Mit den Händen erkunden die Kinder verschiedene Gegenstände und erleben, wie wichtig der Tastsinn ohne Augenlicht wird.
Die Sicht ist trüb, Konturen verschwimmen und Farben wirken blass. Was für Sehende selbstverständlich ist, wird für sehbehinderte Menschen schnell zur Herausforderung im Alltag. Wie sich eine solche Einschränkung anfühlen kann, erlebten Schülerinnen und Schüler letzte Woche beim Schulhaus Stumpenboden in Feuerthalen. Dort machte das Erlebnismobil der Christoffel-Blindenmission (CBM) von Mittwoch bis Freitag halt. Die CBM ist eine christliche internationale Entwicklungsorganisation, die Menschen mit Behinderungen in Armutsgebieten unterstützt.
Unterwegs im dunklen Gang
Das Erlebnismobil ist ein Lieferwagen mit einem rund zwei mal sechs Meter grossen Gang im Innern. Darin tasten sich Schülerinnen und Schüler durch einen Erlebnisparcours mit verschiedenen Gegenständen, Hindernissen und unterschiedlichen Bodenbelägen. Dabei tragen sie eine spezielle Milchglasbrille. «Damit können die Kinder nachempfinden, wie eingeschränkt die Sicht bei einem weit fortgeschrittenen Grauen Star sein kann», erklärte Stefan Leu von der CBM, der das Mobil betreute.
Am Freitagnachmittag war die 3./4. Klasse aus Langwiesen an der Reihe. Vorsichtig tasteten sich die Schülerinnen und Schüler durch den dunklen Gang. Die Hände suchten Halt an der Wand, die Füsse prüften jeden Schritt. Immer wieder stiessen sie auf Gegenstände oder ungewohnte Untergründe. «Was ist das?», rief plötzlich jemand. Ein anderer fragte erstaunt: «Hä, ist hier Wasser?» Sie mussten sich vor allem auf ihren Tastsinn und ihr Gehör verlassen.
Als die Jungen und Mädchen den Parcours später noch einmal ohne Brille durchliefen, war die Überraschung gross. «Ah, das war ja nur eine Blume, keine Schlange!», rief ein Schüler. Andere staunten, welche Gegenstände sich im Dunkeln so ungewohnt angefühlt hatten.
Zum Abschluss fragte Stefan Leu die Kinder, an welchen Stellen sie sich Hinweise gewünscht hätten. Viele nannten sofort die kleine Stufe am Anfang des Parcours. Mehrere waren kurz ins Stolpern geraten. Auch Stühle am Eingang sorgten für Verwirrung. «Solche Situationen zeigen, wie wichtig klare Hinweise und Orientierungshilfen für Menschen mit einer Sehbehinderung im Alltag sind», erklärte er.
Mit anderen Sinnen unterwegs
Während ein Teil der Klasse das Erlebnismobil besuchte, probierten die anderen auf dem Schulplatz verschiedene Posten aus.
Dort konnten sie mit einem Blindenstock – auch Weissstock genannt – versuchen, sich ohne Sicht zu orientieren. An anderen Stationen spielten sie «Vier gewinnt» mit verbundenen Augen, setzten Puzzles zusammen oder rollten sich einen Ball zu, der Geräusche machte.
Schnell merkten sie: Ohne Augenlicht wird selbst ein einfaches Spiel zur Herausforderung. Wer den Ball halten will, muss genau hinhören. Beim Puzzle sind plötzlich die Fingerspitzen gefragt.
Immer wieder wurde gelacht, wenn jemand kurz die Orientierung verlor oder mit einem Klassenkameraden zusammenstiess. Gleichzeitig halfen sich die Kinder gegenseitig und führten einander durch die Übungen. Genau darum gehe es, sagte Stefan Leu. Sehende Menschen sollten erleben, welche Herausforderungen blinde oder stark sehbehinderte Personen im Alltag bewältigen müssten.
Einige Kinder brachten auch eigenes Wissen ein. Sie erzählten etwa von der Blindenschrift auf Liftknöpfen oder von tastbaren Markierungen an Treppen, die Menschen mit Sehbehinderung im Alltag Orientierung geben. Nachdem die Schülerinnen und Schüler den Tastgang im Erlebnismobil sowie die verschiedenen Posten absolviert hatten, erhielten sie zum Abschluss altersgerechte Informationen über die Ursachen von Blindheit.
Der Graue Star ist eine Augenerkrankung, bei der sich die Linse im Auge nach und nach eintrübt. Dadurch wird das Sehen immer schwieriger: Bilder wirken verschwommen, Farben erscheinen blasser, und viele Betroffene haben das Gefühl, durch einen Schleier zu schauen. In einem fortgeschrittenen Stadium können Betroffene nur noch zwischen hell und dunkel unterscheiden.
Am häufigsten tritt der Graue Star im höheren Alter auf, wenn sich die Augenlinse im Laufe des Lebens verändert. In ärmeren Regionen der Welt sind jedoch auch Kinder betroffen. Ursachen können etwa Infektionen während der Schwangerschaft (zum Beispiel Röteln), genetische Faktoren oder Mangelernährung sein. Auch Augenverletzungen, Entzündungen oder Krankheiten wie Diabetes können eine Rolle spielen. In den meisten Fällen lässt sich die Erkrankung jedoch mit einer Operation behandeln.(st)
Wenn die Welt dunkel wird