Weinland

Retten wir die Milchstrasse!

Ganz so schlimm steht es noch nicht: Noch bringen Astrofotografen wie Andreas Jones die Milchstrasse aufs Bild. Sein Hobby führt ihm aber das Ausmass der weltweiten Lichtverschmutzung vor Augen.

von Silvia Müller
15. Juni 2021

Früher habe er ziemlich viel Zeit mit Gamen verbracht, erzählt der 23-jährige Andreas Jones, während er seinen Rucksack mit der Fotoausrüstung anzieht. Irgendwann hätten sich dann die ersten Freunde vom Gamen verabschiedet – und auch er habe gespürt, dass es «Zeit für etwas Neues» sei. «Ich fing an, mit meiner Handykamera zu experimentieren.» Heute verbringt er so manche Nachtstunde unter freiem Himmel, mit Blick aufs Universum.

Schon für die Vertiefungsarbeit in seiner Lehre zum Zeichner Gebäudetechnik legte er sich eine Kameradrohne zu. Mit ihr erweiterte er sein fotografisches Repertoire. «Die Drohnenkamera überzeugte mich nicht, ich habe sie wieder verkauft und eine Spiegelreflexkamera und etwas Spezialzubehör angeschafft», erzählt Andreas Jones. Fünf bis sechs Kilo schleppt er mindestens herum, denn für die Bilder, auf die er nun aus ist, braucht es meist einiges an Ausrüstung.

Nach der Lehre reiste der Ossinger sechs Monate lang alleine durch Neuseeland, wo er familiäre Wurzeln hat. «Ich bin die ganze Zeit herumgereist und -gewandert und habe täglich und gezielt fotografiert», erzählt er. Viele der faszinierenden Bilder auf seiner Website sind in Neuseeland entstan­-den – Pflanzen, Tiere, Landschaften und Wetterphänomene.

Den Blick heben ins All
Vor etwa drei Jahren stiess er auf eine neue technische Herausforderung: die Astrofotografie. Das sei immer noch eine fotografische Nische, und als Hobby weltweit zwar am Wachsen, aber auf sehr tiefem Niveau: «In der Schweiz weiss ich nur gerade von fünf, sechs Leuten. Mit einem von ihnen treffe ich mich manchmal an Orten, wo die Bedingungen gut sind, zum Fotografieren.»

Während er das erzählt, stellt er sein Stativ beim Ossinger Grossvaterbuck auf. Er zeigt auf den Horizont, der im Abendrot aufleuchtet: «Bald ist es dunkel genug, dass die ersten Sterne sichtbar werden. Aber auf dieser Seite, Richtung Zürich und Frauenfeld, wird die ganze Nacht eine gelbliche Lichtkuppel stehen bleiben. Keine optimalen Bedingungen für Sternfotos.» Zur Bekräftigung holt er auf einer App eine Karte der Organisation «Dark Sky» hervor. Gut zu sehen: Ganz Norditalien, und die Region Mailand sowieso, leuchtet nachts flächendeckend.

Auch über den bewohnten Flächen der Schweiz wird es nie mehr ganz Nacht. Nur noch im abgelegenen Gebirge ist natürliche Finsternis zu erleben. Jene totale, bei der man zwar kaum die Hand vor Augen, dafür aber die Milchstrasse erkennen kann. «Wir treffen uns beispielsweise auf dem Klausenpass und wandern los. Dort in der Höhe ist es dunkel und die Luft klarer. Beides, Licht- und Luftverschmutzung, stört die Fotos.»

Auf seiner in Englisch gehaltenen Website schreibt er denn auch (übersetzt): «Die Lichtverschmutzung verstellt unsere Sicht auf die Schönheit der Milchstrasse. Irgendwann werden wir sie gar nie mehr von blossem Auge erkennen können. Deshalb bitte ich euch, alle unnötigen Lichter zu löschen. Nicht nur für uns. Auch für die Natur.»

Star-Tracker für Star-Trek-Kulissen
Inzwischen hat er den Star-Tracker auf dem Stativ montiert, eine elektronische Montierung. Sie schwenkt die Kamera während der Langzeitbelichtung den wandernden Sternen hinterher. Ohne dieses Mitwandern wären die Sterne nicht als Punkte, sondern als Lichtschweife auf dem Foto. «Entscheidend ist, dass vorher der Fixpunkt am Himmel – der Polarstern – exakt zentriert wurde. Den Rest regelt der Tracker», erklärt er. Bald wird er seine Kamera zum ersten Mal auslösen.

Ohne Tracker schafft man Verschlusszeiten von bis zu zehn Sekunden, seine Kamera hält den Verschluss bis zu drei Minuten lang offen. Wenn er so mehrere Bilder hintereinander schiesst und mit einer Software stapelt, kann er «praktisch ewig lang belichten» – die Voraussetzung für gute Astrofotos.

Satelliten als Spielverderber
Ausserhalb seines Bildrands zieht ein Flugzeug eine Linie am Abendhimmel. Was viele Fotografen an Langzeitaufnahmen entzückt – Lichtschlieren, zum Beispiel jene vorbeifahrender Autos – regt Astrofotografen normalerweise auf. «Als vor einem Jahr die ersten Starlink-Satelliten von Elon Musks Firma Spacex ständig über das Firmament zogen, teilte das die Astrofoto-Gemeinschaft in zwei Lager: Die einen waren begeistert über das neue Fotomotiv, die anderen ärgerten sich enorm, dass ihre Langzeitfotos durch diese Lichtschweife beeinflusst wurden.»

Andreas Jones hat beides festgehalten. «Die Sterne sind aber schon faszinierender. Hier unten zu stehen und zu denken, dass man gerade in die Vergangenheit blickt, ist irgendwie unbegreiflich.» Was genau meint er? «Wir wissen nicht, ob diese Sterne überhaupt noch existieren. Vielleicht sind sie schon seit Hunderttausenden von Jahren erloschen, und nur noch ihr Licht ist unterwegs.»

Das ist Naturwissenschaft und Philosophie zugleich. Und beim nächsten Lichterlöschen ein Argument, den Schalter zu kippen. So ein Lichtlein, das kann nämlich noch extrem lange und weit herumirren.

https://andreasjones-photography.com/
http://www.darksky.ch


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