Der bauleitende Ingenieur Andrea Federle zeigt abmontierte Querverstrebungen voller Rost und abblätternder Rostschutzpartikel.
Die 1895 erbaute Stahlfachwerkbrücke zwischen Feuerthalen und Schaffhausen ist vollständig mit einem Gerüst eingekleidet. 1964 wurde sie erstmals saniert, doch wohl nur statisch. «Umfassende Massnahmen zum Korrosionsschutz sind jedenfalls nicht dokumentiert», erklärte der bauleitende Ingenieur Andrea Federle am Dienstag den Medien vor Ort. Ganz anders diesmal: Im Zentrum der Sanierung stehen nicht nur der Ersatz rostiger Elemente, sondern das grundlegende Entfernen aller alten Rostschutzaufträge.
Zur Erklärung kratzte Andrea Federle an bereits ausgebauten Stahlträgern. Eine Mischung aus Rost, grauer und oranger Farbe blätterte ab: «Das ist Mennige, ein bleihaltiger Rostschutz, der früher üblich war. Wir müssen alle Metallelemente mit einem Strahlmittel und mit Druckluft sauberstrahlen und vier ultradünne Schichten zeitgemässen, ungiftigen Korrosionsschutz auftragen.»
Weil früher Blei und im Bereich der Gleiströge auch Asbest aufgetragen wurden, müssen die Arbeiten in den betroffenen Abschnitten in abgedichteten Kammern und mit Unterdruck durchgeführt werden, damit keine Partikel in die Umwelt gelangen. Die Ausführenden in weissen Overalls gleichen Astronauten und beziehen den zum Atmen nötigen Sauerstoff je nach Einsatz tatsächlich durch ihre Schutzmaske. Das abgetragene Material wird in die Sondermülldeponie transportiert.
Die Asbestsanierung ist bei laufendem Betrieb nicht möglich und der Grund für die dreimonatige Umstellung auf Ersatzbusse zwischen Schaffhausen und Feuerthalen. Ab dort fahren wie gewohnt Züge Richtung Bodensee weiter.
«Für Bauingenieure ein Traum»
Bis Juli 2027 werden alle anderen Arbeiten bei laufendem Betrieb durchgeführt. Aus Sicherheitsgründen sind bestimmte aber nur in der nächtlichen Fahrplanpause möglich. Für die vielen Anwohner mitten in der Stadt bedeute das leider Lärm, sagte Andrea Federle. «So gesehen sind Projekte in der Landschaft viel angenehmer. Aber sonst ist diese Sanierung ein echter Höhepunkt: ein historischer Stahlfachwerkbau wie aus der Studienliteratur.»
Deshalb sei auch die Denkmalpflege eng dran. 1895 hat man die Elemente noch direkt an Ort und Stelle vernietet. Weil diese optisch schöne Technik nicht mehr zeitgemäss ist, sind beim Ersatz Schrauben erlaubt.
Bald parat für 40 Jahre und mehr
Das SBB-Bahnnetz zählt zu den meistbefahrenen der Welt. Schwingungen, der Schienendruck und das Gewicht der Züge nutzen die Infrastruktur stark ab. Die SBB führt daher gebündelt und regelmässig Erneuerungsarbeiten durch, jährlich rund 20'000 schweizweit und wenn immer möglich ohne Auswirkungen auf den Fahrplan.
Die Feuerthaler Eisenbahnbrücke erhält einen frischen Schutzanstrich auf der gesamten Stahlkonstruktion. Ihr Schottertrog wird abgedichtet und vorhandenes Asbest entfernt. Zusätzliche Elemente werden eingebaut, um die Stabilität der Tragkonstruktion zu verstärken. Der schmale Dienststeg auf der flussaufwärts liegenden Seite entspricht nicht mehr den Sicherheitsvorschriften. Er wird verbreitert, um den Zugang für den Unterhalt leichter und sicherer zu machen. Die Leitungen und Fahrleitungsmasten werden erneuert und die technische Ausrüstung auf den neuesten Stand gebracht. Die Fahrbahn bekommt neue Gleise und Schienenanlagen.
Grosse Zahlen
1000 Quadratmeter Gerüste werden aufgebaut und 45 Tonnen neue Stahlbauteile montiert. Rund 5200 Quadratmeter des bestehenden Stahls werden vom Rost befreit und rund 30 Tonnen verunreinigtes Strahlgut fachgerecht entsorgt. Allein der neu aufgetragene Korrosionsschutz wiegt 15 Tonnen.
Die Kosten von rund 15 Millionen Franken sind finanziert über die Leistungsvereinbarung des Bundes. Ab Juli 2027 werde die Brücke für mindestens 40 Jahre wieder unter Volllast befahren werden können, hofft Oberbauleiter Federle.
Vermummte auf der Brücke