Der Medientermin am Dienstag war mit Bedacht gewählt. Im Haus wimmelte es von jungen Blasmusikanten aus dem ganzen Kanton. Das Zürcher Jugendblasorchester besteht aus dem selektionierten Nachwuchs der Musikvereine und führt seine Probenwoche seit 2023 auf der Musikinsel durch. Die 80 Jugendlichen und ihre musikalischen Leiterinnen und Leiter belegen fast das ganze Haus.
Sie bekamen in den Registerproben Besuch von den Medienleuten und liessen sich über die Schultern und in die Notenblätter gucken und sogar filmen. Schon diesen Freitag und Samstag werden sie die acht einstudierten Stücke in zwei Konzerten in Affoltern am Albis und in Oberglatt aufführen (www.zhbv.ch).
Grosse Ensembles brauchen Platz
Stefanie Hauri-Fischli vom Zürcher Blasmusikverband organisiert dieses Probenlager. Die Musikinsel biete hervorragende Bedingungen dafür, sagte sie. «Jahrelang führte der Verband das Herbstlager in der Jugendherberge Stein am Rhein durch. Zuletzt gab es dort nicht mehr genug Zimmer, die Probenräume lagen auswärts in einem Schulhaus, und die Verpflegung war komplizierter», sagt sie.
In Rheinau sei das nun alles hervorragend organisiert. Die Woche auf der Musikinsel sei leicht teurer, aber eindeutig besser. Im Doppelzimmer und mit Vollpension kostet ein Tag auf der Musikinsel 130 Franken pro Gast.
Bedarf belegt – Engpässe ebenfalls
Obwohl der Betrieb während Corona fast ganz geschlossen werden musste, wurden seit der Eröffnung im Mai 2014 insgesamt 85'000 Übernachtungen verbucht. Zur Verfügung stehen 133 Betten in 63 Zimmern. Wie Christoph und Rahel Blocher erklärten, sind diese nach wie vor hauptsächlich an den Wochenenden ausgelastet.
Laien-Ensembles, die eigentliche Zielgruppe der Musikinsel, möchten möglichst an Wochenenden proben. Unter der Woche ist das Haus schwer zu füllen. Wenn keine Nachfrage durch Musiker besteht, werden deshalb vermehrt auch andere Nutzungen ermöglicht, etwa durch Hochzeitsgesellschaften oder Firmenseminare. Dazu kommt, dass die Wochenenden vor der Konzertsaison im Advent und Winter nochmals deutlich begehrter sind. Mit dem aktuellen Bettenbestand seien aus diesem Grund kaum mehr als 8000 Übernachtungen pro Jahr zu erreichen, erklärten die beiden Stiftungsratsvorsitzenden.
Etabliert, aber nicht kostendeckend
In den letzten zwölf Monaten habe die Musikinsel 2100 Übernachtungsanfragen abweisen müssen, weil es am gewünschten Datum nicht genug Betten für die interessierten Ensembles gab. «Je grösser, umso früher buchen» ist also die Devise, für Orchester und internationale Workshops sowieso. Deshalb hat auch das Zürcher Jugendblasorchester schon bis Herbst 2031 reserviert.
Diese Engpässe dürften spätestens 2030 etwas gemildert werden, wenn der renovierte Abttrakt zur Verfügung stehen sollte. Nach langem Seilziehen über die Nutzung des Abttrakts haben sich die Musikinsel, der Verein Insel Museum Rheinau und der Kanton als Besitzer der Klosteranlage schon im Frühling 2024 in Grundzügen über die Raumaufteilung geeinigt. Der Musikinsel wurden vier Proberäume und rund 40 Betten in Aussicht gestellt.
Mittlerweile sei seitens der Baudirektion nur noch die Rede von 34 Betten, sagte Rahel Blocher. Sie befasst sich schon seit dem Konzeptentwurf intensiv mit der von ihrem Vater mit 20 Millionen Franken dotierten Stiftung. «Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wären 50 zusätzliche Betten nötig. Im aktuellen Betrieb machen wir jedes Jahr rund 100'000 Franken Verlust.»
Vermögen und Nachfrage intakt
Operative Verluste auf Dauer könne der Stiftungsrat nicht hinnehmen, betonte Christoph Blocher mehrfach. Zwar sei das Stiftungsvermögen heute deutlich höher als vor zwölf Jahren, das sei aber den Gewinnen am Aktienmarkt zu verdanken.
Folglich konnten die Defizite aus den Gewinnen bisher mehr als gedeckt und so das übliche Mindestziel gemeinnütziger Stiftungen gut erfüllt werden. Der Unternehmer betrachtet aber auch seine Stiftung wie ein langfristig profitorientiertes Unternehmen: «Keine Firma macht ewig so weiter, wenn der Normalbetrieb ihr Vermögen abbaut.»
Der Normalbetrieb zeigt auf der Ausgabenseite unter anderem jährlich 342'000 Franken für Miete und Nebenkosten an den Kanton sowie die Lohnkosten für neun Angestellte mit Pensen zwischen 70 und 100 Prozent und zwei im Stundenlohn.
«Kein Opfer des Erfolgs werden»
Damit waren die Stossrichtung und die Botschaft der Medieneinladung klar: Die Musikinsel sei etabliert, ihre Zukunft hänge aber von der Bettenzahl ab, sagten beide Vorsitzende des Stifungsrats mehrmals deutlich. Man wäre auch an nahegelegenen Alternativen zum Abttrakt interessiert.
Ohne Erweiterung riskiere die Musikinsel, «ein Opfer ihres eigenen Erfolgs» zu werden: «Zu viele Absagen mangels Betten führen dazu, dass wir nicht mehr angefragt werden.» Und: Der Kanton sollte Nutzungen bevorzugen, die nicht nur kosten, sondern Mieteinnahmen brächten.
Ausstiegs- und Verlängerungsoption
Der Erfolg des Experiments Musikinsel übertreffe alles, was sie beim Start 2014 gehofft habe, sagte Rahel Blocher und strahlte. Ende März 2027 kann die Stiftung den Mietvertrag nun entweder auf zwei Jahre hinaus kündigen oder bis 2034 verlängern, danach mit einer weiteren Option bis 2039.
Diesbezüglich waren die Botschaften von Vater und Tochter eindeutig zweideutig: An einer abrupten Beendigung ihrer Erfolgsgeschichte an diesem einmaligen Ort schienen beide nicht wirklich interessiert. An der bedingungslosen Weiterführung des Status quo aber auch nicht.
Allenfalls könnte sich die Baudirektion vorerst ein Post-it an die Pinwand heften: «Reminder Musikinsel Rheinau: +50 Betten».
Musikinsel besteht auf 50 Betten mehr