Angefangen hat alles in Oberneunforn. Leon Wiesmann schrieb im Alter von 15 Jahren seine ersten Songs, spielte Gitarre und fand so zur Musik. Doch bis die Welt etwas davon zu hören bekam, vergingen vier Jahre. Ein Leerlauf? «Keineswegs», antwortet der 21-Jährige mit Wurzeln im Weinland. Es war eine Reifezeit. Erst als er mit seinem ersten Song «Schmetterlinge im Bauch» an einem Punkt angekommen war, an dem er sagen konnte: «So wie es gerade ist, gefällt es mir. Das kann ich jetzt mal rausbringen», wagte er den Schritt an die Öffentlichkeit. Dieser Grundsatz prägt ihn bis heute. Er macht sich keinen Stress, was den Output angeht. Sein Kompass ist sein Befinden. «Es muss sich für mich gut anfühlen. Wenn das so ist, ist alles gut», erklärt er bestimmt.
Der neuere der beiden Songs, die der Sänger auf Spotify hochgeladen hat, heisst «Triggerwarnung». Der Song lebt von treibenden Rhythmen, Gitarren und Drums. Diese untermalen seine starke und prägnante Stimme. Produzent Philipp Treyer hat beim Feinschliff geholfen. Wichtig für Musiker sind unter anderem Liveauftritte, und solch einer kommt geradewegs auf ihn zu. Das «Stars in Town» ruft nach ihm – und das nicht zum ersten Mal.
Vom Proberaum ins Rampenlicht
Seit der ersten Veröffentlichung seiner Musik ist viel passiert. Auftritte im Schaffhauser «TapTab», die erste Erfahrung auf der Talentstage des «Stars in Town» 2023 und seine Teilnahme am Band-X-Ost-Wettbewerb. Dort holte er den dritten Platz und sammelte Erfahrung auf der Bühne, was für ihn einen Schlüsselmoment darstellt. «Ich war bei der Qualifikation extrem nervös», gibt er zu. Doch dann vollzog er einen Sichtwechsel, der ihm klarmachte, dass er die Chance auf der Bühne nutzen statt verstreichen lassen wollte. «Das Über-den- Schatten-springen will gelernt sein, und ich bin dankbar dafür, das mit dieser Möglichkeit gelernt zu haben.» Es war der Beweis, dass seine Musik auch ausserhalb des vertrauten Schaffhauser Umfelds funktioniert. Die erste Bühne ausserhalb seines ursprünglichen Umfelds.
Nun stehen gleich mehrere Meilensteine bevor. Zwei Jahre nach seinem ersten Auftritt dort lädt ihn das «Stars in Town» erneut auf den Fronwagplatz ein. Auf diesen Auftritt soll direkt seine erste EP folgen, eine Art Mini-Album. Diese wurde an verschiedenen Orten zwischen Zürich und Schaffhausen aufgenommen. Mit Unterstützung der Produzenten Gianluca Giger und Philipp Treyer soll sie im Herbst erscheinen. Stilistisch hat er seinen Sound gefunden: Lo-Fi, etwas R&B, verträumt und zurückgelehnt. Er selbst ordnet seine Musik nur ungern einem festen Genre zu. Die ersten Songs wie «Triggerwarnung» bezeichnet er rückblickend als «Chapter 1». «Die EP ist jetzt Chapter 2.» Seine Texte sind oft melancholisch. Das sei kein Zufall, erklärt er: «Positive Gedanken nimmt man eher hin, als sie aktiv zu empfinden.» Er schreibt aus der Laune heraus, direkt aus dem Kopf. Seine Texte kommen aus den Gedanken und sind nicht draussen einfangbar.
Ein Künstler ist mehr als nur Musik
Wer Leon Wiesmanns Einflüsse sind, verrät viel über seinen Anspruch an sich selbst. Er nennt Künstler wie Frank Ocean, Tyler, the Creator und Kanye West – doch es geht ihm weniger um eine klangliche Kopie als um das Prinzip dahinter. «Ein Künstler liefert nie immer nur Musik, er liefert ein Gesamtbild, das in sich geschlossen ist», sagt er. Authentizität ist für ihn kein Modewort, sondern das Fundament seiner Kunst. Deshalb hat er keinen Künstlernamen und würde sich auf der Bühne nie zu etwas zwingen, das nicht zu ihm passt. «Ich bin eher introvertiert und ruhig. Ich muss jetzt nicht komplett ausrasten, weil es einfach nicht zu mir und meiner Kunst passt. Ich könnte dieses Gesamtbild eben genau nicht ausfüllen.»
Diese Haltung erfordert ein starkes Selbstbild, aber auch Unabhängigkeit. Leon Wiesmann arbeitet 40 Prozent bei einer Agentur und finanziert seine Kunst komplett selbst. «Mir ist ein selbstbestimmtes Leben sehr wichtig», betont er. Seine Familie aus Oberneunforn stehe hinter ihm und gebe ihm Halt, wenn er ihn brauche, aber er ist stolz darauf, seinen Weg selbständig zu gehen. Einzig mit der Nutzung der Gesellschaftsmedien wie Instagram oder Facebook hadert er noch. Er weiss, dass er die kostenlose Reichweite mehr nutzen müsste, aber oft siegt der Konsum über die Produktion. «Jeder kennt es vielleicht. Man will etwas posten, schaut nach, wie die anderen das machen, und am Schluss ist man selber nur am Konsumieren.»
Für das «Stars in Town» am 9. August auf dem Fronwagplatz bereitet er mit seiner Band ein 30-minütiges Set vor. Sieben Songs, eine Bühne und der Wunsch, die eigene Kunst zu performen. Es ist die Chance, das nächste Kapitel seiner Geschichte aufzuschlagen – bedacht, authentisch und mit einem Sound, der ganz ihm gehört.
«Mir ist Selbstbestimmtheit wichtig»