Weinland

So kostbar und doch nichts mehr wert

Die Jäger der Region brachten am Samstag 261 Fuchsbälge in die Riedmühle, um sie dem Gerber zu verkaufen. Kaum aus Gewinnsucht – pro Fell gibts einen Fünfliber. Allein das Häuten dauert bis zu einer Stunde.

von Silvia Müller
05. März 2019

Schwer nachzuvollziehen: Während die Mode zurzeit an jedem Parka und auf jeder Kappe statisch aufgeladene Kragen und Bommeln aus erdölbasiertem Kunstpelz zelebriert, wird das Tragen von echtem Pelz kategorisch verpönt. Keine Frage, Pelze aus tierquälerischen Zuchten oder aus der Jagd mit Fallen dürften gar nicht erst auf den Markt kommen und werden zu Recht boykottiert. Doch in der Schweiz werden jedes Jahr 35 000 freilebende Füchse erlegt, weil die Bestände sonst zum Problem würden. Seit der Ausrottung der Tollwut in den Siebzigerjahren steigt die Fuchspopulation stetig. Längst besiedeln die anpassungsfähigen Tiere sogar die Innenstädte.

Würden die Jäger rein marktwirtschaftlich denken, müssten sie jeden toten Fuchs unberührt in die Kadaversammelstelle bringen. Das tun sie in den meisten Fällen auch. Denn die Gerber zahlen aktuell pro Balg den historischen Tiefpreis von fünf Franken. Dafür müssen die Jäger das Tier eine halbe bis eine ganze Stunde lang abbalgen – das Abziehen und Abschaben der Haut vom Muskelfleisch sei keine besonders angenehme Arbeit, erzählten sie am Samstagmorgen beim Fellmarkt vor der Riedmühle.

Manche Jäger machen sich diese Mühe trotzdem, aus Traditionsbewusstsein und aus Respekt vor dem getöteten Tier, wie sie betonen. Nach Dinhard brachten sie 261 Füchse, 9 Steinmarder, 3 Dachse und 4 Kaninchen. Der Erlös reiche je nachdem nicht mal für die Fahrtkosten und den Imbiss im Restaurant. Oft legen sie pro Balg sogar noch 50 Franken drauf – soviel kostet sie das Gerben, wenn sie ihre eigenen Felle zurückhaben wollen, um daraus etwas herzustellen. Im Verkauf kostet ein Rotfuchsfell heute 80 bis 110 Franken.

Russlandmarkt geschlossen
Der Aufkäufer Peter Hofstetter beschäftigt sich in dritter Generation mit dem Handel und der Herstellung von Kürschnerwaren. Jedes Jahr nimmt die Firma den Schweizer Jägern zwischen 3500 und 4500 Bälge ab, vorwiegend Füchse, aber auch Marder und Dachse.Auch er habe keine Freude, dass er dafür nicht mehr bezahlen könne, sagt der Händler. Der Preis sei dermassen im Keller, weil die Nachfrage zusammengebrochen sei.

«Der Schweizer Markt war schon immer zu klein für die hier anfallenden Tierhäute», sagt Peter Hofstetter. Und inzwischen gibt es praktisch keine Konfektionsfirmen mehr, die Pelze abnehmen und verarbeiten. Die Johann Hofstetter AG in Flawil selbst könne jedes Jahr nur einige hundert Felle verarbeiten, 80 Prozent der eingekauften Felle gingen seit jeher in den Export. Der wichtigste Abnehmer war Russland. «Seit 2014 und den internationalen Embargomassnahmen gegen Russland ist dieser Exportweg blockiert. Pelze gelten als Rohstoff. Andere Exportkategorien wurden unterdessen wieder erlaubt, aber die Lieferung von Rohstoffen nicht», erklärt er.

Jagdverbände wünschen Umdenken
Die Tabuisierung der wertvollen Tierfelle steht in einem seltsamen Gegensatz zu anderen, unhinterfragten Tendenzen. So sind Daunenjacken der gros­se Renner, obwohl bekannt ist, dass die plötzliche enorme Nachfrage nach diesem Füllmaterial unmöglich nur mit dem schonenden Teilrupfen von glücklichem Freilandfedervieh gestillt werden kann.

Andererseits wird die vollständige Verwertung von (bezeichnenderweise sogenannten) Nutztieren propagiert. «From nose to tail», also «vom Schnäuzli zum Schwänzli», lautet die ökologisch-kulinarische Devise. Dass von Rindern nicht nur das Fleisch, sondern auch das Leder genutzt wird, gilt all­gemein als sinnvoll und unumstritten. Fleisch von Füchsen wird höchst selten zur Fleischkontrolle gebracht, weil die Tradition, Hunde und hundeartige Tiere zu verzehren, bei uns verschwunden ist. Doch für die wertvollen Felle aus der Wildtierjagd wünschen sich die Jagdverbände ein Umdenken.
«Soeben haben wir an der Jagdmesse in Salzburg eine Modeschau erlebt, wo Nachwuchsdesigner ihre Pelzentwürfe zeigten», erzählt Max Wiesendanger vom Jagdrevier Rickenbach. Er zückt sein Handy und zeigt Schnappschüsse wunderbarer, moderner Kreationen, häufig auch aus eingefärbtem und geschorenem Pelz. Lauter Stücke, die nicht nach einer Saison out sind, sondern das Potenzial zum Erbstück haben. «Uns Jägern tut es weh, dass just das Wertvollste und Dauerhafteste am Tier nicht mehr geschätzt wird.»

Nachvollziehbare Gegenargumente
Pelzgegner argumentieren genau umgekehrt: Jedes attraktive Pelzprodukt weckt bei den Konsumenten die Gier nach mehr. Wird Echtpelz zum globalen Boom für jedermann, kann und wird diese Gier mit Garantie nur profit­optimiert aus tierquälerischer Produktion befriedigt werden. Deshalb zielen Tierschutzverbände auf Totalverbote. In einem Punkt sind sich Pelzgegner und Pelzbefürworter also einig: Pelztragen ist Gewissensfrage.

Sehenswertes und «Breaking News» am Fellmarkt
Mit leeren Händen an den Fellmarkt zu kommen, macht weniger Freude – vermutlich auch deshalb häuten manche Jäger die schönsten Tiere ab. Denn am Fellmarkt trifft man sich mal revier­übergreifend und pflegt die Geselligkeit in der warmen Beiz. In Dinhard gabs ausser Kürschnereiwaren exklusive Jagdgewehre und Messer aller Art zu kaufen. Wildmetzgereien boten ihre Spezialiäten an, und die Jagdhornbläser Winterthur spielten auf. Auch Neuigkeiten wurden diskutiert, etwa dass im Weinland in den letzten Wochen mehrere Fälle von Fuchsräude aufgetreten sind. Und Elsbeth Voerkel von Jagd Zürich berichtete, dass im Kanton in letzter Zeit vermehrt Goldschakale gesichtet worden seien.

Diese Einwanderer stammen ursprünglich aus Indien und haben sich über den mittleren Osten, die Türkei und den Balkan bis in den Alpenraum verbreitet. Goldschakale sind dem Fuchs ähnlich, aber etwas grös­ser und näher verwandt mit dem Wolf. Laut dem Schweizer Artenmonitor Kora erfassten Fotofallen erstmals 2011 einen Goldschakal in der Surselva. Schakale leben als lebenslange Paare zusammen und zeigen ein interessantes Sozialleben. (sm)

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