Weinland

Mit kleinen Schritten zu mehr Biodiversität im eigenen Garten

Chaos und Wildwuchs statt grüner Matte und Vorzeigehecke: Im zweiten Teil unserer Sommerserie geht es um einfache, aber wirksame Mass­nahmen, den eigenen Garten gemäss der Garten-Charta naturnah zu gestalten.

von Jasmine Beetschen
25. Juli 2023

Ein kurz gemähter Rasen, akkurat geschnittene Bäume und Hecken, deren einziger Nutzen darin besteht, als Sichtschutz vor neugierigen Blicken des Nachbarn zu schützen, und hell leuchtende Lämpchen überall auf dem Grundstück verteilt: So gestalten sich zahlreiche Gärten im Siedlungsraum. Was das Auge vieler vielleicht erfreut, hat hingegen nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf unsere Tier- und Pflanzenwelt. Aufgrund der Verstädterung und der Aufteilung grösserer Landflächen in kleinere finden wild lebende Kleintiere wie Igel, Schmetterlinge, Vögel oder Eidechsen immer weniger Lebensraum.

Doch mit einfachen Massnahmen kann jede Gartenbesitzerin und jeder Gartenbesitzer etwas dafür tun, um ihr oder sein Stück Land in ein Zuhause für Wildtiere zu verwandeln. Dabei muss es nicht immer ein Komplettumbau sein. «Da braucht es meist gar nicht so viel», erklärt Vreni Hauser. Sie ist Projektleiterin für Biodiversität im Siedlungsraum beim Naturschutzverein Andelfingen und weiss, worauf es bei der naturnahen Gartenpflege ankommt. «Man muss sein Grundstück nicht gleich in einen unübersichtlichen Wildwuchs verwandeln.» Kleine Änderungen können schon viel bewirken, und je mehr Personen solche Massnahmen umsetzen, umso grösser der Effekt und die Unterstützung für die Natur.

Um solche Massnahmen auch im Weinland mehr zu fördern, hat der Naturschutzverein bereits 2018 die sogenannte Garten-Charta lanciert. Wer diese unterschrieben hat, übernimmt damit die moralische Verpflichtung, sein Grundstück so zu pflegen und auszustatten, dass wild lebende Kleintiere besser überleben können. In Andelfingen und Kleinandelfingen finden sich bereits mehrere Mitglieder. Wer unterschreibt, erhält eine vom Naturschutzverein angefertigte Tafel mit einem Emblem. Diese weist darauf hin, dass der Garten nach der Charta ausgerichtet gehegt und gepflegt wird. Doch was macht einen solchen Garten aus?

1. Rasen und Rasenschnitt:  Das Konzept des perfekten englischen Gartens ist nicht mehr zwingend erstrebenswert. Wer den Prinzipien der Charta folgen möchte, mäht einige Stellen im Rasen weniger oft und fördert damit im hohen Streifen das Wachsen und Blühen von Wiesenblumen. Dies ermöglicht Blumen und Insekten vollständige Lebenszyklen.

2. Eine Hecke, die lediglich aus einer Pflanzenart besteht, bietet Vögeln und kleinen Tieren wie Eichhörnchen kaum Nahrung. Wer sich hingegen für einheimische Wildsträucher entscheidet, die gestaffelt blühen, erweitert das natürliche Nahrungsangebot, da die Kleintiere so das ganze Jahr hindurch Samen, Früchte und Beeren finden. Damit die Vögel in der Nistsaison nicht gestört werden, sollen die Hecken nur zwischen September und Februar geschnitten werden.

3. Etwas Unordnung tut gut: Um den Tieren mehr Schutz und Unterschlupf zu bieten, können Ast-, Stein- oder Laubhaufen geschaffen werden. «Ein allzu aufgeräumter Garten trägt dazu bei, dass die Artenvielfalt zerstört wird», ergänzt Vreni Hauser.

4. Damit Igel und andere Kleintiere von einem Garten in den nächsten wandern können, eignen sich kleine Durchgänge zum Nachbargrundstück. So müssen sie nicht auf Trottoirs und Stras­sen ausweichen, auf denen sie Gefahr laufen, überfahren zu werden.

5. Bei der Rasenpflege gilt: Ein schöner Rasen ist auch ohne Biozide (Pestizide) möglich. «Zumindest sollten sie so wenig wie möglich verwendet werden. Und falls doch, solche natürlicher Herkunft», so die Naturschützerin. Das komme auch der Gesundheit der Menschen zugute. Wichtig sei zudem, keine Schneckenkörner mit dem Wirkstoff Methaldehyd zu verstreuen.

6. Um Wildtiere und ihren Biorhythmus nicht zu stören, kann die Gartenbeleuchtung eingeschränkt werden. Wer sich der Garten-Charta verschreibt, wählt eher Lampen, welche nach unten leuchten und deren Strahlen sich nicht überall im Nachthimmel verteilen.

7. Schmetterlingsflieder, Riesen-Bärenklau, der japanische Staudenknöterich oder die Goldrute: All diese Arten sind invasiv und schaden einheimischen Arten. Auf diese exotischen Pflanzen sollte im Garten verzichtet werden (AZ vom 30.6.2023).

8. Katzen sind zwar süsse Haustiere, können jedoch grossen Schaden anrichten. Um Vögel zu schützen, kann man den Katzen ein Glöckchen oder eine spezielle Halskrause der Vogelwarte umbinden. «Wer im Garten beobachtet, dass junge Vögel beginnen, ihr Nest zu verlassen, kann die Katze während einigen Tagen im Haus behalten», schlägt Vreni Hauser zusätzlich vor.

9. Beim Entsorgen von Ast- oder Blätterhaufen ist Vorsicht geboten. Dort könnten sich kleine Tiere verkrochen haben. Aus diesem Grund sollten alte Haufen nicht während der Nistsaison oder der Überwinterungszeit entsorgt werden.

10. Zu guter Letzt eine Warnung an Poolbesitzer: Was für Menschen Spass und Erfrischung bedeutet, kann für kleine Tiere eine Todesfalle sein. «Damit keine Tiere ertrinken, kann als Ausstiegshilfe beispielsweise ein kleines Brett befestigt werden.»

«Die Charta ist nicht als Vorschrift zu verstehen, auch führen wir keine Kontrollen oder ähnliches durch», betont Vreni Hauser. «Es ist ein moralisches Engagement für die Artenvielfalt, nicht mehr und nicht weniger.» Viele Gartenbesitzer würden bereits einige Punkte der Charta erfüllen, ohne sie unterzeichnet zu haben. Um die Idee noch mehr zu verbreiten, wünscht sie sich jedoch noch mehr Tafeln in Weinländer Gärten. «Gemeinsam können wir mehr Lebensraum für unsere wild lebenden Kleintiere schaffen und unsere Gärten in ein Zuhause verwandeln, wo sich nicht nur wir Menschen wohlfühlen, sondern auch Igel, Vögel, Schmetterlinge und Co.»

Anleitungen fĂĽr Kleinstrukturen (Stein- oder Asthaufen) sowie weitere Informationen zur Garten-Charta unter: www.gartencharta.ch und www.birdlife.ch. Interessenten melden sich unter gartencharta@andelfinger-naturschutzverein.ch

Die Entstehung der Garten-Charta

Die Garten-Charta ist ein siebenseitiges Dokument. Konkrete Formen nahm die Idee dank der begeisterten Aufnahme bei der «Association des intérêts de Conches» (Gemeinde Chêne-Bougeries, Genf) an, die im Mai 2007 beschloss, einen Pilotversuch durchzuführen. Damit sollten die Kontakte zwischen den Nachbarn gefördert und gleichzeitig die Naturnähe des Quartiers erhalten werden. Die Charta ist jedoch keine Auflistung von Anforderungen, die erfüllt werden müssen. Stattdessen soll sie dazu anregen, ihren moralischen Prinzipien zu folgen. Alle Gärten können der Charta beitreten, unabhängig von Grösse, Terrain oder bereits bestehender Bepflanzung. Ihr übergeordnetes Ziel ist es, die Artenvielfalt in privaten Gärten im Siedlungsraum zu fördern. (jbe)

Welt der Gärten

Es gibt sie in allen Formen, sie werden leidenschaftlich umsorgt, damit sie erblühen und gedeihen: die Gärten. Über den Sommer wirft die Redaktion einen Blick hinein. (az)

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