Weinland

Filigrane Kunst aus Stroh

Vreni Hug zaubert in stundenlanger Kleinarbeit filigrane Kunstwerke aus Stroh. Dafür braucht sie neben speziellen Halmen und besonderen Werk­zeugen auch einen Hundekamm.

von Christina Schaffner
13. Dezember 2022

Stroh zu Gold spinnen kann Vreni Hug nicht. Aber schöne Dekorationen kann sie daraus machen: grosse und kleine Sterne, Figuren wie Frauen, Eulen oder Drachen oder auch Ornamente, die als Wandschmuck dienen. Blumen gehören ebenfalls zu ihrem Repertoire – und Engel in allen Grössen.

Gerade hat die 78-JĂ€hrige eine Auftragsarbeit fĂŒr 80 kleine Engel fertiggestellt. Körper und FlĂŒgel hat sie dabei mithilfe eines Hundekamms geformt. Die eingeweichten Strohhalme werden dafĂŒr in vorher bestimmter Reihenfolge um die feinen ZĂ€hne gewickelt. Auf einem Kamm finden die Körper von zwei der rund fĂŒnf Zentimeter kleinen Engeln Platz. Da sie noch zwei weitere HundekĂ€mme hat, macht sie sechs auf einmal. «Wenn die letzten gewickelt sind, ist der erste so weit getrocknet, dass ich ihn abnehmen kann», erklĂ€rt Vreni Hug. Das sei wichtig, damit der Körper mit den Rundungen am unteren Ende diese Form behalte.

Anschliessend werden auf dem Kamm die FlĂŒgel mit derselben Technik geformt. Der Kopf ist ein Strohknopf, der Heiligenschein aus geflochtenem, feinem Stroh. Da sie oft gefragt werde, wie lange sie zum Anfertigen ihrer Figuren brauche, hat sie das fĂŒr die Engel mal ausgerechnet: FĂŒr einen Engel braucht sie etwa 35 bis 40 Minuten.

Grundlagen im Kurs erlernt
Seit fast 25 Jahren beschĂ€ftigt sich die ehemalige Bauersfrau mit der Arbeit mit Stroh. 1999 besuchte sie einen Kurs zum Strohflechten bei der damals noch bestehenden Fortbildungsschule Neftenbach und erlernte die Grundlagen wie Zöpflen, Spiralgeflecht und Zweierli. Auch einen Sternenkurs besuchte sie, machte wunderschöne grosse Sterne, die sie auch ihren Töchtern und einem Altersheim schenkte. Anhand von BĂŒchern bildete sie sich weiter. «Mein erstes Buch war auf Englisch, obwohl ich die Sprache nicht spreche», erzĂ€hlt sie. Die reiche Bebilderung und ein Englisch-Deutsch-Wörterbuch halfen weiter.

So richtig gepackt habe sie dann aber der Besuch einer Ausstellung in Maschwanden bei Affoltern ZH, wo sie die Stroh-Arbeiten der FreiÀmtler kennen und lieben lernte. Weitere Kurse dort folgten, und sie wurde Mitglied der Vereinigung «Stroh-in-form», die aus einer losen Gruppe entstanden ist. Zweimal im Jahr treffen sich die Mitglieder und halten Workshops ab, um Neues zu lernen.

FĂŒr die Arbeiten benötigt Vreni Hug spezielles Stroh, das besonders lange Halme hat und in der Regel vor der Reife des Korns geerntet wird. Oft sind die Ähren in den Arbeiten mitverarbeitet. FĂŒr sehr feine Arbeiten wird das Stroh gespalten – ganze Halme kommen nur selten zum Einsatz. Auf einer speziellen Maschine, die in der Anschaffung nicht nur ein paar Hundert Franken kostete und heute nicht mehr erhĂ€ltlich ist, verarbeitet Vreni Hug die feinen Halmstreifen auch zu Zopfketten.

Grosse Resonanz auf MĂ€rkten
Auf einigen wenigen MĂ€rkten wie denen in Neftenbach und Thalheim bietet sie ihre Kunst zum Kauf an. Die Resonanz sei jeweils gross. «Manche sagen, das hĂ€tten sie auch schon gemacht», schmunzelt sie. Sie wĂŒrden aber das Herstellen von Sternen meinen. «Viele sind von den Arbeiten ganz begeistert», erzĂ€hlt sie weiter, «teilweise sind dar­un­ter auch junge Menschen, was mich besonders freut.»

FrĂŒher stellte sie auch zusammen mit ihren Töchtern aus. Eine filzte, die andere machte Glaskreationen. Aber das sei vorbei. Da sie auch kein Auto mehr habe, werde sie auch nicht mehr viel auf MĂ€rkten anzutreffen sein, sagt Vreni Hug. In Thalheim halfen die Töchter beim Auf- und Abbau. Es sei zudem fraglich, wie lange sie das Verarbeiten von Stroh noch machen könne. Es brauche gute Augen und Fingerfertigkeiten, was im Alter nicht mehr so gegeben sei.

Aber noch macht Vreni Hug das Arbeiten mit Stroh grosse Freude – auch wenn die Familie damit gut eingedeckt sei und die Verkaufsmöglichkeiten abnĂ€hmen. In ihrer Wohnung sind in allen Zimmern wunderschöne Werke von ihr zu bestaunen, Bestellungen nĂ€hme sie gern entgegen. Ansonsten sucht sie sich selbst Ziele, um weitere Strohkunstwerke herzustellen: Im Moment macht sie weitere rund 100 kleine Engel fĂŒr ein grosses Familientreffen.

www.stroh-in-form.ch

Mit Hand, Herz & Hirn

Erschaffen Sie in Ihrer Freizeit Dinge in einer nicht alltÀglichen Technik? Möchten Sie Ihr Wissen und Ihre Freude am Hobby oder am Handwerk in unserer Serie mit anderen Leserinnen und Lesern teilen? Dann melden Sie sich unter redaktion@andelfinger.ch oder Telefon 052 305 29 08! (az)

War dieser Artikel lesenswert?

Zur Startseite

Zeitung Online lesen Zum E-Paper

Folgen Sie uns