. Mit Satteldächern in verschiedenen Höhen, Neigungen und nach baulicher Tradition des Orts mit Holzfassaden, Laubengängen sowie schönen Aussenbereichen werde dies «sehr gelungen» erreicht, findet Danilo Menegotto. Gebaut wird im Miner­gie­-Label, geheizt mit Erdwärme, und Warmwasser wird mit Photovoltaik aufbereitet. Für die Parzelle war gemäss dem Gestaltungsplan ein Lärmgutachten nötig sowie ein möglicher Ausbau der Bahnlinie auf Doppelspur zu beachten, was laut Bausekretär Leo Rolli erfüllt ist.

Vier der sieben Gebäude sind längs angeordnet. Jedes besteht aus drei leicht versetzten Baukörpern mit je sechs Mietwohnungen (total 24), über die raffiniert quer ein Giebel verläuft. Quer stehen die drei Gebäude mit den 29 Eigentumswohnungen. Die Nachfrage nach Stockwerkeigentum sei gross, sagt Danilo Menegotto. Aber bloss dieses Segment abdecken wollten sie nicht. Gerechnet wird mit einer Bauzeit von 20 bis 22 Monaten, Baubeginn soll noch in diesem Jahr sein.

Reservezonen bleiben grün
Aber auch damit wird Andelfingen nicht fertig gebaut sein, wie auch Zürich vor 33 Jahren nicht fertig gebaut war. Innere Verdichtung steht an – was das bedeuten kann, ist bald in der Nähe der beiden anstehenden Grossbaustellen im Dorfzentrum und am Rand der Bauzone zu sehen: Im Ursprung wird ein Reiheneinfamilienhaus um eine vierte Partie erweitert, und auf der 2650 Quadratmeter grossen Parzelle ob der Gass 8 oberhalb des Bahnhofs wird das Ein- durch ein Mehrfamilienhaus mit Tiefgarage ersetzt.

Reservezone bleiben die Areale Ifang (16'000 Quadratmeter) an der Reitplatzstrasse sowie Chrottenbuck (18'000 Quadratmeter). Der Begriff sei trügerisch, sagt Leo Rolli. Denn einfach aktivieren lasse sich diese Reserve nicht. Eine Umzonung bedürfe einer Revision der Bau- und Zonenordnung.

Eine solche Revision steht in Andelfingen zwar an, Änderungen bei den Reservezonen sind laut Gemeindepräsident Hansruedi Jucker aber «nicht vorgesehen». Dem vorausgehen würde ein etwa drei Jahre dauernder Prozess mit unrealistischen Chancen. Seit der Annahme der Kulturlandin­itia­ti­ve 2012 sind im Kanton Zürich kaum mehr Einzonungen möglich.

Info zum Zonenplan: https://map.ingesa.ch

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