Weinland

Maschinist auf alter Segelyacht

Fredy Oertel liebt Maschinen, Segeln und die Gemeinschaft. Das alles findet er bei seinem Engagement für den Verein «Clipper DJS». Seit fast 20 Jahren hilft er ehrenamtlich, die alten Schiffe zu pflegen.

von Christina Schaffner
14. Dezember 2021

Der Besuch bei einer Segelkollegin aus Jugendzeiten in Hamburg im Jahr 2003 war schicksalhaft für Fredy Oertel: Er sah die 1887 erbaute Segelyacht «Amphitrite» das erste Mal. «Man verliebt sich in das Schiff», ist er sich sicher – er  erkannte dieses Phänomen im Lauf der Jahre auch bei anderen Menschen. Er selbst ging noch im selben Jahr erstmals an Bord der weltweit ältesten noch segelnden Yacht und ist seither als Maschinist begeistertes Mitglied der Crew. Drei Wochen seiner jährlichen Ferien gehören dem Verein «Clipper DJS» und dem Schiff – eine davon segelnd unterwegs auf der Ostsee, die anderen beiden an Land bei der Schiffspflege.

Obwohl der Verein vier alte Schiffe hat, schwärmt Fredy Oertel fast nur von der «Amphitrite» oder «Amphi», wie sie liebevoll genannt wird. Ursprünglich als Rennyacht von einem reichen englischen Grossindustriellen gebaut, erlebte das Schiff manch spannende Regatta rund um England. Unter anderem trat sie gegen die «Meteor» an, die Yacht von Kaiser Wilhelm II.

Die Zeiten schneller Rennen sind schon lange vorbei für die komplett aus Teakholz gebaute Yacht. Um sie zu schonen, segelt der Verein nur noch in der Ostsee und nicht mehr auf der raueren Nordsee. Ab Windstärke sechs bleibt sie besser im Hafen. Jedes Jahr sind trotzdem aufwendige Pflegearbeiten nötig, bei denen Fredy Oertel kräftig mit anfasst.

Verantwortlich fĂĽr den Motor
Als Maschinist ist er während eines Törns, einer Segelreise, für die Motoren und Pumpen an Bord zuständig. An Land hilft er bei der Wartung der Maschinen und deren Pflege. Der Dieselmotor der «Amphi» ist inzwischen 50 Jahre alt und sollte, so Fredy Oertel, bald ersetzt werden. Er wurde im Rahmen von Filmaufnahmen 1971 eingebaut (siehe Kasten). Die Welle, die zur Schiffsschraube führt, habe es noch nötiger. Um sie gegen eindringendes Wasser besser abzudichten, wurde sie im Oktober im Trockendock ausgebaut und neu montiert.

Da der Unterhalt solch alter Schiffe viel Geld kostet, müsse immer wieder geschaut werden, wie die Finanzmittel des Vereins eingesetzt werden. Deshalb sei auch unklar, wann die «Amphi» mit einem neuen Motor ausgerüstet werde – zumal dann das Deck aufgesägt werden müsse, um den Motorenblock herauszunehmen und den neuen hineinzusetzen.

Die Faszination von Maschinen und Technik motiviert den gelernten Automechaniker und heutigen Lokomotivführer von Güterzügen, immer wieder nach Norddeutschland zu reisen. «Ich wollte schon in jungen Jahren wissen, wie etwas funktioniert», erzählt Fredy Oertel. Den Motor seines Motorrads zerlegte er zweimal und baute ihn wieder zusammen. Auch die «Amphi» lernte er auf diese Weise kennen. Im Rahmen der Unterhaltsarbeiten zerlegt er immer wieder Teile des Schiffsmotors, hilft, kreative Lösungen bei mechanischen Problemen zu finden, und geniesst an der Ostsee eine völlig andere Welt: «Hier in der Schweiz sind Berge, an der Ostsee ist alles flach und weit. Ich bin weg von allem und kann so sehr gut entspannen.»

Ferien im Maschinenraum
Auf den Törns hat ihn seine Familie öfter begleitet. Bedingt durch die Arbeit als Lokomotivführer waren aber gemeinsame Ferien nicht immer mög­lich – die Kinder hatten ihre Schulferien, er dagegen jedes zweite Jahr in den Wintermonaten frei. So hat sich die Familie – seine Töchter sind inzwischen erwachsen und gehen eigene Wege – auf einen anderen Rhythmus eingespielt. Oft machte seine Frau mit den Mädchen Campingferien, er verbrachte die freie Zeit im Maschinenraum der «Amphitrite».

Störend fanden er und seine Frau Eveline dies nicht und setzen die teilweise getrennten Ferien auch heute fort. Bereichernd fanden sie in jedem Fall die gemeinsamen Törns in der Vergangenheit – besonders für die Töchter, denen sich dabei völlig Neues eröffnete. «Das Zusammensein mit Gleichaltrigen aus anderen Lebenswelten half ihnen, sich auf ihrem Lebensweg zu orientieren», ist Fredy Oertel überzeugt.

Für sein Hobby war Fredy Oertel diesen Oktober wiederum zwei Wochen an der Ostsee. Nach der einwöchigen Segelreise konnte er erstmals das Auswassern der «Amphi» erleben. Es sei beeindruckend gewesen, wie schnell so ein Schiff im Dock an Land geholt werden könne. Auf einem Film hielt er dies fest. Inzwischen ist das Schiff wieder im Wasser und soll demnächst ins Winterlager verlegt werden. Dort wird Fredy Oertel wiederum eine Woche mithelfen, alles in Schuss zu halten.

Helfende Hände immer gesucht
An der «Amphi» ist in diesem Jahr besonders viel zu tun, da zwei Jahre wegen der Corona-Pandemie kaum Ar­beiten möglich waren. So blätterte die Farbe an den Aufbauten an Deck ab. Sieben gute Anstriche brauche es an allen Holzteilen, erklärt Fredy Oertel, da pro Saison von Wind und Wellen zwei bis drei abgenutzt werden.

Diese Arbeiten, für die auch stets engagierte Helfer gebraucht werden, überlässt Fredy Oertel den Kollegen. Er beugt sich lieber im Maschinenraum über den Motor, schraubt die Kolben heraus, überprüft und säubert sie und lässt am Ende zufrieden den Dieselmotor dröhnen.

Der Verein «Clipper DJS»

Vier alte Segelschiffe besitzt der Verein «Clipper DJS». Das DJS steht dabei für Deutsches Jugendwerk zur See. Ziel des 1972 gegründeten Vereins und seiner Vorläufer war und ist es, jungen Menschen das Segeln näherzubringen. Heute sind einwöchige Törns, Segelreisen für Grup­pen, aber auch für Einzelpersonen buchbar. Über diese, sowie durch Mitgliederbeiträge und Spenden fi­nanziert der Verein die hohen Instandhaltungskosten der vier alten Schiffe. Das älteste ist die «Amphirtite», die 1887 als Rennyacht gebaut wurde. In dem Film «Das Geheimnis der Marie Celeste» und der knapp 50 Folgen umfassenden Serie «Die Abenteuer des Grafen Luckner», die Anfang der 1970er Jahre gedreht wurden, ist sie zu sehen. (cs)

Weitere Infos zu Verein und Schiff: www.clipper-djs.de

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