Weinland

Ein bezaubernder 7000stel Millimeter

Hauchdünne Goldblätter machen sogar – oder gerade – Triviales zum Blickfang. Doch das Vergolden erfordert Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Wie es geht, erklärt der Profi Soner Ergül von der Carrosserie Gehrig.

von Silvia Müller
21. Dezember 2021

Soner Ergül vergoldet gerade den riesigen Güggel eines Kirchturms in der Flughafenregion. Das grün oxidierte Kupfertier im Stil der 50er-Jahre wurde im Carrosseriebetrieb zunächst abgeschliffen, grundiert und schwarz hochglanzlackiert. «Auf mattem Untergrund erhält man niemals eine strahlend glänzende Goldschicht», erklärt der Profi. Was unter der 1/7000stel Millimeter dünnen Goldfolie liege, sei entscheidend für das Resultat.

Das gilt besonders für den Leim, der nun auf den schwarzen Lack kommt. Es gibt zwei Sorten: Eine «Mixtion» oder «Anlegeöl» genannte Flüssigkeit  auf der Basis von Leinöl und Terpentin, und eine sogenannte «Anlegemilch» auf der Basis von Acryl und Wasser.

Für diese Anwendung unter freiem Himmel kommt nur Anlegeöl infrage – damit werde die Vergoldung wieder bis zu 30 Jahre lang Wind, Wetter und chemisch aggressiven Vogeldreck aushalten, sagt Soner Ergül. Zur Sicherheit bekommt der Turmschmuck zuletzt eine Schutzschicht aus Hochglanzklarlack.

Für den Innenbereich und für Objekte, die nicht abgenützt werden, könne lösungsmittelfreie Anlegemilch die bessere Variante sein. Für beide Leim­arten gelte: Möglichst wenig auftragen, aber jede Stelle erwischen. Denn das Gold haftet später nur dort, wo Leim ist.

Das Auftragen der Mixtion sei der springende Punkt und «total Erfahrungssache», betont Soner Ergül. «Es ist wie beim Autofahren: Nach der Prüfung ist man erst Anfänger. Zum guten Fahrer macht einen erst die Erfahrung danach.»

Es brauche Übung und ein paar Tricks, um die richtige Mixtion flächendeckend und ohne Pinselspuren oder Pfützen aufzutragen. «Für eine Kugel halte ich den Pinsel anders als für eine Platte, für ein Relief braucht es eine andere Verdünnung als für eine Fläche – aber das muss man selber herausfinden.» Jeden seiner Tricks verraten will er hier natürlich nicht. Immerhin: Zu 80 Prozent scheitere es am Auftragen der Mixtion. Wenn die nicht stimme, sei nichts zu machen. Ausser nochmals anzuschleifen und neu anzufangen.

Den richtigen Moment erkennen
Der Haken daran: Die Mixtion muss zuerst eine unbestimmte Zeit lang antrocken. Legt man das Metallblatt auf zu feuchte Stellen, wird es nicht glänzen, der Leim drückt durch. Auf zu fest eingetrocknetem Leim wird es gar nicht erst haften. Die auf dem Produkt angegebenen Verarbeitungszeitfenster – zwischen einer und 24 Stunden – seien leider oft «nur relativ».

Soner Ergül prüft sanft mit dem flachen Rücken des zweiten Fingerglieds, ob der Leim bereit ist – sogar ein Fingerabdruck wäre der extrem dünnen Goldschicht am Ende anzusehen. Klar, dass die Feuchtigkeit und Temperatur des Arbeitsraums die Trocknungszeit beeinflussen. Deshalb vergoldet er in einem geschlossenen Raum ohne Durchzug und passt die mixtionierte Fläche an die Arbeitsstunden an, die ihm zur Verfügung stehen.

Überlappung ist wichtig
Der Leim ist soweit. Er nimmt eines der Blätter aus dem Heftchen mit den Goldfolien und presst die Metallseite auf die Fläche. Er streicht sanft über die Papierrückseite – «überall und immer gleich, auch dieser Druck hat Auswirkungen auf den Glanz». Er zieht das Papier ab: Das erste Goldquadrat haftet. Nun schliesst er mit etwa zwei Millimetern Überlappung das nächste Quadrat an, und so weiter. Die abstehenden Goldflocken tupft er wenig später mit einem sehr weichen Poliertuch ab. Fehler, Lücken und Ritzen überdeckt er gleich wieder mit Folienresten – alles Gold in doppelter Lage kann später einfach abgepinselt werden.

«Mit so einem Tuch kann man die Fläche auch etwas polieren. Das Raster der Quadrate bleibt aber immer sichtbar, das gehört zum Reiz.» Dafür hat die Goldfläche einen Lüster, den man mit der Spraydose niemals hinbekommt.

Es gibt andere, «nahtlose» Vergoldungsverfahren ohne diesen Raster-Nachteil (aber dafür mit massiven anderen): das Feuervergolden und die elektrolytische oder galvanische Vergoldung. Beide eignen sich nicht zum niederschwelligen Hobby und nicht für alle Materialien.

Nicht nur Gold glänzt
Ein paar Tipps für die ersten Versuche: Mit dem Trägerpapier verbundene  Goldfolien sind einfacher zum Verarbeiten als die traditionellen losen Metallfolien – für die braucht man zusätzlich ein ledernes Vergolderkissen, ein spezielles Messer und einen Anschies­ser-Pinsel.

Zum Ausprobieren oder für kurzlebige Deko muss es zudem nicht gleich echtes Gold oder Silber sein. Es gibt günstigere Schlagmetalle, die nur so tun als ob. Diese Goldersatzlegierungen und echtes Silber oxydieren und dunkeln später mit Sicherheit nach – falls unerwünscht, muss man die fertig polierten Werke mit Klarlack schützen. Aber Achtung: «Klarlack macht jeden Fehler darunter noch sichtbarer», warnt Soner Ergül.

Auf vielen Oberflächen möglich
Das Schöne ist, dass man fast alles blattvergolden kann – sogar stark genutzte Oberflächen, sofern sie mit einem Lack geschützt werden. Einzig auf Lötnähten und auf bestimmten Kunststoffen halte keine Mixtion, sagt Soner Ergül. Bei Kunststoffen müsse man es einfach ausprobieren, aber er lasse unterdessen prinzipiell die Finger davon.

Muss man sich sein Zuhause golden wie eine Schatzhöhle vorstellen? «Nein, privat habe ich es farblich gerne kühl – grau, weiss, schwarz. Es ist wohl wie in der Schoggi­fabrik: Wer dort arbeitet, isst irgendwann auch keine Schoggi mehr.»

Handwerk und Passion übernommen

Seit 1994 hat Soner Ergül Uhrzeiger, Zifferblätter und Turmspitzen von 200 Kirchen in der ganzen Schweiz renoviert. Zuerst tat er es als Angestellter der Andelfinger Turmuhrenfabrik Mäder, die 2006 in der Firma Rüetschi AG (Marthalen) aufging. In der Turmuhrenfabrik arbeitete er noch zusammen mit seinem Vater und Lehrmeister Ismail Ergül. Danach wechselte er in den Kleinandelfinger Carrosseriebetrieb, dem die Rüetschi AG seither ihre Vergolderaufträge anvertraut. «Inzwischen bekomme ich die Arbeiten meines Vaters zum Auffrischen. Das ist wunderschön. Es schafft eine tiefe Verbindung zu den Objekten einerseits und zu meinem pensionierten Vater und seiner Arbeit andererseits», sagt Soner Ergül.

Natürlich mache er im Haus Gehrig auch andere Arbeiten, «aber Vergolden ist die anspruchsvollste und schönste, sie macht mich zufrieden». Das scheint nicht unbemerkt geblieben zu sein: Obwohl den 26 Mitarbeitenden insgesamt 37 Weiterbildungsthemen zur Auswahl stehen, möchten 2022 voraussichtlich gleich mehrere von ihnen in der hausinternen Weiterbildungsaktion zu Soner Ergül in die «Vergolderlehre». (sm)

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