Weinland

Pilotin mit Leib und Seele

Regula Eichenberger wurde 1983 die erste Schweizer Linien­pilotin. Wie es dazu kam und was sie als Frau in der Männerdomäne erlebte, erzählte sie an einer Lesung in der Bibliothek.

von Christina Schaffner
03. Oktober 2023

Mit 23'000 Flugstunden verbrachte Regula Eichenberger viel Zeit über den Wolken. Kein Wunder, die pensionierte Eglisauerin machte nicht nur mit 17 Jahren den Flugschein, sondern wurde 1983 auch die erste Linienpilotin der jungen Crossair. Moritz Suter, Gründer der Fluggesellschaft, nutzte sie für Marketingzwecke, wie sie während einer Lesung in der Bibliothek Rafz am Freitagabend erzählte. Pilotinnen gab es zwar schon lange, aber keine, die Linienflugzeuge flogen.

Doch fast wäre der Eröffnungsflug am 25. März 1983 noch geplatzt – wegen der Uniform. Abgesprochen war, dass sie zwei Hosen bekommen sollte. Gekommen seien aber zwei Röcke. «Es war nicht nur fast unmöglich, damit auf den Sitz zu klettern», erzählte sie rückblickend. Auch den Steuerknüppel zwischen den Beinen zu sich zu ziehen, wäre nicht gegangen, ohne dass der Rock bis zur Hüfte hinaufgerutscht wäre. «So wäre ich niemals geflogen», betonte sie, die sich damals in der Männerwelt als einzige Frau mit diesem Problem alleingelassen fühlte. Moritz Suter lenkte, nach Intervention durch Regula Eichenbergers Vater, ein – am Vorabend wurden die Hosen per Express geliefert. So stand dem Flug von Bern nach Lugano mit Bundesrat Leon Schlumpf nichts mehr im Wege.

Kapitänin mit 30 Jahren
In der jungen, schnell expandierenden Fluggesellschaft stieg Regula Eichenberger bereits nach zweieinhalb Jahren  zur Kapitänin auf. Das Fliegen habe ihr wenig Probleme bereitet. In den 50 Jahren Flugkarriere kam sie unfallfrei, aber nicht ohne unangenehme Situationen durch. So wie als Flugschülerin bei einer Landung, als die Bremse nicht funktionierte. «Ich hätte sie einfach noch mal zurückschieben und ziehen müssen», sagte sie. Ihr Vater als Fluglehrer am Funkgerät konnte ihr das nicht mitteilen, da sie den Sprechknopf ebenfalls gedrückt hielt. Durch eine 180-Grad-Kurve konnte sie schliesslich anhalten.

Grössere Probleme bereiteten ihr eher die zwischenmenschlichen Interaktionen. Wie der Pilot, der jede Gelegenheit zum Essen nutzte und sie deshalb nie Zeit zum Essen bekam. Oder die dummen Sprüche von Passagieren, wenn sie im Cockpit zwei Frauen entdeckten. Kurz vor Ende ihrer Berufstätigkeit schmiss sie deshalb auch einen Mann aus dem Flugzeug, der seinen Spruch dann als Witz verharmlosen wollte.

Regula Eichenberger flog längere Zeit in Australien, Asien und Afrika, bei einer Fluggesellschaft auch auf Langstrecken zusätzlich nach Südamerika und auf die Malediven. Ihrer Erfahrung nach spielt bei der Flugsicherheit vor allem menschliches Versagen eine Rolle, weshalb sie die Sensibilisierung der ganzen Crew für gefährliche Situationen unerlässlich findet.

Umschulen auf Airbus
Mit 55 Jahren erlebte sie den wohl grössten Schritt ihrer Flugkarriere: Sie musste auf Airbus umschulen. «Das lässt sich vergleichen mit dem Umstieg von einer Schreibmaschine auf einen Computer», verdeutlichte sie. Fast ein Jahr habe es gedauert, bis sie sich am Steuerknüppel wirklich wohl gefühlt habe. 2015, mit 60 Jahren, wurde sie pensioniert – mit rotem Teppich und Blumen von ihren Kolleginnen und Kollegen. «Es war ein fantastischer Tag, den auch mein Vater im Cockpit mit seinen 86 Jahren erlebte und auf Video festhielt.» Nachzulesen ist ihre Lebensgeschichte in ihrer 2022 erschienenen Biografie «Über den Wolken». Um sich wirklich zum Schreiben hinzusetzen, brauchte es mehrere Anstösse. Aufgefordert worden war sie öfter. Doch erst der Tod des Vaters – «er war ein begnadeter Erzähler, durch seinen Tod waren alle Geschichten weg» – im Herbst 2020 und die freie Zeit während der Corona-Pandemie brachten sie an den Computer.

Vom Vater geprägt
Aufgewachsen in einer flugbegeisterten Familie – ihr Vater war Pilot und Fluglehrer, ihre Mutter lernte durch ihn segelfliegen, und auch die ältere Schwester machte den Flugschein –, verbrachte Regula Eichenberger grosse Teile ihrer Kindheit und Jugend auf Flugplätzen. «Mein Vater war seiner Zeit weit voraus», sagte sie. «Er machte keinen Unterschied zwischen Mann und Frau oder Schwarz und Weiss.» Zusammen mit seinen Kollegen baute er 1969 den Flugplatz in Buttwil, nachdem sie den in Spreitenbach hatten aufgeben müssen.

Diese Zeit prägte die Jugend von ­Regula Eichenberger nachhaltig. Fluglehrerin wurde sie mit 25 Jahren – nachdem sie die Ausbildung zur Primarlehrerin gemacht hatte, weil sie ­«etwas Anständiges lernen sollte». Glücklich wurde sie dann aber als Linienpilotin «über den Wolken».

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