Weinland

Retten, sparen … und dafür rumfahren

Um einwandfreie Lebensmittel nicht wegwerfen zu müssen, bieten sie Weinländer Läden über eine Vermittlungs-App zu stark reduziertem Preis an. Im Selbstversuch der «AZ» erwies sich das als gute Idee. Mit Vorbehalten.

von Silvia Müller
26. November 2021

Diese App appelliert an die edlen Gefühle: «Rette leckeres Essen, hilf dem Planeten, werde Teil von etwas Gros­sem» ruft mir «Too good to go» zu. Und klopft mir sogar virtuell auf die Schulter, lobt mich und bedankt sich, wenn ich tatsächlich auf eines der Angebote klicke und es im Laden abhole.

So wie jetzt bei der Bäckerei in Klein­andelfingen, wo es fast jeden Abend «Magic bags» gibt. Darin sind in der Regel entweder fünf tiefgekühlte Brote vom Vortag (Wert: 24 Franken, Preis: 7.90) oder fünf Sandwiches aus der Kühlvitrine (Wert: 27 Franken, Preis 8.90). Die habe ich per App reserviert, heute Abend gibts mal kalt, natürlich nur zu Recherchezwecken.

Ich beobachte, wie die nette Verkäuferin fünf prächtige Sandwiches aussucht und sogar darauf achtet, dass möglichst verschiedene Sorten dabei sind. «In einer halben Stunde schlies­sen wir, um diese Zeit verkaufen die sich leider nicht mehr», sagt sie. Meine Familie wundert und freut sich über den ungewöhnlichen Znacht, und ich überlege mir beim Kauen, was ich morgen den Bäcker fragen werde.

Pionier im Weinland
Stefan Kilchsperger muss nicht lange überlegen. «Wir waren die Ersten zwischen Winterthur und Schaffhausen, als wir im Mai 2019 bei ‹Too good to go› einstiegen, lange vor den Grossverteilern», erzählt er mit hörbarem Stolz. Ja, mehr noch, damals habe diese Plattform gegen Lebensmittelverschwendung erst Mahlzeiten aus der Gastronomie vermittelt, doch er habe ja vor allem eine Lösung für das nicht verkaufte Brot gesucht. «Also habe ich angefragt, ob Einzelartikel wie Brote, Patisserie oder Sandwiches auch ins Konzept passen würden.»

Zusammen mit «Too good to go» hat die Bäckerei eine Lösung gefunden, die inzwischen auch bei Grossverteilern und Lebensmittelläden zur Anwendung kommt: der «Magic bag», zu Deutsch die Wundertüte. Denn was genau drin ist, wissen die Kunden in der Regel erst, wenn sie sie bezahlt und abgeholt haben.

Das Konzept schreibt einzig vor, dass es sich um einwandfreie Lebensmittel handeln muss, die am nächsten Tag nicht mehr verkauft werden dürfen. Die Läden können grob spezifizieren, ob beispielsweise «Früchte/Gemüse» oder sonstige «Einkäufe» drin sind. Vegetarier und Veganer können mit einem Kreuzchen im Userprofil verhindern, dass ihnen Unliebsames eingepackt wird.

Wegen des Geldes tuts niemand
Der Bäcker entscheidet jeweils nach dem Mittag, wie viele «Magic bags» er für diesen Abend hochlädt. Bis um 18 Uhr haben die Kunden bei ihm Zeit zum Klicken. Das Angebot gehe fast jeden Tag weg, sagt Stefan Kilchsperger. Diese App sei eine gute Sache, auch wenn es unter dem Strich damit nichts zu verdienen gebe. «Wenigstens nicht für Bäckereien und wohl auch nicht für andere Läden», meint er.

In der Schweiz behält «Too good to go» für jede Transaktion 2.90 Franken als Kommission für sich. Dafür wickelt die Plattform die Vermittlung und den Bezahlvorgang ab. Die Betriebe müssen einzig ihre Ware hochladen und den Kunden übergeben. Alle drei Monate bekommt Stefan Kilchsperger eine Abrechnung und die Überweisung. Daher wisse er, dass er so «schon mehrere Tausend Brote gerettet und dadurch offenbar 222 Kilo CO2-Ausstoss verhindert» habe.

Für wen sich die gute Idee sicherlich lohnt, zeigen die etwas anderen Dimensionen auf der «Too good to go»-Plattform: Allein in den ersten drei Jahren in der Schweiz hat das dänische Unternehmen laut eigenen Angaben über drei Millionen Mahlzeiten gerettet und so 7600 Tonnen CO2 eingespart. Inzwischen seien bereits 5100 Partnerbetriebe und 1,53 Millionen Nutzer registriert. Weltweit operiert die Firma bereits in 17 Ländern.

«Viel besser als wegwerfen»
Was nach Abzug der Provision bleibt, deckt in der Bäckerei höchstens einen Teil der Kosten für die Zutaten, die Energie- und Lohnkosten nicht. Warum tut Stefan Kilchsperger es also? Weil alle Alternativen schlechter wären, sagt er. Aus Verantwortung, und «weil Lebensmittel wegwerfen immer wehtut». Da sei es das bessere Gefühl, dass jemand die Produkte wirklich noch esse und sie und den günstigen Preis schätze.

Der Aufwand für die Läden sei sehr klein. Und die Kunden mache es zu 95 Prozent glücklich – und das sei ja auch eine gute Werbung. «Darunter sind alle Arten Leute. Solche, die aufs Geld gucken müssen, aber auch solche, die karitativ unterwegs sind und die Lebensmittel weitergeben», sagt er. Leute aus dem Dorf, Stammkunden? «Nein, eher weniger. Die meisten kommen mit dem Auto von irgendwoher und kannten uns vorher nicht.»  Für die Ökobilanz der an sich sinnvollen Idee wäre es natürlich besser, wenn wirklich Leute aus der Umgebung sich die «Magic bags» abholen würden. Aus diesem Grund haben sich inzwischen die ersten Bauernhofläden wieder von der App verabschiedet – obwohl der Schweizer Bauernverband für die Teilnahme wirbt. Um ihre Überschüsse rechtzeitig absetzen zu können, ist manchen Landwirten ein Gruppenchat mit interessierten Stammkunden sympathischer als von weither anfahrende Einmalkunden.

Das sieht auch Beatrice Lüscher vom Bioladen Lindenmühle beim Bahnhof Andelfingen so. «Es kommen in aller Regel keine Kunden von hier. Auch aus diesem Grund sind wir im Team verschiedener Meinung über die Sache», sagt sie nach etwas mehr als einem halben Jahr Erfahrung mit der Plattform.

Um mitzumachen, müssen Betriebe  mindestens zweimal pro Woche etwas hochladen. In der Lindenmühle sind das jeweils Bio-Lebensmittel im Wert von 15 Franken für 4.95. Davon bleiben ihr also 2.05 – «da könnte man es auch gleich verschenken, finden einige». Doch die App garantiere eben, dass überhaupt jemand vom Angebot erfahre. «Deshalb machen wir sicher noch weiter. Mein Hauptansatz ist und bleibt aber der, alle Produkte aus dem Laden termingerecht möglichst in der eigenen Gastronomie zu verwenden. Das ist mit Sicherheit am nachhaltigsten.»

Schnäppchenjagd mit Tücken
Der zweite Teil meiner Recherche lehrt mich Neues: In einem Volg wartet seit ein paar Stunden ein «Magic bag» auf mich, doch kurz bevor ich das Päckli abholen darf, wird mir eine Stornierung gemailt. Ich gehe natürlich trotzdem hin und frage die Verkäuferin meines Vertrauens: «Wie das?» – «Wenn wir die Artikel im Laufe des Tages selbst verkaufen können, dürfen wir das Angebot bis eine halbe Stunde vor Abholung stornieren», sagt sie. Aha. Fest einplanen für den Znacht sollte man so ein Fresspäckli also nicht. Wieder etwas gelernt. Wenig später meldet mir «Too good to go» via Mail, dass meinem Konto dafür nichts abgebucht wurde, und entschuldigt sich mit «Lass es uns positiv sehen: Hier wird heute kein Essen verschwendet!»

Die schwierige Wettersituation hat sich auch auf den Preis von Schweizer Gemüse ausgewirkt.
Die schwierige Wettersituation hat sich auch auf den Preis von Schweizer Gemüse ausgewirkt. / LID

Trotz höheren Preisen wenig Reklamationen

Region: Gemüse aus der Region nach Hause geliefert: Gemüseabos sind im Trend. Dieses Jahr forderten eine tiefe Ernte und hohe Preise die Anbieter heraus.

Direktvermarktung ist vielfältig: Der Hofladen direkt auf dem Betrieb, ein Automat, das regionale «Lädeli» im Dorf oder der Wochenmarkt in der Stadt. Mittlerweile gibt es auch viele Betriebe, die Heimlieferangebote anbieten: Als Gemüse-, Obst- oder gemischtes Abo. So gelangen Gemüse und Früchte vom Anbaubetrieb oder vom Gemüse- und Obsthändler direkt zur Endverbraucherin oder zum Endverbraucher. Jüngst hat die anhaltende Corona-Pandemie diesen Heimlieferservice noch verstärkt, und anbietende Betriebe verzeichneten besonders letztes Jahr grossen Zuwachs bei ihren Gemüse- oder Obstabos.

Und die Gemüseabokundinnen und -kunden wollten auch dieses Jahr versorgt sein. Aufgrund der ausserordentlichen Wettervorkommnisse diesen Sommer war das Gemüsesortiment aus Schweizer Produktion aber teilweise stark eingeschränkt und nicht so üppig wie sonst. Über das ganze Gemüsesortiment hätten im Hochsommer 10 bis 20 Prozent der üblichen Mengen gefehlt, schätzte Markus Waber, stellvertretender Direktor des Verbands der Schweizer Gemüseproduzenten, Anfang Oktober. Zum Teil mussten die Gemüselücken sogar mit Importen gefüllt werden.

Gemüseproduzent Heinz Höneisen hatte weniger Probleme mit der verfügbaren Menge – und dies trotz einem Totalausfall von Kulturen auf rund 15 Hektaren. Er baut das Gemüse für die angebotenen Abos auf seinem Betrieb Thurlandbio in Andelfingen selber an und ist entsprechend unabhängig. «Wir haben einen relativ grossen Gemüseanbau und hatten so genug Ware, um unsere Gemüseabos zu befüllen», erläutert er.

Zufällig hätten sie dieses Jahr auch einen signifikanten Mehranbau gemacht, und als verschiedene Kulturen wie Kartoffeln im Regen abgestorben und verfault seien, hätten sie während des schlechten Sommers gleichwohl gerade eine genügende Menge ernten können. Und wenn es trotzdem knapp geworden sei, dann hätten einfach die Grossverteiler weniger bekommen.

Kleineres, aber teureres Angebot
Genug Vielfalt zu bieten, sei diesen Sommer eine Herausforderung gewesen, denn die Kunden wollten ja nicht jede Woche dasselbe. Die grösste Herausforderung sei aber der Preis gewesen: Das Gemüse sei dieses Jahr fast doppelt so teuer wie letztes Jahr. Bei Abos, die einen fixen Preis haben, sei das schwierig, da die Körbe nicht mit der gleichen Menge wie üblich befüllt werden können.

Die Kundschaft habe aber sehr viel Verständnis und Akzeptanz gezeigt und begriffen, dass bedingt durch die schlechte Produktion auch der Preis gestiegen sei und die Körbe entsprechend etwas kleiner ausfielen, so Heinz Höneisen. «Es gab keine Rückmeldungen, dass Abonnentinnen und Abonnenten ausgestiegen sind, weil ihnen das Gemüse dieses Jahr zu teuer war.» Bei kleinen Detailhändlern und Dorfläden, die sie belieferten, sei diese Problematik hingegen schon aufgekommen. Ein Kilo Biokohl für neun Franken habe bei den Kleindetaillisten für Rückmeldungen gesorgt.

Regionale Unterschiede
In Bezug auf die Qualität des Gemüses sei es wiederum andersherum gewesen, erzählt Heinz Höneisen weiter. Interessanterweise seien die Detaillisten und Grossverteiler in dieser Hinsicht kulanter gewesen und hätten Ware etwas ausserhalb der Norm gut akzeptiert. Die privaten Gemüseabokundinnen und -kunden verlangten hingegen beispielsweise grössere Kartoffeln, die er schlichtweg nicht habe bieten können. «Und leider ist in dieser Hinsicht ja auch keine Änderung in Sicht – die Kartoffeln und auch die Zwiebeln werden im Lager nicht mehr grösser», meint Heinz Höneisen.

Er beobachte aber, dass die Kundinnen und Kunden immer weniger wegen nicht ganz der Norm entsprechendem Gemüse reklamierten. Das sei eine erfreuliche Entwicklung. (lid/az)

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