Weinland

«Jederzeit wieder»: Haustauschferien

Haustausch statt Hotelferien: Familie Zollinger hat ihr Heim an der Schlossgasse schon dreimal gegen die Häuser «fremder» Familien in Nord­europa getauscht. Die vier sind immer noch überzeugt vom Konzept.

von Silvia Müller
18. Mai 2021

Für die Sommerferien haben sie noch nichts fest zugesagt, doch das liegt an der unklaren Corona-Lage. An Reiselust und reizvollen Angeboten mangelt es Corinne Jurt und Andreas Zollinger grundsätzlich nie. Als Mitglieder der internationalen Haustauschorganisa­tion Home Link – das ist nur eine von vielen im Internet – bekommen sie regelmässig Tausch­angebote und können auch selber die Fühler ausstrecken und Anfragen machen.

Zur Auswahl stehen Eigenheime und Mietwohnungen. Weil beim Tausch kein Geld fliesst, gelten die Reisenden rechtlich als private Gäste. Deshalb können auch Mieter ihre Unterkunft ohne Erlaubnis des Vermieters auf solche Plattformen stellen – de facto ist es aber sicher ratsam, die Besitzer zumindest dar­über zu informieren.

Finden, was man gar nicht suchte
«Die Bretagne war unser Wunschziel 2018, als wir Mitglied wurden», erzählt Andreas Zollinger, das habe dann aber terminlich nicht geklappt. Stattdessen landeten sie in Hordaland, Westnorwegen, unter Skandinavienfahrern als fantastisches Reiseziel bekannt. «Diese Entdeckung hat unsere Enttäuschung aufgewogen. Wir wären vorher nicht auf die Idee gekommen, dorthin zu reisen, und unser Budget hätte für konventionelle Norwegen-Ferien auch nicht gereicht», ergänzt Corinne Jurt.

Gleich dieser erste Haustausch sei super geworden, für beide Seiten. «Die drei Kinder der anderen Familie waren etwa gleich alt wie unsere, und so fanden alle in den Ferien genau die Spielsachen vor, die ihnen gefielen.» Mehr noch, bei der Heimkehr an die Schlossgasse hätten sie nicht nur die Katze und die sieben Hühner bestens versorgt angetroffen, sondern auch den Gemüsegarten so gepflegt wie noch nie – «offenbar waren die Nordländer entzückt darüber, was hier im Süden alles gedeiht», erzählt Corinne Jurt und lacht. «Die Haustiere und der Garten waren mit ein Grund, weshalb wir überhaupt Haustauscher wurden – wir hatten ein schlechtes Gewissen, in den Ferien immer die Nachbarn einzuspannen.»

Tauschvertrag gilt für beide Seiten
Zum obligatorischen Tauschvertrag gehört unter anderem, das eigene Haus sauber und vorbereitet zu übergeben und das Haus der anderen auf dem gleichen Level zu hinterlassen, wie man es vorgefunden hat. Wer hier wie dort nicht selbst Hand anlegen will, ist mit Hotels oder Ferienwohnungen mit Putzservice besser beraten.

Im Vertrag können auch Spezialaufgaben wie Haustier- und Gartenpflege festgehalten werden. Füttern, Jäten und Giessen – das klingt wie ein Klotz am Bein auf dem Tauschmarkt, kann laut Home Link aber sogar ein Vorteil sein: Statt «all-inclusive» in einer Hotelanlage ziehen es viele Menschen vor, für eine Weile in ein authentisches anderes Dasein, in echte Nachbarschaften einzutauchen und sich vielleicht sogar an «Haustieren auf Zeit» zu erfreuen. Deshalb werden durchaus auch prächtige Grossstadtwohnungen gegen einfachere Bleiben in der Pampa getauscht. «Realistischerweise hat man aber nur mit einem gleichwertigen Angebot Chancen, an das Gewünschte zu kommen», räumt Andreas Zollinger ein. Der Trumpf ihrer Wohnung im «Alten Schloss» seien der historische Charme und der idyllische Garten, die Anfragen kämen zunächst aber vor allem wegen der Nähe zu Zürich. «Einmal angekommen, merken die Gäste dann, dass auch die nahe Umgebung reizvoll ist.»

Vertrauen ist unabdingbar
Das klingt alles schön. Aber will man, dass jemand Wildfremdes in seinem Bett schläft und überall rumstöbern kann? «Das hat uns am Anfang auch beschäftigt. Deshalb tauschen wir nur zeitgleich und übers Kreuz mit Familien, deren Profil bei uns Vertrauen auslöst», erklärt Corinne Jurt. Auf anderen Plattformen gibt es Tauschmodelle auf der Basis von Bonuspunkten, welche zeitversetzt und an einem frei wählbaren Ort eingelöst werden können.

«Beim direkten Tausch geben beide Parteien einander gleich viel preis, und jede möchte selbst auch gut behandelt werden.» Die wertvollen und sehr privaten Sachen könne und solle man vorher wegschliessen, sagt Corinne Jurt. «Und dass die Betten in Hotels und Ferienwohnungen über Jahre von Hunderten anonymer Gäste belegt werden, stört die Leute offenbar nicht.» Die Plattform gibt es seit 65 Jahren, und es wurden Instrumente zur Qualitäts­garantie entwickelt. «Wer sich nicht an die Regeln hält, wird schlecht bewertet und bekommt keine Angebote mehr», erklärt Andreas Zollinger. Diese virtuelle «soziale Kontrolle» funktioniere bestens – so wie die leibhaftige vor Ort an der Schlossgasse.

Auch vonseiten der Nachbarn sind die Haustausche bislang in Minne verlaufen. Offensichtlich nähmen sie die Gäste mit Interesse und zuweilen einem gewissen Amüsement zur Kenntnis, sagt Andreas Zollinger. «Wenn wir wieder zu Hause sind, erzählen sie uns dann jeweils die eine oder andere Anekdote.» Etwa von der holländischen Familie, die bei Sonnenuntergang jedes Fenster nach Westen in Beschlag nahm und im Chor «Ah!» und «Oh!» rief. Zur gleichen Stunde vergnügten sich Daphne und Lucian vielleicht gerade in Holland im Abstellraum unter der Treppe, der als winziges Spielzimmer eingerichtet war – «so eines hätten wir zu Hause auch gerne», erzählen sie.

Flexibel und grosszügig sein
Vor dem ersten «Vermieten» putzten und räumten die Zollingers ihre Wohnung noch extrem gründlich – schliesslich sollte alles dem fremden Blick standhalten. Schon beim zweiten Mal seien sie es entspannter angegangen: «Wir haben nämlich gemerkt, dass wir am anderen Ort auch nicht in allem Schweizer Standards erwarten dürfen.»

Bis jetzt hätten sie nur gute Erfahrungen gemacht – aber klar, es könne auch schiefgehen. Man müsse unter Umständen etliche Anfragen machen und flexibel sein, bis etwas klappe. Flexibel beim Wunschziel: Süd­europa etwa sei schwach vertreten, Deutschland und die Beneluxstaaten hingegen dicht abgedeckt – vermutlich eine Frage der Mentalität und der Kaufkraft. Flexibel auch beim Termin: «Unsere Versuche scheiterten oft an den verschiedenen Schulferiendaten der beiden Familien.» Die zeitlich ungebundenen Senioren hingegen tauschen laut Home Link ihre Domizile besonders häufig.

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